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Mary Ruefle „Mein Privatbesitz“: Dass direkt unter uns der Planet Erde ist

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Von: Judith von Sternburg

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Mary Ruefle. Matt Valentine/SUhrkamp Verlag
Mary Ruefle. Matt Valentine/SUhrkamp Verlag © image @ Matt Valentine 2011.

„Mein Privatbesitz“: Die verblüffenden und sehr klugen Prosaminiaturen der Lyrikerin Mary Ruefle.

In den Texten von Mary Ruefle geschehen merkwürdige Dinge, aber sie sind von dieser Welt. Ein gelber Fink erzählt: „Ich bin der gelbe Fink, der eine Stunde bevor sie starb, zu ihrem Futterspender kam. Ich war das letzte Lebendige, was sie sah, meine Verantwortung war groß.“ Ein Wohnzimmer wird schaurig überschwemmt, die Frage, ob das ein Alptraum ist, hat dabei nicht so viel Relevanz. Es ist ein Erlebnis, und die Frau, die hier lebt, richtet sich damit ein.

Oder: Ein „wohlmeinender Herr, der seine eigenen Theorien über Schlüssel hatte“, nimmt sich vor, „einen jungen Schlüssel großzuziehen wie ein kleines Kind“. Das zum Beispiel klingt unwahrscheinlicher, als es im Text klingt. Dem Wesen eines Schlüssels, der sein Dasein in wichtiger, aber für ihn völlig rätselhafter Position an einem dunklen (wahrhaft abgeschlossenen) Ort verbringt, kann man nicht näher kommen als hier.

Oder: Der Graf von Staffordshire, ein Zeitgenosse Walter Scotts, lässt seinen eigenen, mittelmäßigen Roman auf ein großes Porzellanservice schreiben (Geld spielt keine Rolle) und bei großen Dinnereinladungen reihum vorlesen. Nach seinem Tod wird das einmalige Werk zerdeppert. Natürlich, auch die Autorin räumt ein, dass das naheliegt, bleibt allein der Teller „Finis“ übrig. Das ist einer der Momente, in denen man auf die Suche gehen wird, nach dem Grafen und dem Porzellan, nicht einmal, weil man der Autorin misstraut, sondern weil man Näheres erfahren will (ist das Buch wirklich so mittelmäßig gewesen, gibt es wirklich kein Manuskript?). Es zeigt sich, dass sogar größtes Misstrauen am Platze gewesen wäre. Hinweise finden sich lediglich auf ein Service, das vor ein paar Jahren hergestellt worden ist – Ruefle zu Ehren.

Der unanregbare Schüler Frank sagt zu seinem Englischlehrer, der sich alle Mühe gibt und ihm gerade wieder eine Lektüre, Herman Melvilles „Bartleby der Schreiber“, vorgeschlagen hat: „Ich möchte das lieber nicht.“ Das ist für Melville-Leser wie auch den Lehrer ein Hammer, lautet so doch der berühmteste Satz dieser berühmten Erzählung. Frank ist das wurscht. Dem Lehrer, der versucht, nicht den Schwung zu verlieren, „tat die Literatur leid mit ihrem traurigen Schicksal, sie sollte in der Lage sein, die Welt zu retten, konnte es aber nicht, doch es war nicht ihre Schuld“.

Das Buch:

Mary Ruefle: Mein Privatbesitz. A. d. Engl. v. Esther Kinsky. Suhrkamp, Berlin 2022. 127 Seiten, 18 Euro.

Sollte auch der Band „Mein Privatbesitz“ in der Lage sein, die Welt zu retten? Gewiss ist es nicht seine Schuld, dass er es nicht kann. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass hier existenzielle Zusammenhänge hergestellt werden, die den Blick auf das Ganze grundsätzlich verändern sollten. „Beobachtungen am Boden“ etwa stellt einen selbstverständlichen, aber weitgehend unbeachteten Zusammenhang her: „Der Planet aus nächster Nähe betrachtet heißt der Boden .“ Der Mensch staunt, könnte man hinzufügen, über die Kugel, die er auf Außenaufnahmen sieht. Er staunt nicht darüber, dass er ständig steht, geht und liegt auf diesem riesigen Objekt im weiten All.

Auch stellt man sich beim Lesen darauf ein, dass Spuren von Ironie in den Texten Mary Ruefles auftreten, von einer Unernsthaftigkeit, mit der sich der Ernst des Lebens treffend darstellen lässt. Alles schwebt. Pathos zum Beispiel scheint Ruefle fernzuliegen, dann wiederum: Was kann es Pathetischeres geben, als einen gelben Vogel, dem klar ist, dass er das letzte Lebendige war, das sie sah?

Der Prosaband „Mein Privatbesitz“ ist das erste Buch der Lyrikerin Ruefle, 1952 in Pennsylvania geboren, das ins Deutsche übersetzt worden ist. Der Verlag hat zum Glück die Schriftstellerin Esther Kinsky dafür engagiert, in deren Texten der Übergang von der Lyrik zur Prosa ebenfalls nur förmlich eine Rolle zu spielen scheint. Auch sie eine Spezialistin für einen lapidaren, genauen Umgang mit Sprache. Ein fabelhafter Titel wie „The Woman Who Couldn’t Describe a Thing If She Could“ erscheint zu ökonomisch für die deutsche Sprache, aber nun lesen wir: „Die Frau, die gar nichts beschreiben konnte, wenn sie es könnte“. In den „Beobachtungen“ heißt es: „Wie dem auch sei, die Toten und der Müll sind zusammen im Boden, wo wir sie nicht sehen können, denn ihr Anblick und Geruch ist uns nicht angenehm. Ohne unsere Begräbnisse würden wir Gefahr laufen, davon überwältigt zu werden.“

„Mein Privatbesitz“ ist hochdosiert wie Lyrik, ein Lyrikband für Menschen, die gerne Prosa lesen. Enthalten sind erzählende, reflektierende und nicht zuletzt informative Miniaturen. Im Titeltext geht es um Schrumpfköpfe, auf unerwartete Weise. „Pause“ schildert (als knallharte Selbstbeobachtung) die Wechseljahre, deren literarische Randständigkeit Romane darüber erzählt, in welcher Position sich der Frauenkörper in der Kultur befindet.

Es ist beeindruckend, was sich in der zarten, harten Sprache Ruefles sagen lässt. Alles. Ihr Blick ist wie voraussetzungslos, aufmerksam und von einer Klugheit, die aus Belesenheit kommt, ohne sich dessen ständig vergewissern zu müssen.

Ein Ruefle-Dreh: Die Farben der Traurigkeit, die sie lebhaft in den Band streut, schlägt sie am Ende auch als mögliche Farben der Freude vor. Man solle einfach die Begriffe tauschen. Am verblüffendsten: Das ist nicht beliebig, sondern prägnant.

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