1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Martin Kordic: „Jahre mit Martha“ – Er will Luft und er will Glanz

Erstellt:

Von: Martin Oehlen

Kommentare

Originell auch ein Fernschachduell mit vielen PS.
Originell auch ein Fernschachduell mit vielen PS. © Alex Kraus

Željko, der sich Jimmy nennt: Martin Kordic erzählt in „Jahre mit Martha“ eine großartige Geschichte vom Ankommen.

Jimmy ist jetzt so weit. Er glaubt, dass wir „mehr Geschichten erzählen sollten über uns in diesem Land.“ Zum einen könnten sie Menschen interessieren, die Überschneidungen mit ihrer eigenen Vita entdecken. Zum anderen will Jimmy „die Irrwege meines jungen Erwachsenenlebens in eine Dramaturgie sortieren“, die auf ein „versöhnliches Ende“ zusteuern soll. Genauso kommt es dann. Auch was das versöhnliche Ende angeht.

Jimmy heißt in Wahrheit Željko Draženko Kovacevic. Ein Kroate aus Bosnien-Herzegowina. Aber weil es nicht nur mit den vielen Sonderzeichen über dem C und dem Z so eine Sache ist, sondern auch mit den Vorurteilen gegenüber balkanisch klingenden Namen, wie er mutmaßt, nennt sich Željko eben Jimmy. Allein schon in diesem Detail steckt genügend Konfliktstoff für eine große Erzählung. Doch „Jahre mit Martha“ von Martin Kordic bietet noch sehr viel mehr. Der zweite Roman des Autors (und Lektors beim Hanser Verlag) ist mit allen Wassern gewaschen.

Im Zentrum wird eine abendrote Liebegeschichte erzählt. Sie nimmt ihren Anfang, als der 15-jährige Željko zum ersten Mal Frau Gruber begegnet. Sie ist Professorin in Heidelberg und in jeder Hinsicht eine Attraktion: schön, gebildet, reich, lebensklug, aufregend und fürsorglich. Sie wirkt sicher und sorgt dafür, dass sich andere in ihrer Nähe sicher fühlen. Zumal Željko. Allerdings ist sie deutlich älter als er. Wie aus Željko und Martha, die voneinander so weit entfernt scheinen wie Nordpol und Südpol, ein Paar wird, schildert Martin Kordic mit Wärme und Behutsamkeit.

Ich-Erzähler Željko formuliert seine Geschichte im leichten und zuweilen lockeren Ton (mit Hunden, die „richtig einen an der Waffel“ haben). Los geht es mit der Vorstellung seiner fünfköpfigen Familie in Ludwigshafen. Die Eltern kommen finanziell eher schlecht als recht über die Runden. Der Vater ist meistens auf Montage, die Mutter auf einer ihrer drei Putzstellen – unter anderem im Hause der Grubers.

Oberstes Ziel der Eltern in Deutschland: Integration. Dazu passt, dass der Wellensittich Lothar heißt, „weil Lothar Matthäus der beste Fußballer“ ist. Der Druck ist so stark, dass Željko in den Augen der Mutter die Angst entdeckt, „etwas Wesentliches falsch gemacht, etwas von diesem Land auch nach über 20 Jahren nicht verstanden zu haben.“

Für Željko steht früh fest, dass er in dieser Welt bestehen will. „Mit viel Luft und viel Glanz.“ Bildung ist sein Schlüssel zu einem besseren Leben. Er durchwühlt Papiercontainer, um für sich und seine beiden Geschwister Lesestoff zu finden, deren Kauf sie sich nicht leisten könnten. Auf Pappkarten notiert er Fremdwörter und ihre korrekte Verwendung. Er schreibt Pläne, Listen und Tabellen, die ihm helfen, den Überblick im verwirrenden Alltag zu bewahren.

Zudem ist ihm akademischer Beistand sicher. Nicht nur von Martha Gruber. Der schillernde Literaturprofessor Alex Donelli macht ihn in München zu seinem Assistenten. Es komme im Leben nicht darauf an, alles richtig zu machen, meint Donelli, sondern darauf, wie man dabei aussehe. Der Mann wird für Željko zur großen Enttäuschung. Wo Martha Gruber für Sicherheit steht, steht Alex Donelli für Verunsicherung. Am Ende der Zusammenarbeit steht ein Wutausbruch.

Immerhin – Željko macht doch noch seinen Hochschulabschuss. Entgegen mancher Prognosen. Erst riet man ihm vom Gymnasium und dann von der Universität ab. Er solle lieber Gärtner werden.

Das Buch

Martin Kordic: Jahre mit Martha. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2022. 288 Seiten, 24 Euro.

Und welchen Beruf übt er nun aus, da er uns seine Geschichte erzählt? Željko könnte in diesem Zusammenhang die Pappkarte mit dem Fremdwort „Paradoxon“ ziehen. Und es ist nicht das einzige Mal, dass sich in diesem Roman ein doppelter Boden auftut. Als die Sachbearbeiterin einer Krankenkasse einem Bekannten namens Sinan auf den Zahn fühlt, weil der Krankengeld beantragt, ist Željko empört. Die Frau rede mit Sinan, sagt er, wie mit einem Kriminellen, der nur Betrug im Sinn habe: „Zwar hatte sie recht damit, aber sie konnte es doch gar nicht wissen.“

Vieles ist zu loben. Die scheinbar beiläufige Erinnerung an die (Panzer-)Spuren des Bosnienkriegs, der im Debütroman „Wie ich mir das Glück vorstelle“ (2014) dominierte. Dann die Einführung in den kroatischen Familien-Kodex mit Witz und Archaik. Das originelle Fernschachduell mit vielen PS und höchst unterschiedlichen Textträgern. Der anrührende Schlussdialog zwischen Martha und Željko. Auch die griffigen Hinweise auf ökonomische Missverhältnisse: Željko belehrt reiche Kinder, die arme Kinder spielen, darüber, wie sie arme Kinder „richtig“ spielen.

Selbst die Buchgestaltung gefällt – vom stimmungsvollen Umschlagmotiv („As the Leaves Fall“ von Anne Magill) bis zu einem Zitat auf der finalen Titelei, also in jenem Buchbereich, der ohne Seitenzahlen auskommt. Der Text verweist – nehmen wir an – auf eine finale Nachricht, die Željko für Martha zurückgelassen hatte, notiert auf einer Titelei, die er aus dem Roman „Die Päpstin“ von Dona Cross gerissen hatte.

Allein eine kurze Passage, in der über „die Kroaten“ in Deutschland sowie über „die Nazis“ unter Deutschen und unter Kroaten räsoniert wird, hat eher die Anmutung eines Essays als einer Romanpassage. Und eine Leerstelle bleibt der Ehemann von Martha Gruber. Allerdings ist es eine produktive Leerstelle. Denn es genügen wenige Informationen, um das Kopfkino in Gang zu setzen. Leserinnen und Leser sind eben immer auch Co-Autorinnen und Co-Autoren der jeweiligen Geschichte.

Motivfäden aus Pop und Literatur durchziehen den Roman. Da ist Michael Jackson, den Željko verehrt, weil er eine Welt zeige, „in der jeder sein kann, wie er will und was er will“. Und da ist die Literatur der Österreicherin Hertha Kräftner, die sich 1951 im Alter von nur 23 Jahren das Leben nahm. Ein Zitat von ihr, das Željko mehrmals unterstrichen hat, lautet: „Ich habe Angst und beruhige mich mit Schreiben.“

Schreiben scheint auch Željko Draženko Kovacevic zu beruhigen. Das ist nicht ganz unwichtig. Denn eine Zeitlang dreht sich sein Leben ziemlich schnell um Sex, Drogen und Kleinkriminalität. Das Schreiben ist gut für ihn, nehmen wir an. Und es ist gut für uns, das wissen wir.

„Jahre mit Martha“ von Martin Kordic, der 1983 in Celle geboren wurde, ist ein großartiger Liebes-, Migrations- und Coming-of-Age-Roman. Voller Überraschungen, poetisch stark aufgeladen und von unaufdringlicher Komplexität. Ganz sicher einer der großen Romane der Saison – auch wenn er nicht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis steht.

Auch interessant

Kommentare