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Die Schriftstellerin  Maryse Condé als Finalistin für den internationalen Man Booker Prize in London, 2015.
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Die Schriftstellerin Maryse Condé als Finalistin für den internationalen Man Booker Prize in London, 2015.

Autobiografische Schriften

Schriftstellerin Maryse Condé: „Ich begann, das Wort ,integrieren‘ zu hassen“

  • vonAndrea Pollmeier
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Erzogen im Sinne einer Welt, die sie nicht willkommen hieß: Zu den endlich ins Deutsche übersetzten autobiografischen Schriften der in Guadeloupe geborenen französischen Schriftstellerin Maryse Condé.

„Wie gut Sie Französisch sprechen!“ Das Kompliment eines Kellners im Nachkriegs-Paris wirkte auf Maryse Condés Eltern wie eine Verhöhnung. Die wohlhabende Familie aus Guadeloupe, einem der Übersee-Departements Frankreichs, sah sich selbstverständlich als französisch an. Umso ärgerlicher war es, dass man ihnen, die sich in Pointe-à-Pitre als respektierte „grands-nègres“ aus der französischen Karibik erlebten, trotz ihres Wohlstands, ihrer Umgangsformen und ihrer Bildung wie selbstverständlich eine französische Identität absprach.

Die Szene, die die Autorin Maryse Condé auf den ersten Seiten ihrer Kindheitserinnerungen beschreibt, zeigt nahezu beiläufig, in welch konflikthaftem Milieu sie aufgewachsen ist. Bis heute ist dieser Zwiespalt präsent. Obwohl Maryse Condé inzwischen zu den wichtigsten Autorinnen zählt, die in französischer Sprache schreiben, und sie 2018 mit dem Alternativen Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden ist, sieht sie sich zur französischen Gesellschaft nicht zugehörig und unterstützt – bisher eher aussichtslos – die Unabhängigkeitsbewegung ihrer Heimatinsel.

Doch bis sie in der Lage war, ihre familiäre Prägung abzuwerfen, brauchte es Jahrzehnte. In zwei autobiografischen Texten, die im Rückblick 1999 und 2012 entstanden sind und nun auch in deutscher Übersetzung vorliegen, erzählt sie von den Verwerfungen, die ihr Leben bestimmten.

Der begabten Tochter aus gutem Hause, 1937 geboren, schien eine günstige Zukunft zunächst gewiss zu sein. Im Band über das Leben in Guadeloupe, der unter dem Titel „Mein Lachen und Weinen. Wahre Geschichten aus meiner Kindheit“ von Ingeborg Schmutte übersetzt wurde, geht es um diese hoffnungsvollen ersten Jahre bis zum Abitur. Der scharfe, gesellschaftskritische Blick Condés zeigt in lebendig beschriebenen Sequenzen, was es bedeutet, in einer kolonialen Gesellschaft aufzuwachsen. Am Beispiel der eigenen Familie macht Condé das doppelbödige Konzept dieser die afrikanischen Wurzeln verleugnenden und vollständig an Frankreich ausgerichteten Gesellschaft sichtbar.

Wer nicht die richtige Herkunft hatte, nicht die richtige Schule besuchte, nicht im Viertel der Wohlhabenden wohnte und nicht Französisch, sondern Kreolisch sprach, stand gesellschaftlich sogleich tief im Abseits. Das galt selbst für die „grands-nègres“. An Orten, die primär von den „blanc-pays“, den auf Guadeloupe geborenen „Weißen“ genutzt wurden, waren auch Maryse Condés Eltern Ausgegrenzte.

Wie ein roter Faden durchzieht Maryse Condés Leben der Wunsch, sich aus dem Korsett fremder Ansprüche zu befreien. „Meine ganze Kindheit war ich in die französischen, die westlichen Werte integriert worden, ohne es zu wollen, weil meine Eltern es so entschieden hatten“

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Dennoch hielten sie daran fest, die Kinder im Geist einer Welt, die sie nicht willkommen hieß, zu erziehen. Lokale Feste mit Volksmusik und Tanz oder auch der Kontakt zu Kreolisch sprechenden Kindern waren verboten. „Papa und Mama sind zwei Entfremdete“, kritisierte bereits Condés Bruder Sandrino dieses Verhalten. In dieser Weise „behütet“ wächst Maryse Condé auf, ahnungslos nah an der Grenze von Verachtung und Erniedrigung. Nach ihrem Abitur verlässt sie Guadeloupe, um in Paris zu studieren. Sie folgt dem angesagten Weg, den Kinder der Bourgeoisie auch heute noch durchlaufen. Universitätsabschlüsse, die im bürgerlichen Milieu wertgeschätzt werden und eine Karriere ermöglichen, sind nur auf dem Festland zu erzielen.

Für Maryse Condé leitet diese Zeit eine Wende in ihrem Leben ein. Sie verkehrt in Paris in den Kreisen revolutionärer Intellektueller, die gegen postkoloniale Strukturen kämpfen. Dort verliebt sie sich in Jean Dominique, einen der bekanntesten Intellektuellen Haitis. Sie wird schwanger, bleibt jedoch allein zurück in Paris, als dieser 1955 nach Haiti zurückkehrt.

Maryse Condé erlebt sich nun als eine „Gefallene“, die von ihren Kreisen gemieden wird. Sie heiratet, um die „Schande“ zu tilgen, den aus Guinea stammenden Schauspieler Condé, dessen Vornamen sie im Buch nicht nennt. In ihrer Autobiografie „Das ungeschminkte Leben“, von Beate Thill übersetzt, schildert die Autorin die nun folgenden Erfahrungen. Es beginnt eine wechselvolle Lebensphase, die Maryse Condé in verschiedene afrikanische Staaten (Elfenbeinküste, Guinea, Senegal und Ghana) führt und die sie nach ihrer Rückkehr literarisch verarbeitet. Erneut geben ihre Beschreibungen Einblick in das Leben einer postkolonialen Gesellschaft.

Wie ein roter Faden durchzieht Maryse Condés Leben der Wunsch, sich aus dem Korsett fremder Ansprüche zu befreien. „Meine ganze Kindheit war ich in die französischen, die westlichen Werte integriert worden, ohne es zu wollen, weil meine Eltern es so entschieden hatten“ schreibt sie. Als man ihr empfiehlt, sich als Ehefrau Condés der Lebensweise in Guinea anzupassen und die regionalen Sprachen zu erlernen, wehrt sie sich: „Ich begann das Wort ,integrieren‘ zu hassen.“

Maryse Condé bewegt sich in Afrika ohne die finanzielle und soziale Abfederung einer Expatriierten, dennoch profitiert sie von deren Nähe und Unterstützung. Auch nimmt sie teil an Diskussionen mit heimgekehrten Intellektuellen und begegnet beispielsweise im Senegal am „Ideologie-Institut“, wo sie als Französischlehrerin arbeitet, Revolutionären wie Malcolm X und Che Guevara oder Julius Nyerere, dem Präsidenten der 1962 frisch gegründeten Republik Tansania.

Maryse Condé:

Mein Lachen und Weinen. Wahre Geschichten aus meiner Kindheit. A. d. Franz. v. I. Schmutte. Litradukt, Trier 2020. 149 S., 13 Euro.

Es ist eine Zeit des Wandels. Aus nächster Nähe schildert die Autorin Situationen, an denen im politischen Alltag Theorie und Wirklichkeit aufeinandertreffen. So erlebt sie nach der Ermordung von Kongos Präsident Lumumba 1961 die Staatstrauer in Guinea, während hier unter der Herrschaft von Sékou Touré die ersten Folterlager entstehen.

Maryse Condé:

Das ungeschminkte Leben. Autobiographie. A. d. Franz. v. Beate Thill. Luchterhand, München 2020. 304 S., 22 Euro.

Die Brisanz des politischen Augenblicks wird immer wieder spürbar. En passant erzählt Maryse Condé so nicht nur ihre eigene, aufwühlende Lebensgeschichte, sondern Aspekte der afrikanischen Zeitgeschichte. Zugleich gibt sie Hinweise auf zahlreiche literarische Werke und geistige Strömungen, die die Umbrüche dieser Zeit angeregt haben. So begegnet man mit Aimé Césaire, Frantz Fanon, Léopold Senghor und vielen weniger bekannten Autoren den wichtigsten Theoretikern des Postkolonialismus. Ihr Buch könnte auch als ein literarischer Führer durch diese Phase afrikanischer Literatur- und Ideengeschichte gelesen werden. Das gilt auch für ihr eigenes Werk. Immer wieder gibt sie Hinweise, von wem die rund vierzig Schriften, für die sie den Alternativen Nobelpreis erhalten hat, inspiriert wurden. Nur weniges ist bisher ins Deutsche übersetzt und lieferbar.

Auch wenn die Publikationen der beiden autobiografischen Werke von Maryse Condé vor diesem Hintergrund eine große Bereicherung sind, zeigen sie jedoch auch deutlich, dass es im deutschen Sprachraum gegenwärtig noch einen Nachholbedarf gibt beim Umgang mit Begriffen, die rassistische Denkhaltungen ungefiltert transportieren. In beiden Werken werden als rassistisch eingestufte Begriffe im Fließtext ohne Anführungszeichen unkommentiert eingesetzt. Es fehlt offensichtlich auf sprachlicher Ebene an überzeugenden Regeln, die es ermöglichen, auf eine nicht diskriminierende Weise von (post-)kolonialer Realität zu sprechen und zu schreiben.

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