Mauscheleien mit Methode

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Der Journalist Jürgen Roth nennt in "Deutschlandclan" Gründe für den Niedergang der demokratischen Kultur

In dem filmischen Meisterwerk "The Life and Death of Colonel Blimp" von Michael Powell und Emeric Pressburger sagt ein deutscher Emigrant, als konservativer Ex-Offizier habe er 1933 geglaubt, die bis dahin drangsalierten "braven Bürger" würden "die Verbrecher" wieder ins Gefängnis stecken. Doch dann mussten er und seinesgleichen lernen, dass tatsächlich die Verbrecher die braven Bürger ins Gefängnis steckten. Verfolgt man die Tätigkeit des Journalisten Jürgen Roth und liest sein jüngstes Buch "Der Deutschlandclan", fällt einem unweigerlich diese Szene ein.

Denn in "Deutschlandclan" geht es um nichts anderes als um die kriminelle Energie, die nach Meinung Roths allzu viele entwickeln, die sich in diesem Land mit politischer und / oder ökonomischer Macht ausstatten. Und dann dafür sorgen, dass diejenigen ohne Macht grundsätzlich - und traditionsgemäß - den Kürzeren ziehen. Das ist nicht direkt ein "Gefängnis" für die Deutschen, aber auf jeden Fall eine ausweglose Situation dank skrupelloser Korrumpierbarkeit und bodenlosem Zynismus. So sieht das der Moralist Roth und dagegen schreibt er an. Nicht erst mit "Deutschlandclan" und nicht erst seit gestern.

Wer betrügt, gewinnt

Aber der "Clan" verlangt mehr Aufmerksamkeit, denn Roth analysiert darin die jüngste Periode des Landes, die Ära Schröder. In den Mauscheleien jener Zeit erkennt er Methode. So hält er sich denn gar nicht erst lange auf: Der erste Teil des Buchs ist schon prophetisch "Der schleichende Niedergang der demokratischen Kultur in Deutschland" betitelt. Roth zitiert die gewiefte Aufpasser-Initiative "Business Crime Control" mit ihrer Einschätzung, die einzigen Deutschen mit Zukunftsperspektive seien die, die Steuer- und Sozialbetrug in großem Stil pflegten.

Sodann jagt Roth durch die schwindende bundesdeutsche Beschaulichkeit und sammelt Beispiele aus der Globalisierungspraxis, um das Pauschalurteil zu untermauern. Viele deutsche Politiker helfen ihm dabei. Zuerst Gerhard Schröders Kanzleramtsminister Bodo Hombach, dem Energiekonzerne das Eigenheim gebaut haben sollen und der später in Rumänien ähnlich aktiv gewesen sein soll im Aufbau korrupter Systeme, wie Roth rumänische Journalisten zitiert. Es wird an Peter Hartz erinnert, der noch bei VW seine Zigarren auf einer Firmenkostenstelle verbuchte, während Arbeitsplätze in Wolfsburg sich in Luft auflösten. Die Aktivitäten der sozialdemokratischen Mandatsträger Florian Gerster (Ex-Chef der Agentur für Arbeit) und Sigmar Gabriel (jetzt Umweltminister) untersucht Roth auch und zieht negative Schlüsse.

Mecklenburg-Vorpommern wird als Ausverkaufs- und Bereicherungskolonie vorgestellt, in der es anfangs nicht unbedingt ein Parteibuch zum Erfolg brauchte: Stasi-Kontakte reichten. Heute bei der CDU zu sein, scheint sich als guter Schritt zum Erfolg zu erweisen. Roth pickt sich Eckardt Rehberg, Mitglied des Bundestags, heraus: Ost-CDU, nach 1989 Landesparteichef und Fraktionsboss im Landtag. Zum Bundestagskandidat soll er sich alleine nominiert haben. Seinen 50. Geburtstag ließ er mit einem Festgottesdienst begehen. Und so geht es in einer Tour d'Arrogance weiter: Es treten auf hämisch absahnende Anlageberater in Frankfurt, zwielichtige deutsch-syrische Geschäftemacher und ihre noch zwielichtigeren Kumpels im Reichstag, albanische Flüchtlingsfamilien, die abwechselnd Kader der Organisierten Kriminalität und - mit Hilfe deutscher Politiker - Staatslenker in Kosovo sind. Das von der Justiz so bezeichnete "kriminelle Imperium" des Manfred Schmider, in dem sich nach Roths Recherchen auch so manches Mitglied der politischen Kaste Baden-Württembergs wohlfühlte.

Des Altkanzlers neue Karriere

Wo Roth anfing, kehrt er auch hin zurück: Gerhard Schröder. Die neue Karriere des Altkanzlers in der russischen Energiebranche wird systematisch seziert: Wie viel Macht hat Ex-KGB-Mann Wladimir Putin über die Organisierte Kriminalität seines Landes? Wie weit ist die mit der russischen Wirtschaft verstrickt? Welche Rolle spielt der Tschetschenienkrieg? Welche die deutsche Politik? Was weiß Schröder von alledem?

Roth hört bei Schröder nicht auf. Der Schweinereien - so simpel ist das zu formulieren - gibt es in diesem Land noch reichlich mehr. Und Roth haut sie dem Leser um die Ohren, auf dass niemand je sagen wird können, er oder sie habe "nichts davon gewusst". Das ist Aufklärungjournalismus im besten Sinne: Roth hat sich einer Lebensaufgabe verschrieben, nimmermüde den Mächtigen auf die Finger zu schauen.

Eben jenes Nimmermüde ist allerdings auch ein Nachteil von Roths Buch. Der "Clan" vermittelt: Es war schon vor seinem Erscheinen so und danach werden die Mächtigen noch viel dreistere Betrugsmethoden austüfteln. Da lässt es sich leicht resignieren. Dagegen stellt Roth den kritischen demokratischen Diskurs neuer Bürgerbewegungen wie "Business Crime Control" und "Transparency International". Das ist gut. Aber es ist auch zu kurz.

Der größte Skandal im "Clan" ist, dass die Deutschen, die es besser wissen müssten, was passiert, wenn nicht jeder wachsam in der Demokratie mitmacht, den "schleichenden Niedergang der demokratischen Kultur" zugelassen haben. Die Mächtigen Deutschlands können mit ihrer Macht nur so Schindluder treiben, weil es niemanden kümmert - außer einigen wenigen wie Jürgen Roth. Der Autor spricht dieses Versagen so direkt nicht an. Er hat seine Gegner gefunden. Diese reflektive Systemkritik wird wohl jemand anderes übernehmen müssen.

Von Lenin ist das Bonmot überliefert, in Deutschland käme es nie zur Revolution, denn die Arbeiter würden vor Besetzung des Bahnhofs erst Bahnsteigkarten ziehen wollen. Es ist die traurige Erkenntnis der Lektüre von "Deutschlandclan", dass zwar Bahnsteigkarten und Arbeiter aus Deutschland verschwunden sind, der Sachverhalt aber geblieben ist.

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