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Matratzengolgotha

Martina Kieningers "Die Leidensblume von Nattersheim"

Von ULRICH RÜDENAUER

Noch gibt es, tief in der Provinz, Enklaven, in denen die Wundergläubigkeit groß und selbst der Papst nicht christlich genug ist. Ein hedonistischer Weltjugendtagskatholizismus gilt dort schon als Vorhof zur Hölle. Im schwäbischen Nattersheim der Martina Kieninger, gelegen auf direkter Bahnlinie "Tübingen Reutlingen Metzingen Nürtingen Plochingen Göppingen Donzdorf Geislingen", hat die reine Lehre noch ihre Fürsprecher. Zudem gibt es dort eine richtige Heilige, wenn auch - auf ihrem "Matratzengolgotha" liegend - in Wartestellung.

Emma Lochmüller heißt die gut Achtzigjährige, Metzgerstochter von Herkunft, Stigmatisierte und Leidende aus Berufung. Mit und in ihr passieren seltsame Dinge. Sie durchlebt nicht nur alle möglichen Höllen- und Krankheitsqualen an anderer Menschen Statt, kommt ohne Nahrung und ausscheidungslos durchs Leben, nein, der Heiland höchstpersönlich "schwätzt aus der Emma". Allein, die Erzdiözese Rottenburg - unter dem Einfluss Tübingens stehend - gibt sich aufgeklärt und misstraut der "Leidensblume von Nattersheim".

Man schickt den fortschrittlich gesinnten Pater Dankward zur Begutachtung des Phänomens. Es bleiben ernste Vorbehalte: "Man hört den Heiland rufen: Amen Amen, haid no soschd ens baradis neifara derfa. Dankward glaubt mittlerweile nicht mehr, dass irgendwas davon Hebräisch ist." Zweifel sind auch hinsichtlich der Visionen und Wunder Emmas angebracht. Dummerweise widerfahren ihr diese immer dann, wenn sie sich von unvoreingenommenen Beobachtern nicht bezeugen lassen. Der Heiland, weiß sie, mag die ungläubigen Wissenschaftler eben nicht. Deshalb fährt er, wenn sie zugegen sind, auch nicht in Emma hinein, um aus ihr zu sprechen.

Der Debütroman der 1966 in Stuttgart geborenen und heute in Montevideo lebenden Martina Kieninger ist vieles auf einmal: eine Provinz-, Religions- und zudem noch eine Wissenschaftssatire. Man darf vermuten, dass sich die Autorin im beschriebenen schwäbischen Milieu und als Chemikerin auch mit der Wunschproduktion und den Allmachtsfantasien der wissenschaftlichen Zunft gut auskennt. Es sind die kleinen Details, die an diesem Buch verzaubern, allerdings die gesamte Unternehmung nicht ganz retten können. Selbst die Satire verliert an Charme, wenn sie ihre Mittel überreizt und durch immer weitere Drehungen das Absurde überdehnt.

Blutende Hände, tiefgefrorene Köpfe

Martina Kieninger zieht in ihren Roman nämlich noch zwei weitere Ebenen ein und verschränkt diese mit der Emma-Episode: Da lebt im Nachbarort Ofterdingen der russlanddeutsche Schachspieler Tschitschisch, der Emma mit seinen Wundmalen Konkurrenz macht. Aus seinen Handflächen heraus blutet es tatsächlich immerfort, und seine gläubige Großmutter möchte darin ein Zeichen erkennen. Tschitschischs Förderer Teilhard Büchele, ein glückloser Unternehmer mit zwar nicht metaphysischen, aber doch heilsversprechenden Vorstellungen, ruiniert das Familienunternehmen, indem er die Kühlschrankfabrik für die Zukunftsmärkte fit machen will: Er spezialisiert sich darauf, von Leichen abgetrennte Köpfe tiefzufrieren, um sie dereinst mit laufendem Fortschritt der Biowissenschaften auf funktionstüchtigen Körpern zu installieren.

Erzählt wird uns die Teilhard-Geschichte von seiner Cousine Regine, die sich um das Erbe sorgt und ein wenig zu Überdrehtheit neigt. Teilhard nun kommt unter ungeklärten Umständen an einer Tankstelle zu Tode - die Spekulationen schießen ins Kraut, von sexuellen Abwegen wird geflüstert -, und das anrückende Rettungsteam trennt im testamentarischen Sinne Teilhard übereifrig und augenblicklich den Kopf ab. "Die Obduktion habe allerdings ergeben, dass der Teilhard am fachmännisch durchgeführten Absetzen des Kopfes vom Rumpf noch am Unfallort durch das ärztliche Personal des Rettungsteams gestorben sei, so steht es in den Akten."

Und das überstürzte Handeln der Retter lohnt sich noch nicht einmal: Der Kopf geht bei der Aktion verloren und wird erst Tage später in einem Gebüsch wiedergefunden. Für eine künftige Wiedergeburt ist es, da die Verwesung bereits eingesetzt hat, natürlich zu spät. Und was wird aus dem kopflosen Körper? Die Friedhofsverwaltung hat jedenfalls eine eindeutige Meinung: "Sondermüll" sei der Teilhard. So viel zur unantastbaren Würde des Menschen.

Es stehen sich also moderne Medizin, aufgeklärte Theologie und archaisch anmutende Wundergläubigkeit gegenüber. Die Vertreter der verschiedenen Milieus sind sich natürlich nicht grün. Es geht schließlich um eine ganze Menge: Das 21. Jahrhundert könnte nämlich den szientistischen Traum wahr und zum Alb werden lassen, dass alles Machbare auch gemacht wird. Zugleich aber basiert das Denken weiterhin auf irrationalem Grund, was nicht ganz ungefährlich erscheint. Lächerlich und bar aller Vernunft wirken jedenfalls fast alle, die bei Kieninger auftreten.

Übertreibungen, fast bis zum Slapstickhaften

Die Autorin liebt Übertreibungen fast bis zum Slapstickhaften, etwa wenn sie Teilhards Haupt eine Böschung hinabrollen lässt. Kieningers Ton aber hat etwas Unentschiedenes, schwankend zwischen dialektaler Nonchalance, die spöttisch klingen soll, und Bernhardschem Suadaton, der die Fama-Litanei der Beteiligten musikalisch unterlegen darf.

Das ist aber auch das Problem: Die verschiedenen Erzähler distanzieren sich, obwohl sie doch nahe dran sind, schon in der ironischen Sprache von ihren Figuren, die natürlich ausgestellt und vorgeführt werden sollen. Dem Leser bleibt da nicht mehr viel übrig, oder besser: keine Wahl. Alles ist allzu deutlich und überspitzt, oft ohne Raffinesse oder doppelten Boden. Es stellt sich im Lauf der Lektüre Überdruss ein. Man hat es längst verstanden, bekommt aber immer wieder neue groteske Wendungen präsentiert. So verbraucht sich die stellenweise aufblitzende Komik des Romans, und man leidet dann selber ein wenig mit, vor allem aber an der Leidensblume von Nattersheim.

Emma hingegen leidet am Ende vor allem an einer narzisstischen Kränkung: Da trennt sich ihr Gegenspieler Tschitschisch aus Verzweiflung seine blutenden Hände mit der Bandsäge des Lochmüllerschen Metzgereibetriebs ab, und diese Reliquien liegen schließlich "eingelassen in einem nicht ganz offiziellen Seitenaltar hinter Schauglas wie der Bischof zu Mantua". Um das Entscheidende jedoch, nämlich den Heiland, der aus Emma Lochmüller heraus spricht, "kümmert sich keiner, aber das ist sie ja gewöhnt, diese Undankbarkeit".

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