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Martin Mosebach: „Taube und Wildente“ - Das Erträgliche

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Von: Judith von Sternburg

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„Oh, ein alter Holländer!“ Otto Scholderer, „Stillleben mit Trauben und Chrysanthemen“, 1890 (Detail). dpa
„Oh, ein alter Holländer!“ Otto Scholderer, „Stillleben mit Trauben und Chrysanthemen“, 1890 (Detail). © dpa

Sie werden es überleben: Martin Mosebach lässt in „Taube und Wildente“ Feuer und Wasser über ein unerwartet robustes Bürgertum niedergehen.

Obwohl der neue Roman von Martin Mosebach mit einem großen Wort ansetzt, plänkelt er sich dann vorerst hinein ins Geschehen. „Grausamkeit. Zuschauen, wie etwas Schönes zerfetzt wird“, heißt es ganz am Anfang, Ruprecht Dalandt schreibt das auf (Tieren und Pflanzen wird es hier immer wieder einmal an den Kragen gehen). Nachher kann es einem vorkommen wie ein Versuch, ein wenig Leidenschaft zu entwickeln, ein Versuch, den einige Figuren starten werden. Wenn Ruprecht Dalandt in den Sommerferien etwas aufschreibt, nennt er es ein „Provenzalisches Journal“. Vielleicht ist es inzwischen veröffentlicht.

Dalandt ist Verleger und schreibt auch selbst, ein etwas zäher Vorgang, den sein wichtigster Angestellter nach der Art nichtschreibender Intellektueller mit einer Missgunst belegt, die an Neid grenzt. Dalandts feines Frankfurter Unternehmen („Papyros Press“) wird sich unter dem Verhandlungsgeschick jenes geschäftstüchtigen Fritz Allmendinger einem Konzern anschließen. Dalandt, 66, wird vorläufig Frühstücksvorstand sein, falls man das bei Verlagen so nennt, und künftig gewiss mehr Zeit haben zum Schreiben.

Dass er sein berufliches Lebenswerk letztlich ruhigen Blutes hergibt, ist damit nicht zu erklären, denn das Schreiben ist ihm nicht übermäßig wichtig. Es scheint eher so zu sein, dass ihm die Melancholie des Verlusts nicht sehr zu schaffen macht. Als klar wird, dass Allmendinger die Seite wechseln wird, schießt Dalandt zuerst durch den Kopf, dass er das Abhandenkommen von gewissen 60 000 Euro an Fördermitteln nun nicht mehr wird erklären müssen. Die 60 000 Euro flottieren durch das Buch, mehrfach könnten sie gut zu brauchen sein. Am Ende schnappt sie sich ein stilsicheres Windei. Im Zentrum des Geschehens dient das Geld, hier bereits zweckentfremdet, Dalandt dazu, seiner Frau das Gemälde abzukaufen, das dem Roman den Titel gibt.

„Taube und Wildente“ ist das erste Mosebach-Buch, das bei seinem neuen Verlag erscheint, im Gefolge seiner Lektorin wechselte auch der Schriftsteller von Rowohlt zu dtv. Ein Vorgang so wesentlich, realistisch und undramatisch wie die Vorgänge bei Papyros Press. „Taube und Wildente“ ist der leicht verkürzte Titel eines Bildes des Frankfurter Malers Otto Scholderer (1834-1902), dem das hiesige Museum Giersch 2002 zum 100. Todestag eine große Ausstellung widmete. Unsereiner, um kurz persönlich zu werden, weil es so ein sinnfälliger Zufall ist, hat bei einem Wohnungsbrand den Katalog verloren, Martin Mosebach hat bei einem Wohnungsbrand das Gemälde verloren. Er hat bereits klar gemacht, dass das nicht die Inspiration für das Buch gewesen sei, andererseits gelingt ihm die Schilderung eines Fiaskos mit brennendem Weihnachtsbaum natürlich ausgezeichnet.

Hinten im Buch ist eine Schwarzweißfotografie des Bildes zu sehen. Wie früher in der „Hörzu“ kann man gleich nach einem kleinen Unterschied zu der Beschreibung in der Romanhandlung Ausschau halten. Jedenfalls entzündet sich an „Taube und Wildente“ eine verhältnismäßig temperamentvolle Diskussion oder eher Suada, denn in einer Art Epiphanie entdeckt Ruprecht Dalandt das „Meisterwerk“ im von ihm bisher kaum beachteten Gemälde.

Man sitzt im provenzalischen Landhaus von Dalandts Frau Marjorie zusammen, ironischerweise angesichts von Cézanne-Bergen, die das Scholderer-Bild erst recht als altmodisch schon in seiner Zeit markieren. „Oh, ein alter Holländer“, hat die frisch eingestellte, topfitte Lektorin Sieglinde Stiegle ausgerufen – sie ist zum Arbeiten angereist, dazu kommt es jedoch nicht, überhaupt wird in „Taube und Wildente“ nicht gearbeitet, weder in der Sommer- noch in der Winter-Hälfte des Buches –, aber Scholderer ist eben kein alter Holländer. Er ist ein akademischer Maler des 19. Jahrhunderts, der in altmeisterlicher Manier Stillleben im Dutzend produzierte, während Cézanne an den „Großen Badenden“ arbeitete.

Das Buch

Martin Mosebach: Taube und Wildente. Roman. dtv. 334 S., 24 Euro.

Der stillschweigenden Übereinkunft, dass „Taube und Wildente“ ein „schlechtes Bild“ sei – bezahlt von Marjories Großvater aus einem Vermögen, das er mit kolonialistischem Unrecht im Kongo erworben hat, an etlichen Stellen lauern in diesem Roman Missetat und Verbrechen –, muss Dalandt widersprechen. Er redet sich gegen seine Gewohnheit in Rage: „Ich frage mich, warum wir immer denjenigen besonders feiern wollen, der irgendetwas zum ersten Mal gemacht hat“, erklärt er unter anderem: „Ist es nicht ebenso bemerkenswert und, vom Menschlichen her gesehen, vielleicht noch viel anrührender, wenn jemand etwas zum letzten Mal vollbringt, und zwar nicht schwächlich, dekadent, blutlos, sondern im Vollbesitz aller Qualitäten, welche die Sache einstmals besessen hat? Der hier ist solch ein Letzter, der seine Vorgänger in den Schatten stellt – aber es hilft nichts mehr. Auch der Beste kann die alte Kunst nicht mehr retten, was für ein Schicksal.“ Es ist müßig, wenn auch naheliegend, darüber nachzudenken, ob Martin Mosebach an einer solchen Stelle auch sich selbst im Blick hat. „Taube und Wildente“ lässt sich mit dem Begriff altmeisterlich oder gar biedermeierlich ja nur unzureichend erfassen, ist unverschämt regellos, sprunghaft, unakademisch, außerdem gegenwartshaltig.

Antäuschungen zudem, wohin man schaut. Sie betreffen die Einschätzung der eigenen Lebenssituation seitens der Figuren wie die Romankonstruktion als solche. Das Personal ist immer wieder wie kurz davor, emotional etwas Großes zu erleben, aber es kommt nicht dazu (als nachher Großes geschieht, sind sie gefasst). Sie „spürte, dass sie dabei war, das Reich des Unvorhersehbaren zu betreten“, solche Gedanken gehen Marjorie und Ruprecht leicht und folgenlos von der Hand.

Das Aufflackern von Leidenschaft wird subtil variiert. Die wenig verbundenen Eheleute sind dann darauf angewiesen, dass die Dinge sich von selbst erledigen. „Am besten wäre es, wenn Damien stürbe“, ist so ein Satz, hier von Marjorie, die ihren Liebhaber loswerden müsste. Morden kann sie ihn, denkt Marjorie, „Leute ihres Genres, man durfte Ruprecht gern dazuzählen, waren den ernsten Herausforderungen des Lebens nicht gewachsen, Nischenexistenzen“. Aber das ist nicht nur grotesk, das stimmt auch nicht, im Gegenteil.

Schöne Variationen betreffen auch die Versuche künstlerischer Betätigung. Damit ist es nicht weit her in einer Welt, in der ein kleiner zinnoberroter Punkt auf Scholderers Bild zum „Zeugnis eines Genies“ erklärt wird. Der hübsche, aber uninteressante Schwiegersohn, Max, beispielsweise will Pianist werden, aber es scheint ihm an Begabung zu mangeln. Auf Dalandts Dante-Aufsatz wird die Welt nicht warten, obwohl seine Überlegungen zu Reuelosigkeit und Bestrafung interessant sind. Auch das außerdem eine optische Täuschung: Die „Schuld“ Dalandts, die er nicht bereuen kann und die trotzdem, wie er darlegt, sein Leben bei weiterpumpendem Herzen beendet hat, löst sich nachher in eine banale Affäre auf.

Mit Marjories Tochter aus erster Ehe, Paula, von der hier nicht die Rede war. Ein Fehler, denn ihr Wesen bringt den wichtigen Begriff der „Unerträglichkeit“ ins Spiel. „Unerträglichkeit“, stellt Ruprecht fest, „die kannte sie gar nicht, die schreckte sie auch nicht. Wer da nicht mithalten konnte, der lernte sie besser niemals von ihrer eigentlichen, der unerträglichen Seite kennen.“

Aber auch reale Gefahren in Form von Wasser und Feuer warten auf ihre Stunde – wie immer wird es genau nach dem Moment sein, in dem man dachte: „Vielleicht war alles gar nicht so schlimm“. Es ist eine hinreißende Pointe, dass sie Ruprecht und Marjorie nichts anhaben können.

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