+
Die taffe Mutter Emily leitet die Pralinenmanufaktur.

Kriminalroman

Matthias Wittekindt: Die Brüder Fournier – Jungen sind eben Jungen

  • schließen

Matthias Wittekindts Roman „Die Brüder Fournier“ über zwei seltsame Geschwister.

Verwirrende Klarheit“ ist ein Kapitel des neuen Romans von Matthias Wittekindt überschrieben; die zwei Wörter würden sich auch als Titel für das Buch eignen, denn der Autor klärt durchaus einiges auf um den Tod zweier Teenager, Pauline und Aaron, aber beileibe nicht alles: Und dort, wo er Leerstellen lässt, sind die Schatten tief und ja, manchmal auch verwirrend.

Wittekindt, Jahrgang 1958, entfernt sich außerdem noch weiter vom traditionellen Kriminalroman als mit dem Vorgänger „Die Tankstelle von Courcelles“ (2018). Wie auch anders, wenn Iason Fournier sich tatsächlich nicht erinnern kann, ob er Sophie von der Straße ziehen wollte, damit sie in dieser nebligen Nacht nicht überfahren wird, oder ob er sie gepackt hat, um sie zu vergewaltigen.

„Die Brüder Fournier“ erzählt vom Aufwachsen zweier Jungs, Iason und Vincent, im Belgien der 60er und 70er Jahre. Mutter Emely ist eine taffe Geschäftsfrau, sie leitet die Pralinenmanufaktur und verwaltet den Immobilienbesitz der weitverzweigten Familie, und jeder muss verstehen, dass sie nicht gerade viel Zeit für die Kinder hat. Noch viel weniger für seine Söhne vorhanden ist allerdings der Vater, Auguste Fournier. Das architektonisch gewagte Restaurant aber ist nach ihm benannt, dessen Bau wiederum Emely bei den Behörden durchsetzt und überwacht.

Das Buch

Matthias Wittekindt: Die Brüder Fournier. Kriminalroman. Edition Nautilus, Hamburg 2020. 270 S., 18 Euro.

Pass auf deinen Bruder auf, sagt also Emely zum größeren und stärkeren, sich gern und viel prügelnden Iason. Aber wie ist das seltsam bei der Beerdigung der Großmutter, da muss Vincent – vor ein paar Tagen konnte er gar nicht mehr aufhören, um seine Hasen zu weinen – seinen Bruder, der weiß ist wie die Wand, an der Hand nehmen und aus der Kirche führen.

Er kommt „zu den Idioten“

Zum Thema „Psychodynamik von auffälligem Verhalten“ hat Wittekindt sich für diesen Roman schlau gemacht. Es ist vor allem Iason, der zunehmend durch Aggressivität auffällt (aber Vincent ist ein tiefes Gewässer), der Gespräche beim Psychologen hat, trinkt und Joints raucht (im Restaurant „Auguste“ kann man zum Beispiel unbemerkt Whiskey klauen), der in eine Klinik „zu den Idioten“ kommt, in U-Haft gesteckt wird wegen der Sache mit Sophie. Ausgerechnet die Frau vom Jugendamt und ein Polizist haben gesehen, dass er auf dem schreienden und sich wehrenden Mädchen drauflag. Aber dann zieht Sophie ihre Anzeige zurück.

Iason und Vincent haben eine ziemlich heillose Kindheit und Jugend im spießigen Envie, das Matthias Wittekindt zu einem Vorort von Brüssel macht. Heillos, obwohl es einige Leute durchaus gut mit ihnen meinen, obwohl Pfarrer Jacobsen mit den Teenagern immer sehr ernsthaft diskutiert, auch über den Vietnamkrieg, obwohl der junge Psychologe, der Iason in der Klinik befragt und beobachtet, für ihn unbedingt eine musikalische Ausbildung empfiehlt. Die Fourniers vergessen das erst einmal. Emely findet es ohnehin normal, dass ein Junge wild ist und Grenzen überschreitet. Iason seinerseits findet es völlig normal, dass seine Mutter ihn schlägt, auch noch, als er 17 ist.

Nuanciert, hochkomplex erzählt Matthias Wittekindt diesmal einen doppelten Coming-of-age-Roman – und darüber hinaus, bis zu den alternden Vincent und Iason. Viel Krimi steckt da nicht drin, spannend ist es trotzdem.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion