1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Mathijs Deen „Der Holländer“: Die gefährliche Stille des Wattenmeers

Erstellt:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

Es mag täuschen, dass es hier friedlich ist.
Es mag täuschen, dass es hier friedlich ist. © © epd-bild / Bertold Fernkorn

Mathijs Deens stimmungsvoller Kriminalroman „Der Holländer“.

In der schier unheimlichen Fülle der Kriminalromane sind alle Geschichten schon erzählt. Oder jedenfalls fast alle. Aber sie sind noch nicht auf jede Art und Weise erzählt. Und einer, der eigen und eigenwillig schreibt, ist der 1962 geborene Niederländer Mathijs Deen. Kann sein, dass er die Gelassenheit für einen individuellen Weg mitbringt, weil er vorher Kurzgeschichten und „normale“ Romane veröffentlicht hat und sich offenbar nicht unter Druck fühlt, den Genreregeln zu folgen.

Der Autor schlendert herum

So treibt er einerseits das Rätsel auf die Spitze: Wie kann ein Wattwanderer ermordet werden, wenn man eher nicht an die Schuld des einzigen Begleiters glaubt? Es ist ja nicht so, dass dem Opfer auf diesem schwankenden und sinkenden Terrain jemand hinterher schleichen kann. Andererseits ist „Der Holländer“ ein gelassen herumschlendernder Roman, der seine Hauptfigur, den Ermittler Liewe Cupido, zuerst gar nicht in die Mitte zu rücken wollen scheint.

Das Buch:

Mathijs Deen: Der Holländer. Roman. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Mareverlag, Hamburg 2022. 264 S., 20 Euro.

Dieser heute erscheinende Kriminalroman funktioniert wie ein Puzzle, bei dem man lange denkt: Unmöglich, dass das aufgeht. Aber auch wenn die letzten Teile dieses Puzzles mit ein wenig Gewalt eingepasst sind, so nimmt man die zufälligen, ungeordnet wirkenden Suchbewegungen nicht nur Cupidos gern als bare Münze.

Zwei erfahrene Wattwanderer also wollen vom ostfriesischen Festland nach Borkum gehen, es muss dafür perfekte Bedingungen geben: „Nipptide, hoher Luftdruck und kräftiger Ostwind“, erklärt Peter, derjenige, der es zurück geschafft hat. Normalerweise gehen sie zu dritt, aber der dritte, Aron, macht gerade in England Urlaub.

Für eine Berg- und Landratte spielt „Der Holländer“ in einem fremden, faszinierenden Milieu. Wo eine besondere Art von „Wanderern“ auf ihren Meeresspaziergängen mit einem Peilstock den Grund testen müssen. Und wehe, sie haben ihre Strecke falsch geplant. Wo sich die Niederlande und Deutschland ein bisschen um Sandbänke streiten – wem gehört diese Bank, wo genau verläuft die Grenze? Jeder Sturm kann sie ein Stück weit verändern. Und wo folglich auch der Tote mal von der einen Seite, mal von der anderen beansprucht wird. Aber war er nicht ein Deutscher? Aber lag er nicht auf einer holländischen Sandbank? Ein niederländischer Brigadekommandeur ist so sauer auf die Deutschen mit ihrem schicken Patrouillenschiff, dass er ein nagelneues Boot an der „Bayreuth“ schrottet.

Da muss der zweisprachige Cupido ins Spiel kommen, der in Deutschland geboren wurde, in den Niederlanden aufwuchs. Mathijs Deen zeichnet ihn als schweigsam, störrisch, nicht übermäßig freundlich – alles andere als ein Liebesbote. Aber als jemanden, der weiß, wo er sich Hilfe holen kann. So gondelt Liewe bald mit dem jungen Polizisten Xander durch die Gegend, der genau hinsieht – wenn er nicht gerade redet. Aber das viele Reden, das gewöhnt ihm der Ermittler schon ab.

„Der Holländer“ ist kein dicker Roman. Trotzdem liest er sich unaufgeregt, hat man das Gefühl, dass der Autor sich nicht hetzen lässt – ohne umgekehrt an irgendeiner Stelle geschwätzig zu werden. Und am Ende hat die Bergwanderin einiges gelernt, über die Gefahren wie die dunklen Schönheiten des Watts.

Auch interessant

Kommentare