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„Er ist Teil der Traumwahrheit und er taucht immer dann auf, wenn die Menschen von anderen Menschen träumen“ – hier aber ein anderer, nicht Max Dax’ weißer Berliner Fuchs.
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„Er ist Teil der Traumwahrheit und er taucht immer dann auf, wenn die Menschen von anderen Menschen träumen“ – hier aber ein anderer, nicht Max Dax’ weißer Berliner Fuchs.

Roman

Max Dax: „Das Leben liegt in Scherben, aber der Wein schmeckt mal wieder fantastisch!“

  • Bascha Mika
    VonBascha Mika
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Max Dax über das Aushalten von anderen Realitäten, 365 und eine Nacht, das Verrinnen der Zeit, die Magie des Alltags und seinen Roman „Dissonanz“.

Max Dax, Ihr kürzlich erschienener Roman „Dissonanz“ trägt den Untertitel „Ein austauschbares Jahr“. Warum schreiben Sie über ein Jahr, das angeblich ist wie jedes andere?

Das Geschäftsjahr 2009/10 war ja kein Jahr wie jedes andere. Als Chefredakteur der „Spex“ begegnete ich auf zahllosen Reisen den interessantesten Menschen – und habe ihnen allen zugehört. Wenn man aber täglich zuhört, muss man aufpassen, dass im Rückblick nicht zwei, vier oder sogar zehn Jahre zu einem ungenauen Erinnerungsklumpen verschwimmen. Dann kann man zwar von Lebenserfahrung sprechen, aber zeitlich nichts mehr konkret zuordnen. Deshalb unternahm ich den Versuch, die Abläufe eines Jahres einmal akribisch zu kartographieren. Nur durch die Fixierung ist ein Jahr dann kein austauschbares mehr.

Und wovon handelt der Roman?

Da gibt es zum einen eine Geschichte unerwiderter Liebe, die auch im 19. Jahrhundert spielen könnte, und zum anderen die Schilderung einer Suche nach Identität im Angesicht historischer deutscher Schuld. Vor allem aber erkunde ich, wer da eigentlich schreibt und was überhaupt als berichtenswert durchgeht. Die Geschichte von „Dissonanz“ beschreibt also das, was übrig bleibt, wenn man sich ernsthaft die Frage stellt, was man eigentlich zu erzählen hat. Das Buch ist phasenweise autobiografisch, an anderen Stellen aber fiktiv bis ins Surreale.

So wie der Fuchs, der immer mal wieder auftaucht?

Das ist der weiße Stadtfuchs, der in Berlin nachts zutraulich durch die Straßen streift. Er ist Teil der Traumwahrheit und er taucht immer dann auf, wenn die Menschen von anderen Menschen träumen. Das ist für mich eine schlüssige Erklärung für diesen Stadtfuchs, denn ihn gibt es tatsächlich, und er läuft auch neben einem her, solange man nicht mit ihm spricht.

Der Fuchs als das Besondere und dennoch Teil des Alltags?

Es geht um die Magie des Alltags. Der sogenannte, oft gescholtene Alltag ist für mich das Interessanteste am Leben, worüber man schreiben kann – und vielleicht ist der Alltag auch am schwersten zu fassen. Vielleicht gibt es an einem Tag nur zwei, drei Sätze, die herausstechen. Vielleicht, weil am Nachmittag Alexander Kluge angerufen hat und einen entwaffnend einfach wirkenden Satz gesagt hat: „Es geschieht so ungeheuer vieles zur gleichen Zeit.“ Doch wenn man einfach weitermacht, verflüchtigen sich auch starke Sätze sehr schnell. Wenn man sie hingegen aufschreibt, bleiben sie bestehen. Und wenn man viele solcher Sätze aufeinander folgen lässt, weil sie es sind, die vom Tag übrig bleiben, kann natürlich der Eindruck entstehen, als sei der Alltag immer interessant. Das ist er aber tatsächlich – wenn man nur richtig fokussiert. Mir geht es um diese Verdichtung von Zeit, was passiert, wenn man die wenigen aber regelmäßig wiederkehrenden Momente der Erkenntnis aneinanderreiht.

Eine Ihrer Figuren, der Kurator Hans Ulrich Obrist, spricht von „parallelen Realitäten“. Das ist auch Ihr Ding, oder?

Wenn Obrist von parallelen Realitäten spricht, meint er die Vielstimmigkeit der Menschen. Ich bin nie zur Universität gegangen. Meine Uni war, wie Juliette Gréco es nennt, „die Schule der Straße“, wo man zuhört, was die Leute einem erzählen. Ich finde es immer interessant, wie andere Leute leben, und ich bin sehr neugierig, wie sie denken. Deshalb höre ich zu und sage manchmal den ganzen Abend kein Wort. In den Bewusstseinsstrom der anderen eindringen zu wollen, hat durchaus etwas Voyeuristisches. Doch je mehr Menschen man zuhört, desto mehr entdeckt man, aus wie vielen Perspektiven die Welt betrachtet werden kann. Das ist nicht nur wahnsinnig bereichernd, es verstärkt auch den Respekt und die Toleranz. Man merkt, dass man andere Realitäten aushalten kann und die prismatische Welt keine Bedrohung ist. Und dann gibt es ja auch noch die Hyperrealität und die Wahrheit der Träume.

Und dem wollten Sie literarisch auf die Sprünge helfen?

Ja. Je mehr wir die Sprache verdichten, desto mehr Trost kann sie spenden. Wir kennen das vor allem von gesungener Sprache: Eine Zeile in einem Lied im Radio kann ein Leben retten. Das kann Sprache, und das kann auch Literatur. Deshalb zitiere ich in „Dissonanz“ auch viel Literatur.

Stehen bei Ihnen literarische Vorbilder Pate?

Formal auf jeden Fall. Im 20. Jahrhundert wurde die Form des Romans – als eine Geschichte mit Anfang und Ende, mit Struktur und Spannungsbögen – durch James Joyce, Robert Musil, Rainald Goetz oder auch Fernando Pessoa aufgebrochen. An diesem Punkt wird es für mich interessant. Hier bietet sich ein Instrumentarium an, um die Welt und das eigene Leben beschreibbarer zu machen. Der Roman des 21. Jahrhunderts ist eine Erkenntnismaschine, die hilft, das Leben klarer zu betrachten.

Wenn etwas aufgebrochen wird, nicht mehr zusammen klingt, wie wir es gewohnt sind, hören wir schnell Dissonanzen. Deshalb der Titel Ihres Romans?

Ja, Dissonanz bedeutet Gleichzeitigkeit. Liebe und Trennung, das Leben liegt in Scherben, aber der Wein schmeckt mal wieder fantastisch! Der Erzähler begibt sich auf eine Odyssee, im Zuge derer er jeden Abend auf einer anderen Couch und in fremden Wohnungen schlafen muss. Nicht gerade ein harmonisches Leben. In „Le Sacre du Printemps“ von Strawinsky gibt es eine Dissonanz, von der es heißt, sie habe bei der Uraufführung eine Saalschlacht ausgelöst. Eine Dissonanz kann etwas triggern, in Schwingung bringen, damit sich die Dinge auch im Großen verändern.

Zur Person:

Max Dax, geboren 1969 in Kiel, war Chefredakteur von „Alert“, „Spex“ und „Electronic Beats“ und hat Ausstellungen kuratiert. Er veröffentlichte die Bildbände „Palermo“ und „Napoli“ sowie diverse Musikbücher. In Berlin betreibt er gemeinsam mit Luci Lux die Santa Lucia Galerie der Gespräche.

Er macht auch Musik als Mitglied der Bands Transhuman Art Critics und des Kunst-Musik-Kollektivs LAWBF. Er produzierte Alben und stellte 2020 gemeinsam mit seinem Vater Fritz Bauer die Kompilation „Maria Callas: Drama Queen“ (Warner Classics) zusammen.

Max Dax: Dissonanz. Ein austauschbares Jahr. Roman. Merve-Verlag, Leipzig 2021. 365 Seiten, 28 Euro.

Grundlage für „Dissonanz“ ist Ihr Blog beim Popkultur-Magazin „Spex“ aus dem Jahr 2009/2010. Warum kommt das Buch erst jetzt, so viele Jahre später?

Bereits 2010 wollte der Merve-Verlag den Blog als Buch veröffentlichen. Das hat mir damals unheimlich geholfen, diszipliniert am Ball zu bleiben. Dennoch fehlten dem Jahr, über das ich schreiben wollte, am Ende rund 80 Einträge. Diese fehlenden Einträge habe ich dann erst elf Jahre später liefern können. Erst der große Corona-Lockdown 2020 hat eine Tür wieder geöffnet, die ein Jahrzehnt lang verschlossen war. Ich konnte monatelang von abends zehn bis nachts um vier schreiben. Dabei galt die Grundregel: keinesfalls eine Welt antizipieren, wie wir sie heute kennen und erleben. Ich musste in meiner Zeitkapsel bleiben.

Sind Nachrichten, Beobachtungen und Gedanken von 2009 für heutige Leserinnen und Leser überhaupt noch interessant?

Und ob! Ich berichte schließlich von einer Welt, die es nicht mehr gibt. Als ich das Buch editierte, war ich schockiert, wen und was es alles nicht mehr gab: Claude Lanzmann und viele andere Menschen sind gestorben. Das Reisen mit dem Flugzeug, liebgewonnene Restaurants, Funktelefone und auch die „Spex“ gibt es nicht mehr. In elf Jahren ist so viel verschwunden.

Der Blog bei „Spex“ ist täglich erschienen. Warum war es Ihnen denn wichtig, diese Form für den Roman beizubehalten?

Die Tagebuchform ist eine Klammer, die es mir erlaubte, bestimmte Muster immer wieder als Variationen auftauchen zu lassen – ähnlich wie in „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Dann kann man schreiben, wie das Wetter war, wer angerufen hat, was auf dem Einkaufszettel stand, und was gegessen wurde. Ich bin ein großer Freund konkreter Lyrik. Kurt Schwitters hat Bilder gemacht, in denen er Straßenbahnfahrkarten von Hannover zu Selbstporträts erklärt hat. Denn anhand der Fahrkarten konnte man rekonstruieren, welche Wege er genommen hatte. Von solcherlei autarken Bewegungsprofilen bin ich total fasziniert.

„Dissonanz“ beginnt am 16. Juni, dem Bloomsday, dem Tag, an dem „Ulysses“ von James Joyce spielt...

... und endet auch an diesem Tag, ein Jahr und eine Nacht später. Damit haben wir 365 und eine Nacht, dadurch ist es schon fast wieder ein Märchen... Und dennoch bietet sich die Geschichte an, als wäre sie wirklich so passiert.

Welche Leserin, welchen Leser hatten Sie dabei vor Augen?

Es verhält sich eher umgekehrt: Ich würde zwar gern mal einen Tag im Kopf eines anderen Menschen verbringen und die Welt so sehen, wie er oder sie sie sieht. Aber bei diesem Text wollte ich an mir selbst interessiert sein dürfen. Wenn es mich fesselt, dann fesselt es sicher auch andere Leute – das war die Devise. Deshalb habe ich den Text während des Lockdowns auch radikal zusammengekürzt auf die Absurditäten des Lebens, aber auch auf das Hineingeworfensein in die Geschichte, die deutsche Schuld. Ich wollte nicht zuletzt, dass man das Buch als Leser an einer x-beliebigen Stelle aufschlagen und zu lesen anfangen kann – wie eine Sammlung von Tageslosungen.

Stichwort deutsche Geschichte: Ihren Protagonisten nennen Sie V2 Schneider. Bekanntlich war die V2 Hitlers Wunderrakete, die er als „Vergeltungswaffe“ bezeichnete. Einen Namen zu übernehmen, der mit den Vernichtungsfantasien der Nazis verbunden ist – was soll das?

Weil der Begriff der „Vergeltungswaffe“ ein solcher Hohn ist! Was hatte Hitler denn zu vergelten...?

...und diesen Hohn gießen Sie in eine Figur?

...sicherlich. V2 Schneider ist ein in diese Welt Geworfener. Ich wollte seine Zerrissenheit zum Ausdruck bringen. Denn V2 Schneider geht schließlich akribisch wie ein Forensiker auf Spurensuche nach der Shoah. Und er findet Anzeichen eines aufkeimenden Antisemitismus im Jahr 2009, also zu einem Zeitpunkt, an dem noch nicht absehbar war, wie sehr sich die Lage bis zum Erscheinen des Buches 2021 verschärfen würde. Gleichzeitig ist „V2 Schneider“ einer der besten Songs von David Bowie – eine in Liedform gegossene Vorstellung dessen, was in seinen Augen ein Deutscher ist. Es ist kein Widerspruch, den Zusammenbruch von Gewissheiten wie zum Beispiel einer bundesrepublikanischen Nachkriegskontinuität zu bedauern und zugleich ein hedonistisches Leben zu beschreiben.

Stimmt: Im Roman geht’s ständig ums Kochen und Essen, um den richtigen Wein und den besten Kaffee...

Vor allem geht es aber um die erzählerische Qualität des täglichen Brots und nicht um Luxus. Fernando Pessoa hat seinem „Buch der Unruhe“ einen wundervollen Aphorismus vorangestellt, in dem er über das Paradies auf Erden schreibt – ein kleines Bahnhofsrestaurant in der Provinz, in dem es nur einfache Gerichte, Fleisch, Gemüse, Brot, Kaffee und den Hauswein gibt. Für ihn ist dieses unscheinbare Restaurant das Paradies. Und so empfinde ich auch – denn das sind die Orte, in denen sich Menschen zum Gespräch treffen können – und von nichts abgelenkt werden.

Interview: Bascha Mika

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