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Matthias Brandt.

„Blackbird“

Matthias Brandt „Blackbird“: Und Steffi ist ganz nah

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Matthias Brandts Roman „Blackbird“ erzählt mit großer Sympathie von jugendlichem Erwachen.

Matthias Brandt blickt abermals zurück. Das hat er schon in seinem gefeierten Prosadebüt „Raumpatrouille“ (2016) gemacht, worin er durchaus autobiographisch geprägte Erzählungen aus einer Kindheit als Sohn eines deutschen Bundeskanzlers versammelt hatte. Nun geht es um die Jugendjahre, allerdings in einem Roman und durchaus freier in der personalen Anlage. Motte, der eigentlich Morten heißt, erzählt von Mädchen und Musik, von der Scheidung der Eltern, die ihn ziemlich kalt lässt, und von der Schule, an der noch ein verkappter Altnazi als Sportlehrer seine Runden dreht. Vor allem aber erzählt er davon, wie er seinen besten Freund Bogi an den Krebs verliert.

Die Krankheit fordert und überfordert alle. Matthias Brandt schildert die Etappen von Verwunderung über Ratlosigkeit und neuer Hoffnung bis zur schlechtesten aller denkbaren Nachrichten mit hoher Glaubwürdigkeit und Nähe. Mottes Probleme, dem Freund Mut zu machen, weil er erst einmal nicht weiß, wie das geht, ist erfrischend ungeschönt. Eigentlich wollte der 15-Jährige ja nur sein altes Leben mit dem Freund wiederhaben. Aber dass er da nichts ausrichten kann, begreift er dann sehr schnell.

Es ist eine Jugend in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, deren Kolorit von Brandt mit feinen Tupfern verdeutlicht wird. Da gibt es noch Schornsteinfeger und keine FaceApp, da kann sich einer „gehackt legen“ und läuft im Kino „Bilitis“. Musik hat eine große Bedeutung. Zwar sind die beiden Freunde auf diesem Feld nicht immer einer Meinung. Aber „Blackbird“ von den Beatles, eines von Bogis Lieblingsstücken, kann auch Motte ertragen: Sie möge auffliegen, ruft Paul McCartney der Amsel zu, und dadurch die Freiheit erlangen, auf die sie so lange gewartet habe.

Schließlich die Mädchen. Erst einmal der Liebeskummer, als Jacqueline Schmiedebach im Kino doch lieber einen anderen küsst. Dann aber fällt sein Blick auf Steffi. Geht da was mit der Frau, die sich einmal mit einer Heugabel verletzt hatte? Motte meint: „Wahrscheinlich gibt’s für die wirklich wichtigen Dinge, die man fühlt, keine Worte. Jedenfalls nicht die richtigen.“ Das gilt für die Liebe. Das gilt für den Schmerz – als Motte einmal Bogis Krankenzimmer verlässt, fühlt er „etwas, das bitter schmeckte und kurz und grell aufleuchtete, als hätte ich die zuckende Neonröhre, an der wir eben vorbeigegangen waren, verschluckt.“

Die Ich-Perspektive sorgt dafür, dass in einem tendenziell flapsigen Ton geschrieben wird, „also echt, Leute.“ Ein „oder so“ oder ein „keine Ahnung“ flutscht immer wieder in den Redestrom. Einmal hört Motte aus einer Pförtnerkabine die Lautfolge „Mpfmmpfmmpfmomommpf?“ Die gefällt ihm so gut, dass er sie gleich noch einmal – dann aber in Versalien – wiederholt. Zu dieser Tonart passt, dass die Rechtschreibung vereinfacht wird, indem auf Apostrophe verzichtet wird. Daran muss sich der Leser erst einmal gewöhnen – an die „wies“, „gabs“, „wirs“, „dems“. Vielleicht hat der „Idiotenapostroph“ – exemplarisch wird der Sexshop „Dr. Müller’s“ angeführt – zum Totalverzicht geführt.

Kurzweilig und geschmeidig schnurrt der Roman um den sympathischen Helden voran. Zwar schrammt Motte manchmal knapp am Kitsch vorbei, wenn er uns erzählt, dass sein verliebtes Herz lauter klopft als die Tennisbälle aufploppen oder wenn sich ein Abschiedsschmerz meldet „auf der linken Seite, direkt unter den Rippen.“ Aber als pubertierender Erzähler darf man ja wohl mal emotional-stilistisch in die Vollen gehen. Überhaupt: Wunderbar beiläufig fängt Matthias Brandt die Verunsicherung der Pubertät ein. Die verdrucksten Annäherungsversuche, die neuen Welten, die vielen Fragen, Verlegenheit und Neugier. Das Abenteuer Jugend – hier wird es besichtigt mit einem Lächeln im Gesicht und einer Träne im Augenwinkel.

Ja, „Blackbird“ ist ein Roman voll der Sympathie fürs jugendliche Erwachen. Der Autor mag seine Figuren. So sehr sogar, dass er ganz zum Schluss doch noch ein Happy End für Morten kreiert. Da liegt Bogi zwar auf dem Friedhof, aber Steffi ist jetzt doch ganz nah.

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