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Auf dem Marsch in die Mitte

Michael Kraske und Christian Werner beschreiben den Strategiewechsel der Neonazis.

Von ALEXANDER JÜRGS

Die "Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen". In einer repräsentativen Umfrage, die der Leipziger Psychologe Elmar Brähler für die Friedrich-Ebert-Stiftung durchführte, bejahten 6,1 Prozent der ostdeutschen Befragten diese Aussage - bei den Westdeutschen lag die Zustimmung bei 15,8 Prozent. Dass "der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten hatte", das konnten 11,6 Prozent der Westdeutschen bestätigen, unter den Ostdeutschen waren es "nur" 8,7 Prozent.

Kein rein ostdeutsches Problem

Die weit verbreitete Annahme, Rechtsextremismus sei ein rein ostdeutsches Problem, widerlegt diese Untersuchung auf bestechende Weise. In ihrem Buch ?und morgen das ganze Land zitieren die Journalisten Michael Kraske und Christian Werner die Studie - und stellen weitere Stereotypen über die neuen Nazis und die heimliche oder offene Zustimmung zu ihren Positionen mit überzeugenden Argumenten infrage.

Vor allem aber beschreibt ihr Buch den rasanten Aufstieg des modernen Rechtsextremismus, den erfolgreichen Strategiewechsel der Ewiggestrigen und die brutale Gewalt, mit denen Neonazis um "befreite Zonen" kämpfen. Kraske und Werner haben mit Opfern rechter Anschläge, mit Sozialarbeitern, Verfassungsschützern und Aussteigern aus der Szene gesprochen. Entstanden ist ein erschreckender, alarmierender Bericht. "Rechtsextremisten verstecken sich längst nicht mehr, sie kämpfen offen um die Macht in den Städten", schreiben die Autoren.

Diesen Kampf führen die neuen Nazis besonders in den strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands. Für ihren Erfolg dort gibt es Gründe, die in den unparteiischen Studien Elmar Brählers ebenfalls zu finden sind. Das Vertrauen in die Demokratie ist im deutschen Osten weniger stark ausgeprägt als im Westen, es gibt noch immer kaum Erfahrungen im Zusammenleben mit Migranten, und der Anteil der Menschen, die sich als Modernisierungsverlierer begreifen, liegt höher. Dabei zielen die Neonazis schon lange nicht mehr nur auf jene, die in der Rangordnung unten stehen. Die Rechtsextremisten wollen die Mitte der Gesellschaft erobern. Und die "Angst davor, zu Verlierern zu werden", treibt ihnen auch gut situierte Angestellte oder Facharbeiter in ihre Arme.

Braune Sozialhelfer

In Fußballvereinen, Feuerwehren und auf Schulhöfen sind die neuen Nazis aktiv. Sie füllen heute gezielt Versorgungslücken, die der Staat vernachlässigt, bieten Schülern Nachhilfe oder Hartz-IV-Empfängern Unterstützung im Zwist mit den Behörden. Dabei arbeiten gewaltbereite "Freie Kameradschaften", die aus der Skinhead-Bewegung stammen, offen mit der NPD zusammen. Als der Partei noch ein Verbot drohte, war der NPD-Vorsitzende Udo Voigt zumindest nach außen um Distanz zu den Schlägertrupps bemüht. Heute betreibt man Arbeitsteilung: Die NPD kämpft um die Parlamente, die "Freien Kameradschaften" streiten um die Straße.

Die neuen Nazis haben einen auffälligen Imagewechsel vollzogen: Alkohol ist auf Demonstrationen neuerdings verpönt, der martialische Look aus Springerstiefeln, Glatze und Bomberjacke wurde durch unauffällige Kleidung der Modemarke Thor Steinar, die subtil mit völkischer Symbolik spielt, ersetzt. Vor kurzem hetzte die NPD noch gegen Sozialschmarotzer und faule Arbeitslose, nun engagiert sie sich gegen die Globalisierung und für soziale Rechte. Den Neonazis ist es so gelungen, dass der Rechtsextremismus heute an vielen Orten im Osten Deutschlands als akzeptierte Position unter anderen begriffen wird. Das macht ihn alles andere als ungefährlicher.

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