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Kampfappell anlässlich des 25. Jahrestages der Errichtung der Berliner Mauer am 13. August 1986.
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Kampfappell anlässlich des 25. Jahrestages der Errichtung der Berliner Mauer am 13. August 1986.

Roman

Matthias Jügler: „Die Verlassenen“ – Die Stasi schreibt mit

  • VonUlrich Seidler
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Matthias Jüglers Roman „Die Verlassenen“ ist ein Meisterwerk der Knappheit.

Die Lebensgeschichte von Johannes Köhler ist vergiftet. Sie kann keinem Faktencheck standhalten. Sie ist voller Verluste, was schon schlimm genug wäre. Aber selbst diese Verluste sind nicht sicher und mit Rätseln verbunden.

Dass die Wahrheit über den Schlüsselmoment, der Johannes’ Biografie verpfuscht, ausgerechnet in den prinzipiell unzuverlässigen und potenziell fingierten Stasiakten dokumentiert wird, ist ein literarischer Clou des in Leipzig lebenden Schriftstellers Matthias Jügler. Er spielt ein bitteres Spiel mit der Authentizität, zumal die Akten in sehr echt wirkenden Pseudofaksimiles in das kleine Buch eingeschaltet sind. Es gibt Fotos, Rechtschreibfehler, blasse Schrift; das schlechte Papier scheint nach Staub und dem Spiritus des Ormig-Kopierverfahrens zu riechen.

Der Icherzähler Johannes ist wie Jügler Anfang der achtziger Jahre geboren und in Sachsen aufgewachsen. Johannes verliert im Alter von fünf Jahren seine Mutter, die in der 14. Woche mit einem Geschwisterkind schwanger war, an den Tod. Als er 13 wird, also schon ein paar Jahre nach dem Untergang der DDR, verschwindet der Vater. Fünf Jahre lebt Johannes dann mit der Großmutter zusammen, bevor auch die stirbt.

Es ist kaum verwunderlich, dass Köhler früh zu einem kontaktscheuen, nachdenklichen Menschen reift, der nicht viel vom Leben erwartet und schon mehr oder weniger zufrieden ist, wenn es ihn in Ruhe lässt. Er studiert Wirtschaft und findet einen Job als Buchhalter in der Verwaltung. Eher aus Versehen wird er Vater. Unter dieser Oberfläche aber rumort die epische Kraft des Lebens, fechten Verrat, Liebe, Tod und Wahn miteinander. Wobei Verrat in der DDR – das macht auch ihre Literatur besonders – durch die Stasi flächendeckend institutionalisiert war.

Das Buch:

Matthias Jügler: Die Verlassenen. Roman. Penguin, München 2021. 176 Seiten, 18 Euro.

Es gab also eine Instanz, die schicksalhaft in die Biografien hineinwirkte. Kein ehemaliger DDR-Bürger kann ausschließen, dass verschwörungspraktisch auf sein Leben Einfluss genommen wurde. Allein schon diese Möglichkeit einer solchen Einflussnahme bereichert die Autorenschaft von DDR-Lebensgeschichten und hält archaische Konflikte für Dramen und Tragödien bereit. Im Fall von Köhlers Eltern, die nahe Halle einen gesellschaftskritischen Lesekreis bilden und mit zaghaften Protestbekundungen ins Visier der Stasi geraten, entfalten Zersetzungsmaßnahmen und Operative Vorgänge ihre – übrigens auch für die Behörden unkontrollierbare – zerstörerische Kraft.

Der Text besteht aus kurzen Kapiteln, die in der Zeit springen. Die Sätze sind knapp, präzise, kraftvoll – sie atmen die Effizienz von einem niedergeschlagenen Erzähler, der mit seiner Energie haushält. Man bewegt sich beim Lesen auf eine offene Wasserfläche hinaus und tritt auf kleine Inseln, die scheinbar der Zufall vorbeitreibt. Jügler lockt einen so immer weiter vom Ufer weg. Und wenn man zurückblickt, zeigt sich das sicher geglaubte Land in einer völlig anderen Gestalt, wenn es nicht ganz vom Nebel verschluckt ist.

Dass es uns und dem Helden bis zu einem gewissen Punkt nicht anders geht und sich der Erzähl- und Orientierungsvorgang wie eine Operation am offenen Herzen vollzieht, macht die Identifikation mit Johannes zu einem Abenteuer. Der Blick wird dabei auch auf die eigene Lebenserzählung gelenkt, die von schillernder Unzuverlässigkeit und Formbarkeit ist, übrigens auch ganz ohne Stasi.

Wie schon bei seinem Debüt setzt Jügler den Wert des Lebens ins Verhältnis zu seiner Flüchtigkeit. In „Raubfischen“ muss der Großvater des Protagonisten einen langsamen Tod sterben. Von seinem Endpunkt aus erscheint das Leben kostbar, aber seine Dramen verlieren an Wucht und Bedeutung – zur Trauer und zur Angst tritt im Rückblick eine relativierende Gnade.

In „Die Verlassenen“ wird das Leben von der Lüge gefressen. Johannes erkennt es und kann nichts daran ändern, sondern ist dazu verdammt, den Fluch an seinen Sohn weiterzugeben.

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