Marlene Streeruwitz. Georg Hochmuth/apa/dpa
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Marlene Streeruwitz. Georg 

Marlene Streeruwitz

Marlene Streeruwitz: Gedächtnis und Beweglichkeit

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Zum 70. Geburtstag der österreichischen Schriftstellerin Marlene Streeruwitz.

Neulich bei einer Abendgesellschaft wieder angehört, wie wirkungsvoll, kundig und unterhaltsam Marcel Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“ gewesen sei. Irgendwie dagegengehalten, aber die Erinnerungen verblassen auch allmählich.

Im Juni 1996, vor fast einem Vierteljahrhundert, ging es um „Verführungen“, den Debütroman von Marlene Streeruwitz, die damals von Sigrid Löffler als eine österreichische Schriftstellerin eingeführt wurde, die man bisher am ehesten als Dramatikerin kenne.

Das Gespräch darüber war ein so genanntes kontroverses, beim unerwartet bequem zugänglichen Nachschauen der Sendung auf Youtube war am erstaunlichsten das allgemeine Herumgeschrei (das vielen doch als Zeichen genau unserer jetzigen Zeit gilt), eine Art Daueraufregung, durchsetzt lediglich von der ebenfalls permanenten Bitte, doch nicht ständig unterbrochen zu werden.

Marcel Reich-Ranicki ist sehr unzufrieden. „Muss ich Bücher lesen, die auf hunderten von Seiten die Banalität des Lebens darstellen?“ Das Schicksal einer verlassenen Frau, die zwei Kinder habe und kein Geld, sei traurig, das werde auch gleich gezeigt, dies nun aber auszuführen (erneut: „auf hunderten von Seiten“, genauer gesagt 296) erscheine ihm überflüssig. Sprachlich sei das völlig „minderwertig“. Ferner – Reich-Ranicki nicht pikiert, aber gelangweilt – seien da die vielen, die ständigen Hinweise auf die Menstruation. Reich-Ranicki: „Die Menstruation ist nicht ein Werk der männlich dominierten Gesellschaft.“ Die heutige Antwort – „aber vielleicht die Verschwiegenheitsklausel in dieser Sache“ – bleibt aus, in der Runde gibt es durchaus Befremden. Das Publikum lacht sich kaputt.

Es ist eine Sendung, bei der sich jetzt ständig die Frage stellt, ob sich eigentlich viel verändert hat, aber darum kann es hier nicht gehen. Marlene Streeruwitz, die am Sonntag ihren 70. Geburtstag feiert, wurde mit „Verführungen“ sehr bekannt. Sie schrieb zahlreiche weitere Romane, Essays, Vorlesungen, erhielt viele Auszeichnungen – zuletzt in diesem Jahr den „Preis der Literaturhäuser“ – und war mit „Die Schmerzmacherin“ (2011) auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Den sie nicht erhielt, das aber wiederum in ihrem nächsten Roman thematisierte, „Nachkommen“ (2014). Darauf erschien „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“, das nominierte Buch der Romanfigur aus „Nachkommen“, das in Frankfurt ebenfalls leer ausgeht.

In Marlene Streeruwitz’ Werk ist das Spielerische ebenso wie das geradezu penetrant Beharrliche, Besteherische zu Hause, beides lässt sich in einer Kreiselbewegung auch gut verbinden. Derzeit lesen Interessierte live mit, den „Covid 19 Roman“ im Internet, der Season 3, Episode 12 (24. Juni 2020) erreicht hat. „So ist die Welt geworden“ erzählt von Betty, die im Lockdown hockt und dann auch Schwierigkeiten hat, da wieder rauszukommen. Ist das der „Posthüttenkoller“, fragt sich Betty, als sie ein Interview zurückgezogen, eine Fotografin stehengelassen hat. Sie hat sich inzwischen mit zwei lebhaften Fantasiefrauen angefreundet, die immer provozierend schlank und gut angezogen in ihrer Wohnung herumsitzen. Aber Betty ist ganz von dieser Welt, liest Zeitung, ärgert sich über den US-Präsidenten, dem sie mehr als einmal das Virus an den Hals wünscht. „,Kann man diesen Mann nicht einfach verlassen?‘ fragte sie. ,Das ganze ist doch sowieso eine private Geschichte geworden.‘“

Betty ist Schriftstellerin, steht aktuell ohne Einnahmen da, verheddert sich in der Bürokratie der Hilfsanträge. Auch Betty war mit ihrem ersten Roman im „Literarischen Quartett“ damals. Auch Betty ist sehr beharrlich. Beharrliche Menschen vergessen nicht, aber so etwas gehört wohl auch zu den sogenannten unvergesslichen Dingen. Es kommt zu folgender Tirade Bettys: „Das ist empörend. Die FAZ feiert diesen hundertsten Geburtstag, damit sie die Politik dieses Manns weiterführen können. Das ist die Politik des Symbolischen. Reich-Ranicki feiern und damit allen Chauvinismus, den dieser Mann der deutschen Kultur ermöglichte. Da wird nicht nachgedacht, was die Politik dieses Manns zerstört hat. Unmöglich gemacht. Verhindert hat. Was sein hätte können.“ Es geht steil weiter, lesen Sie nach.

Wie bei jedem anständigen Fortsetzungsroman ist Grund, auf die nächste Folge zu warten. Betty erwartet jetzt den Besuch eines Syrers aus Aachen, der in der Nachbarwohnung wohnen wird und dem Betty Wien zeigen soll. Mal sehen, ob Betty am selben Tag Geburtstag hat wie Marlene Streeruwitz. Es bleibt spannend.

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