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Maxim Znak „Zekamerone“: Jede Zelle ist ein Planet

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Von: Cornelia Geißler

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August 2020: Ex-Kunstminister Pavel Latuschko (l.), die Oppositionelle Maria Kolesnikova und Maxim Znak bei einer PK. Im September wurden Kolesnikova und Znak verhaftet, Latuschko ging ins Exil.
August 2020: Ex-Kunstminister Pavel Latuschko (l.), die Oppositionelle Maria Kolesnikova und Maxim Znak bei einer PK. Im September wurden Kolesnikova und Znak verhaftet, Latuschko ging ins Exil. © AFP

Freiheit im Kopf: Maxim Znak, Oppositionsanwalt in Belarus, schmuggelt 100 Geschichten aus dem Gefängnis – jetzt erscheint sein „Zekamerone“ auf Deutsch.

In der Untersuchungshaft nähert sich das Jahresende, und da in Belarus wie einst in der Sowjetunion das Neujahrsfest gefeiert wird, wollen die Gefangenen sich etwas von Väterchen Frost wünschen. Einer beginnt einen Antrag an die Gefängnisleitung zu schreiben, die anderen geben Ratschläge. Freiheit zu verlangen, wird schnell als absurd verworfen. Auch „Hofgang mit Mädchen“ scheint nicht realistisch, Wodka sei da schon besser. „Eine Idee folgte der anderen“, schreibt Maxim Znak. „Am Ende baten sie Väterchen Frost um einen Besen und eine Bürste für die Kloschüssel.“

Es ist die 16. Geschichte in Znaks Buch „Zekamerone“, das jetzt auf Deutsch erschienen ist. „Buch“ klingt so normal, als könnte man den Autor demnächst auf Lesereise in Deutschland antreffen. Das ist unmöglich. Keiner weiß, wie lange noch. Es wird erst möglich sein, wenn Belarus, das Land, in dem Znak als Anwalt arbeitete, in seiner Freizeit Songs schrieb und Marathon lief, demokratisch regiert wird.

Geboren 1981 in der Sowjetunion, schloss Maxim Znak sich dem Team des Präsidentschaftskandidaten Viktor Babaryko für die Wahlen im Sommer 2020 an. Als der festgenommen wurde, arbeitete Znak für Swetlana Tichanowskaja, die einzig zugelassene Gegenkandidatin zu Lukaschenko. Und nachdem sie ins Ausland geflohen war, gehörte er mit Maria Kolesnikowa zum Koordinierungsrat der demokratischen Bewegung. Sie wurde am 7. September 2020 verschleppt und inhaftiert, er wurde am 9. September von maskierten Männern gekidnappt, in Untersuchungshaft verbracht und 2021 zu zehn Jahren Straflager verurteilt.

Alle Geschichten des „Zekamerone“ spielen im Gefängnis. Sie erzählen von Menschen, die auf engem Raum unter strengsten Regeln zusammengesperrt sind, die lieber Schmerzen aushalten, als einen Arzt zu rufen, die warten, dass die Tage vergehen, aber am Tag nie schlafen dürfen, die immer auf Post hoffen und selten welche bekommen. Menschen, die Geschenke brüderlich teilen, Menschen, die erbrachte Solidarität schnell vergessen. Einzelhaft droht als Bestrafung wegen kleinster Regelübertretungen, die mit unzureichender Rasur anfangen können. Znak erzählt vom Putzen des Einzelhaftkarzers, wobei das Scheuerwasser bestenfalls braun wird („mit Eimer und Lappen ausgerüstet, machte er sich an die archäologischen Ausgrabungen“), von wachsenden Schimmelpilzen an der Wand, von der Begegnung mit Kakerlaken.

Dass es jetzt dieses Buch gibt, ließe sich als ein Wunder beschreiben. Weil es gelungen ist, die Geschichten nach draußen zu schmuggeln, da Znak doch nur mit seiner engsten Familie (Ehefrau, Sohn, Vater und Schwester) Briefe wechseln darf, die kontrolliert werden. In einer Geschichte macht er sich Gedanken über die Zensoren, die gewiss Lieblingsautoren unter den Briefschreibern hätten. „Was, wenn jemand Briefe in Versform erhielt? Oder in Bildern antwortete?! Oder sich in den Briefen wie in einer spannenden Serie ein Drama entfaltete?“

Die eigentliche Sensation liegt darin, wozu der Häftling Maxim Znak geistig in der Lage ist. In seiner hoffnungslos zu nennenden Situation besitzt er die innere Freiheit, Literatur zu erschaffen. Es sind keine politischen Traktate wie die berühmten „Gefängnishefte“ des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci. Znaks Texte sind nicht so konkret wie die „Notizen und Geschichten“ des ukrainischen Regisseurs Oleg Senzow, die 2021 unter dem Titel „Haft“ als Buch herauskamen. Znak abstrahiert, verdichtet, verzerrt, findet Gleichnisse. Jede Zelle ist ein Planet im Sonnensystem des Gefängnisses, so schreibt er, „eine eigene Welt mit eigener Biosphäre, eigenen Gesetzen, Bräuchen und Memes“.

Das Buch:

Maxim Znak: Zekamerone. Geschichten aus dem Gefängnis. A. d. Russ. v. Henriette Reisner / Volker Weichsel. Suhrkamp, Berlin 2023. 242 S., 20 Euro.

Maxim Znak, der als Anwalt darauf geschult war, auf Details zu achten, greift aus dem deprimierenden Einerlei des Gefängnisalltags schrille Spitznamen, Schimpfworte, Bestrafungsrituale heraus und setzt sie in Szene. Schwarz ist sein Humor, so dunkel wie die Zelle bei abgestelltem Strom.

„Im Grunde leben alle Belarussen in einem Gefängnis“, schreibt Valzhyna Mort im Nachwort. Das Gefängnis, so groß wie ein ganzes Land, beherberge Haftanstalten mit Zellen, die in Znaks Geschichten „Hütten“ heißen. Man kennt Valzhyna Mort hierzulande durch drei Gedichtbände (und wer sie noch nicht kennt, dem sei ihr Band „Musik für die Toten und Auferstandenen“ ans Herz gelegt). Sie lebt in den USA, lehrt Poetik und Schreiben über Literatur; ihre Lyrik schreibt sie auf Belarussisch und Englisch.

Sie wurde wie Znak 1981 in Minsk geboren, gehört wie er „zu einer Generation von Belarussen, denen man das Versprechen gegeben hatte, sie könnten ein neues Land aufbauen“. Ihre Verbindung ist noch enger: Znak und sie waren zusammen auf dem Gymnasium, gemeinsam nahmen sie an Geschichtswettbewerben teil. Das Minsker Untersuchungsgefängnis Nr. 1, in dem er zuerst festgehalten wurde, wo er die Arbeit an seinem „Zekamerone“ begann, befindet sich unweit ihrer Schule. Die riesige Anlage wurde zur Zarenzeit erbaut und war unter Stalin Schauplatz von Hinrichtungen.

Der Titel der Sammlung lässt an Boccaccios „Decamerone“ denken, einen Zyklus von 100 Novellen, greift hier den umgangssprachlichen russischen Begriff für Strafgefangene auf, Zek. Das „Zekamerone“ enthält ebenfalls 100 Texte. Übersetzt wurde das Buch von Henriette Reisner und Volker Weichsel, sie erklären im Anhang die Anspielungen etwa auf die Strafmaße bestimmter Paragrafen-Ziffern, auf Charles Dickens oder die Serie „Game of Thrones“.

Die Haftanstalt, in die Znak inzwischen verbracht wurde, befindet sich vor den Toren der Stadt Witebsk, aus der Marc Chagall stammt. Den Weg der Texte nach draußen verrät die Nachwortautorin nicht. Sie zieht einen Vergleich zu den schwebenden Liebespaaren und Tieren in Chagalls Bildern. Sie schreibt über ihren einstigen Mitschüler: „Als ihm alles genommen wurde, erwies sich sein Wille, die Welt durch Sprache und Fantasie zu verändern, als die lebenswichtigste seiner vielen Fähigkeiten. Die Freiheit des Ausdrucks kann einem nicht genommen werden.“

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