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Ein Fisch begegnet sich selbst.

Matthias Nawrat

Aufstieg in die Losigkeit

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Begegnungen: Matthias Nawrats stiller, intensiver Roman „Der traurige Gast“.

Er verschweigt uns nicht nur seinen Namen, sondern gibt auch sonst nicht viel von sich preis. Immerhin kann man davon ausgehen, dass der Erzähler einiges mit Matthias Nawrat, dem Autor des Buches, zu tun hat. Er ist wie dieser im polnischen Opole geboren, knapp vierzig und wohl „Der traurige Gast“ des Titels. Er lebt mit einer Veronika zusammen in einer Wohnung im Wedding. Eine gute Partnerschaft? Kommen sie finanziell zurecht? Schließlich ist er Schriftsteller und wird in einer Tankstelle jobben. Wollen sie Kinder? Wie soll das gehen?

Diese Wohnung will er umgestalten lassen, aber das ist nur so eine Idee. Und auf die Frage der Architektin, bei der er deshalb vorspricht, ob er nur vorübergehend oder für immer dort leben will, erschrickt er und antwortet: „Erst einmal für immer. Später dann vielleicht nicht mehr.“ Wenn man bei diesen Sätzen verweilt, schneiden sie tief hinein in die Tragik des Unverbindlichen, des aufgeschobenen Lebens, des routinierten Verharrens im Uneigentlichen.

Ein Mensch ist ein Gast, wenn er nicht zu Hause ist. In diesem Roman, der sich wie ein Kaleidoskop aus lauter beiläufig tiefsinnigen Beobachtungen zusammensetzt und immer wieder in diese zerfällt, trifft der Gast auf ein paar Leute, die selbst nicht zu Hause sind, aber immerhin noch die Verbindung zu etwas Abgerissenem spüren, daran leiden: Besagte Architektin Dorota stammt ebenfalls aus Opole, ihre Familie wurde von den sowjetischen Behörden aus dem einst polnischen, zwischenzeitlich habsburgischen, dann westukrainisch-sowjetischen Stanislawow (heute Iwano-Frankiwsk) dorthin umgesiedelt, nachdem man die Deutschen aus Oppeln vertrieben hatte: „Jede Stadt ist, strukturell gesehen, ähnlich“, erklärt sie dem traurigen Gast, „sodass es offenbar möglich war, dort einfach wieder zusammenzuwohnen wie zuvor in Stanislawow. Wenn man von den Gefühlen absieht.“ Die Großmutter der Architektin hat ihre Koffer nie ausgepackt. Während der Gast ihr zuhört, kaut er auf einem selbstgebackenen Kuchen herum. Auf die Frage, ob er ihm schmecke, antwortet der ansonsten höfliche Gast mit einem Faux pas: „Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht.“ Seltsam auch die Reaktion der Architektin: „Ich backe ihn eher aus praktischen Gründen. Er wird aber beginnen, Ihnen zu schmecken.“

Die Architektin selbst hat es nach Schöneberg verschlagen, wo sie in einer Für-immer-Wohnung lebt, sich einen jahrelangen Streit mit dem Vermieter liefert und das Viertel wegen einer neuropathologischen Orientierungsschwäche nie verlässt. Muss sie auch nicht: „Jedes Stadtviertel ist strukturell gesehen gleich. Ich habe hier alles, was ich brauche.“ Sie wird sich das Leben nehmen.

Es gibt weitere solcher Begegnungen. Eine mit einem Freund, der Fische genetisch manipuliert und unglücklich mit seinem funktionierenden Familienleben ist. Eine andere mit dem Tankstellenkollegen Darius, einem ehemaligen polnischen Chirurgen, dessen Sohn bei einer Südamerika-Reise umgekommen ist. Der Gast lässt seine Blicke auf den Geschichten dieser Leute nur ein wenig länger ruhen, als wenn er sich aus dem Zugfenster die Balkone in den Straßen Berlins ansieht: Eingänge zu weiteren Lebensläufen, die sich abgekoppelt und einsam geben, aber in Raum, Zeit und Schicksalsgenossenschaft zusammenhängen. Das zeigt spätestens der Anschlag auf dem Breitscheidplatz.

Der Erzähler begibt sich bei seiner mehr oder weniger unbewussten, auf jeden Fall erfolglosen Suche nach der eigenen Identität in die Hände des Zufalls und empfindet dort offenbar mehr Zugehörigkeit als in seinem eigentlichen Dasein. Gleich bei der ersten Begegnung benennt er das Unbehagen vor dem Polnisch, das die Architektin spricht und das den Erzähler an seine Großmutter erinnert: In diesem „kulturell-genetischen Pool des alten Osteuropa“ sei eine längst untergegangene Vergangenheit noch präsent und lebe in Erinnerungen fort. Dieses Verstricktsein ist keine nostalgische Anwandlung, sondern ein albtraumhaftes Grauen, das den Erzähler an Joseph Conrads „Ins Herz der Finsternis“ erinnert.

Es ist vielleicht nur konsequent, wenn auch der Roman Fäden und Motive auseinanderdriften lässt, es fühlt sich so an, als würde man sich immer weiter vom Grund und aus der Gegenwart des Erzählers entfernen, in eine kosmische Losigkeit ohne Oben und Unten, ohne Gestern und Heute aufsteigen – und zugleich in dieser Leere gefangen sein. Von einem Leben im Uneigentlichen kann man keinen epischen Bogen erwarten. Umso mehr ein ziemlich großartiges und sehr trauriges Buch.

Matthias Nawrat: Der traurige Gast. Roman. Rowohlt, Reinbek 2019. 304 S., 22 Euro

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