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Autorin der seltsamsten Krimis weit und breit: Sara Gran.

Sara Grans

Die Maus mit dem seltenen Lehrbuch

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Ein Krimi – und noch mehr: Sara Grans dritter Claire-DeWitt-Roman „Das Ende der Lügen“.

Sara Gran schreibt die seltsamsten Kriminalromane weit und breit. Und das ist als Kompliment gemeint. Man wird in ihnen von Satz zu Satz weitergezogen, aber regelmäßig sind auch Stolpersätze eingebaut, die man nochmal und durchaus auch ein drittes Mal liest, weil man die Dinge so noch gar nicht gesehen hat, weil sie eine ungewohnte Perspektive auf das Leben bieten oder weil sie schlicht ein wenig (ein ziemlich großes Wenig) absurd sind. Fantastisch. Surreal. Überlebensgroß. Ihre Krimis sind selbst wie diese Formulierung aus „Das Ende der Lügen“, die sich auf Künstler bezieht: „sie waren wie alle Menschen, nur noch mehr.“

Nur noch mehr, das trifft es wirklich recht gut. Denn wenn der Amerikanerin Sara Gran danach ist, dann lässt sie ihre Detektiv-Heldin Claire DeWitt in einem Hotelzimmer in Las Vegas einer weißen Maus begegnen, die in ihren Pfoten das rare Lehrbuch des großen Jacques Silette hält und es auf Seite 45 aufschlägt. Und wenn ihr außerdem danach ist, lässt sie völlig unerklärt, ob Claire den Moment halluziniert oder geträumt hat oder ob es im Gran/DeWitt-Universum gelehrte Mäuse gibt. Die im Übrigen auch Leser der Nummer 21 eines Comics, des „Cynthia Silverton Mystery Digest“ sein könnten; auch der spielt hier eine nicht geringe Rolle.

Sara Gran: Das Ende der Lügen. Kriminalroman. A. d. Eng. v. Eva Bonné. Heyne, München 2019. 348 S., 16 Euro.

„Das Ende der Lügen“ ist Sara Grans dritter Claire-DeWitt-Roman, im englischen Original heißt er nach einem der darin verhandelten Fälle „The Infinite Blacktop“, der unendliche Asphalt. Jemand hat im Oakland des Jahres 2011 versucht, die „beste Detektivin der Welt“ (Claire über Claire) umzubringen, fünf Tage, nachdem sie auf eine Annonce geantwortet hatte. Sie beschließt daraufhin, nach Las Vegas zu fahren und in eigener Sache zu recherchieren. Erinnert sich gleichzeitig an „Das Rätsel des KBSE“, das sie 1999 in Kalifornien löste: kam der Künstler Merritt Underwood durch einen Unfall ums Leben oder wurde er umgebracht? Und was geschah davor beim Unfalltod seiner genialen, von vielen geliebten Künstlerfreundin Ann?

Seltsame Namen von seltsamen Fällen purzeln bei Sara Gran durch die DeWitt-Bände, dass der Leserin manchmal der Kopf schwirrt. Hier zum Beispiel auch der 1985 vom detektivischen Teenagerinnen-Trio Claire, Kelly und Tracy gelöste „Fall der Gestohlenen Muschelschale“, von dem auf weniger als zwei Seiten erzählt wird. Es geht um eine Frau, die ihrer Schwester notfalls mittels eines Verbrrechens zeigen wollte, wie sehr sie sie verletzt hatte. Und es geht darum, ein neues Leben anzufangen.

Entlang der unendlichen Asphaltstraße dieses absonderlichen Romans gibt es nicht wenige Menschen, die radikal neu anfangen. Die beste Detektivin der Welt kann zwar im Notfall auch scharf schießen, aber vor allem muss sie jeweils verstehen, was diesen Menschen passiert ist und für was sie sich entschieden haben. DeWitt-Krimis sind immer auch augenzwinkernd lebensphilosophisch. Schließlich hat Claire durch die Lektüre von Jacques Silette gelernt, der unter anderem schrieb: „Der Weg zur Wahrheit ist krumm und unrühmlich. Aber die Hingabe des Detektivs muss absolut lotrecht sein, so schnurgerade wie ein amerikanischer Highway.“ Die Krimis Sara Grans wiederum sind krumm und schräg, aber unrühmlich sind sie nicht.

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