Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Klassizistischer Traum in Eiseskälte“: Jean Dominique Ingres’ „Jupiter und Thetis“ (1811).
+
„Klassizistischer Traum in Eiseskälte“: Jean Dominique Ingres’ „Jupiter und Thetis“ (1811).

Roman

Martin Mosebach: „Krass“ – Was hätte Napoleon an seiner Stelle getan?

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
    schließen

Im Großformat: Martin Mosebach interessiert sich in seinem durchaus krassen Roman „Krass“ für einen grobianischen Machtmenschen, für schöne Dinge, für Leben und Tod.

Beleibte, brutale Machtmenschen, es ist offiziell nicht ihre Zeit, aber natürlich finden sie immer ihren Weg. Selbstvertrauen, Schamlosigkeit, aber vor allem Geld und ein walzenartiges Voranschreiten öffnen ihnen die Türen, im Verein mit oberen zehntausend, die einem Machtmenschen weder widerstehen können noch wollen. Warum sollten sie, an seinem Hof lebt es sich gut, die Platten triefen von Meeresfrüchten, und die Gesellschaft ist entweder schön oder reich – „altes Geld“ darunter, wie lange haben wir diese Wendung, die so gar nicht kleinbürgerlich sein will, nicht gehört – oder zumindest frech und interessant.

Da Ralph Krass nicht vorhat, in die Politik zu gehen, spielt es keine Rolle, wie unsereiner über ihn denkt. Es kommt noch dazu, dass 1988 der „alte weiße Mann“ kein Begriff und Thema war. Die einzige Person, die vermutlich angeekelt wäre, ist Hella, eine störrische, ungeschminkte junge Frau in mausgrauen Pullis, die im Roman nicht einmal direkt auftreten darf und nur mit solchen, offenbar als rigide zu verstehenden Aussprüchen zitiert wird: „Ich will keinem Mann gefallen, der Puppen mag.“ Ralph Krass würde sie nicht bemerken und sie Ralph Krass nicht, der sich im Bedarfsfall buchstäblich unsichtbar machen kann.

Dieser Bedarfsfall tritt aber zunächst nicht ein. „Krass“, der nagelneue Roman von Martin Mosebach, ist in drei große Kapitel aufgeteilt, und dass man im ersten nicht die geringste Vorstellung davon haben kann, wie das zweite aussieht, und im zweiten erst recht keine davon, wie es im dritten enden wird, spricht sehr für diese spannende und auch verblüffende Konstruktion. Sie ist umso wichtiger, als sie klarmacht, dass es selbstverständlich eine weit höhere Instanz als Ralph Krass gibt. Hier draußen und für die Romanfiguren, Mosebach lässt das offen, mag das wohl ein Gott sein (wenigstens nur einer, das kann selbst Krass noch nachvollziehen), der im Buch in verschiedenartigen Notlagen und in verschiedenen Innigkeitsgraden angerufen wird. Literarisch ist es aber stets und allein der Autor, der auch in diesem Mosebach-Roman unverhohlen jede Strippe zieht, seine Figuren dieser und jener Problematik oder Peinlichkeit aussetzt. Kein Kellner äugelt, kein Frauenkopf neigt sich, keine Perlenkette leuchtet matt und kein Hase à la Royale wird bis in die letzte, spektakuläre Geschmacksnote hinein geschildert, ohne dass er es genau so haben will. Krassens Schicksal in Mosebachs Hand. Wenn Ralph Krass das wüsste. Aber der Autor kann sich wirklich unsichtbar machen.

Figuren, die dem Autor, der Autorin auf dem Kopf herumtanzen: Davon ist häufig zu hören, jedoch kann man bei der Lektüre eines Mosebach-Romans darüber nur lächeln. Mag sein, dass sie es versucht haben. Aber so elegant und wahrlich krass rundet sich allein das Werk eines Menschen, der die Fäden und Motivketten in der Hand behalten hat.

Die drei Kapitel tragen eigenwillige und informative Satzbezeichnungen, wie sie der ausgesuchten und auch durchkomponierten Sprache und dem distanziert snobistischen Inhalt gut anstehen. Dem „Allegro imbarazzante“, dem peinlichen Allegro, folgt ein „Andante pensieroso“, das nachdenkliche Andante, schließlich: „Marcia funebre“, der Trauermarsch. Die Handlung beginnt am 24. November 1988 und endet kurz nach dem 24. November 2008. Dass der langsame Mittelsatz just über den 9. November 1989 geht, ohne dass der hier im Zentrum stehende Jammerlappen das historische Datum auch nur zu registrieren scheint, könnte verdeutlichen, wie sehr dieser Roman aus der Zeit gefallen ist. „Krass“ ist aber nicht nur aus der Zeit gefallen, „Krass“ stemmt sich gegen die Zeit. Wäre „Krass“ ein Thesenpapier, riefe es vermutlich zur Gegenreformation auf. Es ist aber glücklicherweise ein gut gebauter Roman. Sein Personal lässt einen so kalt, wie es auf Ingres’ Gemälde „Jupiter und Thetis“ aussieht. Das wuchtige Motiv erinnert den kunstgeschichtlich gut informierten Dr. Jüngel – das ist der Freund von Hella – erst spät und im Rückblick an die beiden anderen Hauptfiguren, Krass und Lidewine Schoonemaker.

Als Jüngel das Bild im Museum (in Aix-en-Provence muss das gewesen sein) gesehen hat, war nur Hella bei ihm. Hella: „Ich finde abstoßend, wie die Frau um diesen Mann buhlen muss, während er sich nicht rührt.“ Jüngel: „Er brütet, weil er nicht wagt, sich zu bewegen. Er ist hingerissen von ihr und braucht seine ganze Kraft, um ihr zu widerstehen.“ Jüngel weiß, dass Jupiter weiß, dass der Gott einen Sohn von ihm und Thetis fürchten müsste. Er wäre stärker als er, der bis hierhin Allmächtige. „Und damals habe ich weder Lidewine noch Herrn Krass gekannt!“ Krass: „Ich entstamme keiner Familie, ich gründe keine Familie, ich werde ohne Nachkommen sterben, ich bin ein Solitär.“

Krass ist immer im Großformat. Lidewine sagt manchmal Krassilein zu ihm. Sein Hof bewundert ihn. Dr. Jüngel sieht ihm beim Lesen zu und ist ein wenig fassungslos: „Er reißt den Teil, den er gelesen hat, einfach ab und wirft ihn weg, das Buch wird beim Lesen immer dünner.“ Zerstörerisches Gewaltmenschentum ins fantastisch Groteske getrieben. Man sollte Krass auf keinen Fall überschätzen.

Das Buch

Martin Mosebach: Krass. Roman. Carl Hanser, München 2021. 525 Seiten, 25 Euro.

Allegro: Der Hof des Krass befindet sich gegenwärtig in Neapel, ein amüsierwilliges internationales Reisegrüppchen. Die Umstände bleiben ungeklärt. Zwischen kultivierten Lustbarkeiten scheint Krass mit den finsteren Abgesandten eines „Generals“ Geschäfte abzuwickeln, von denen sein Hofstaat lieber nichts weiter erfährt. Krass lässt grundsätzlich in bar bezahlen, zuständig ist hierfür sein neuer Assistent, der kümmerliche und jungenhafte Dr. Jüngel, den sein Intellekt und seine Bildung nicht vor Verlegenheit und Dienstbeflissenheit bewahren. Eher scheint es hier einen unguten Zusammenhang zu geben. Dr. Jüngel ist Kleinformat, nachher wird ihm jemand zurufen: Er sei nicht mal ein Roman, er sei eine Kurzgeschichte.

Aufgegabelt und dem Hof hinzugefügt wird nun noch die ebenfalls junge Lidewine Schoonemaker, eine attraktive Lebenskünstlerin und Gelegenheitshochstaplerin. Sie ist das Gegenteil einer Frau, die Männern nicht gefallen wollen, die Puppen mögen. Ein wesentliches Motiv des Romans ist das der Großzügigkeit im Ganzen und im Detail. An dieser Stelle wird sie sich bewähren, an dieser Stelle wird hingegen Jüngel sich vor den Leserinnen und Lesern am heftigsten blamieren. Krass ist ohnehin die Großzügigkeit in Person. Lidewine aber ist es, mit der Mosebachs Sympathien gehen. Eine Figur – ließe sich angesichts ihrer gleichzeitigen Künstlich- und Lebendigkeit, ihrer Hingabe und Unabhängigkeit behaupten – wie aus einem Agentenfilm. Eine Bond-Woman.

Man isst und besichtigt. Krass skizziert seinen Blick auf die Dinge: „Die Kraft eines Genies besteht darin, die Realität seinem Willen zu unterwerfen und nach seinem Willen zu formen.“ Was als „Weltgeschichte“ gelte, seien „nichts anderes als Verlängerungslinien einer Persönlichkeit“. Krass, jener verbreitete Typus, der (von Mosebach gut beobachtet) glaubt, er wisse schon alles, denkt an „Alexander, Cäsar, Attila, Napoleon, Hitler, Stalin“. Und obwohl um ihn herum alles staunt und starrt und bewundert, so macht „Krass“ doch deutlich, dass das Krass’sche Weltbild reaktionär und simpel ist. Der arme gebildete Jüngel nennt ihn zur Not einen „Naturintellektuellen“. Frappierend abgeschmackte Sätze umgeben ihn der Mosebach’schen auserlesenen Sprachpracht zum Trotz, wenn er etwa alsbald zusammen mit Lidewine auftritt: „König und Königin. Es gab der Macht erst ihre Abrundung, wenn zur Kraft die Anmut, zur Düsternis das Lächeln traten.“

Er, Jüngel, ist es, der die Reisegruppe beim Museumsbesuch auf ein Detail des Alexandermosaiks aufmerksam macht. Mag oben die Schlacht wogen und in Krass Behagen wecken, so ist unten, fast schon unter den Hufen der rasenden Pferde, das Gesicht eines Mannes zu sehen, der gleich zertrampelt oder überrollt werden wird, und der Mann sieht sein bleiches Gesicht in seinem Schild.

Eine schreckliche Narziss-Variante. Eine unverfänglich lustige wird Mosebach im Andante einbauen, wenn eine Bachstelze von ihrem eigenen Spiegelbild im Wasser genarrt wird (sie hat es auf das Titelbild geschafft). Krass, der wuchtige, auch unbelehrbare Narziss, bemerkt nichts von alledem. Zwanzig Jahre später in Kairo wird er sich wie immer fragen: „Was hätte Alexander oder Napoléon an meiner Stelle gemacht?“

Andante: Dr. Jüngel leckt im ländlichen Frankreich die Wunden, die das Leben und Hella ihm geschlagen haben. Er weiß selbst, dass seine Stimme etwas zu hoch klingt, wenn er aufgeregt ist. Mosebach mag ihn auch nicht besonders, aber – außer Lidewine Schoonemaker – setzt er alle seine Figuren den Beschämungen des Alltags aus. Das Andante ist sehr Andante. Nur gelegentlich zeigt sich Sinnfälliges. Ein alter venezianischer Briefbeschwerer aus Glas strahlt wie am Tag seiner Herstellung. Es gibt sie noch, die guten Dinge, wohingegen der CD-Spieler nicht funktioniert. Trotzdem passiert auch hier etwas Überraschendes.

Trauermarsch: Krass ist in Kairo gelandet. Steckt er etwa in Schwierigkeiten? Noch bewahrt er sich aber seinen Optimismus. „Um ihn herum sanken die alltäglichen Zudringlichkeiten in sich zusammen; es war, als hätte er einen Pakt mit der ganzen Welt geschlossen, der ihm überall ein Höchstmaß an Respekt sicherte.“ Allerdings lässt sich der Geldautomat von seinem durchdringenden Blick nicht berühren. „Ralph Krass vor einem Automaten – schon das eigentlich ein Unding.“ Trotzdem passiert auch hier etwas Überraschendes.

Lahmt der mittlere Satz, so trumpft Mosebach mit dem letzten auf. Ein souveräner Roman. Wer Rückschlüsse auf die Wirklichkeit aus ihm ziehen will, wird in die Irre gehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare