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Der 45-jährige Jonas Winner hat jahrelang Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben. Sein E-Book „Berlin Gothic“ hat sich schon 100.000 Mal verkauft.
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Der 45-jährige Jonas Winner hat jahrelang Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben. Sein E-Book „Berlin Gothic“ hat sich schon 100.000 Mal verkauft.

E-Books

Marketing ist völlig egal

Der Berliner Jonas Winner publiziert seine Bücher selbst – als E-Book auf Kindle. Die siebenteilige Thriller-Serie "Berlin-Gothic" ist eine Erfolgsgeschichte - bald auch international.

Von Patrick Schirmer Sastre

Der Berliner Jonas Winner publiziert seine Bücher selbst – als E-Book auf Kindle. Die siebenteilige Thriller-Serie "Berlin-Gothic" ist eine Erfolgsgeschichte - bald auch international.

Jonas Winner hat die Arschkarte gezogen. Er muss jetzt allen erklären, wie er das gemacht hat. Als erster deutscher Autor hat er mit selbstverlegten E-Books die Marke von 100.000 verkauften Exemplaren für den E-Reader Kindle von Amazon geknackt. „Kindle Direct Publishing“ heißt das Tool, mit dem Autoren auch ohne Verlag im Rücken ihre Werke einem breiten Publikum zur Verfügung stellen können.

Jonas Winner hat dort „Berlin Gothic“ veröffentlicht, eine siebenteilige Thriller-Serie. Sie zeichnet ein düsteres Bild von der Stadt, voller Geheimgesellschaften, erotischem Verlangen und Folter. Nicht nur bei Kindle ist der gebürtige Berliner damit erfolgreich. Auch auf anderen Plattformen, die E-Books für die hauseigenen Reader anbieten, verkauft er sich gut. Etwa bei Kobo, wo er sich mit dem ersten Band auf den oberen Plätzen der Verkaufscharts hält. Nur „Shades of Grey“ von E.L. James und Luca di Fulvios „Der Junge, der Träume schenkte“ ziehen dort zur Zeit mehr Leser an.

Viel Geld musste Winner für seine Serie nicht ausgeben. „Auf jeden Fall weniger als 5000 Euro“ hat Winner in „Berlin Gothic“ investiert. Die Bildrechte für die Buchcover hat er gekauft und einen Freund für dessen Lektorendienste entschädigt. Auf Werbemaßnahmen hat Winner verzichtet. „Marketing ist völlig egal, glaube ich.“ Er setzt auf Mund-zu-Mund-Propaganda. Natürlich, er ist auf Facebook und auf Twitter aktiv. Auch einen Blog hat er. Das aber führe nicht zum Erfolg. „Man verkauft keine Bücher, weil man so nette Posts auf Facebook macht oder ein hübsches Foto hat.“ Der Text habe einfach Kraft, so Winner. Das würde wohl jeder Autor behaupten, der ein paar Bücher mehr als sonst verkauft hat.

Dreißig bis siebzig Prozent Provision

Nun ist Winner aber auch kein junges Kraut, das zufällig mal eben ein erfolgreiches Buch geschrieben hat. Der 45-Jährige hat jahrelang Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben. Auch einen Roman hat er bereits veröffentlicht, „Davids letzter Film“ im Jahr 2011. Es wurde wohlwollend aufgenommen, ein Riesenerfolg war es aber nicht. Winner kennt das traditionelle Verlagswesen. Begeistert ist er davon nicht. Durchschnittlich dauert es ein Jahr, bis ein Buch veröffentlicht worden ist. Und das ist nicht das größte Problem. Fehlender Mut, der an Selbstzensur grenzt, prädominiert die Geisteshaltung. Bloß kein Risiko eingehen. Nur was man in eine Schublade stecken kann, ist auch verkäuflich.

Winner wollte mit „Berlin Gothic“ nicht schon wieder ein Jahr warten. Zwei Drittel hatte er schon fertig geschrieben. Es sollte eine Trilogie werden. Im Juli 2011 hörte er von der Möglichkeit, bei Kindle direkt zu veröffentlichen. Er schrieb das Buch zu der siebenteiligen Serie um. Am Ende jeder Folge baute er einen Cliffhanger rein, um den Leser gar nicht auf den Gedanken kommen zu lassen, das sei es jetzt gewesen mit der Geschichte. Im September 2011 erschien der erste Band.

99 Cent kostet eine Folge von „Berlin Gothic“, wie die meisten Bücher von Kindle Direct Publishing. Die etwas teureren kosten 2,99 Euro. Zwischen dreißig und siebzig Prozent behält Amazon als Provision. Diese Preispolitik scheint erfolgreich zu sein. Sieben der Zehn am meisten für Kindle verkauften Bücher im ersten Halbjahr 2012 stammen aus dem Kindle-Selbstverlag. Martina Gerckes „Holunderküsschen“ liegt aktuell auf Platz eins. Auch Michael Linnemanns „Rachezug“ und Roswitha Hedruns „Die Hexenköchin“ finden sich auf der Liste.

„Berlin Gothic“ ist mittlerweile so erfolgreich, dass es nun auch international vermarktet werden soll. „Amazon hat mich angerufen. Die saßen vor ihren Computern und konnten gar nicht glauben, was das Buch für eine Performance macht.“ Einen Übersetzer, den Winner als geeignet betrachtet, um die dichte Spannung der Bücher angemessen ins Englische zu übersetzen, hat er schon gefunden. Im Januar nächsten Jahres soll der erste Band auf Englisch rauskommen.

Auch die Filmrechte werden verhandelt. Eine Fernsehserie ist im Gespräch, möglicherweise in einer internationalen Koproduktion. „Das wäre natürlich wie ein Lottogewinn, gerade in Zusammenarbeit mit den USA. Denn die „Berlin Gothic“-Geschichte ist an einiger Stellen schon sehr krass. Im deutschen Fernsehen ist das kaum vorstellbar.“ Zu brav ist das deutsche Fernsehen für Winner. „Es ist langweilig geworden. Immer das gleiche, wir haben es kapiert: Der Kommissar kriegt den Täter am Ende.“

Bücher sind günstiger

Jonas Winner sagt, dass die Berechenbarkeit des Fernsehens eine große Rolle spielt, warum immer mehr Menschen zu Büchern greifen, die früher nie gelesen hätten. „Harry Potter“, „Twilight“, „Hunger Games“, „Shades of Grey“. Die Megaerfolge der letzten Jahre wären nie möglich gewesen ohne diesen Wandel.

Es sind die Erfolgsgeschichten wie die von Winner, die den Selbstverlag im E-Book-Bereich populär machen könnten. Letztlich bieten sie die Möglichkeit, neben viel Schrott, der da sicherlich auch angeboten wird, aufregende Autoren zu entdecken, die sich nicht von den gängigen Erzählstrukturen der Unterhaltungsindustrie leiten lassen – und das zu einem erschwinglichen Preis. Im Moment haben aber vergleichsweise wenige Menschen einen E-Reader. „Das ist eher was für Vielleser, die 10 oder 15 Bücher im Monat lesen.“ Gerade für diese Menschen sind die Preise der selbstverlegenden Autoren natürlich von Vorteil: „Es macht einen deutlichen Unterschied, ob man 10 oder 100 Euro im Monat für sein Hobby ausgibt.“

Ob E-Books in Zukunft generell das Verhältnis der Menschen zu Büchern verändern werden, wie es die MP3 oder Streamingdienste in der Musik gemacht haben, darauf will sich Winner nicht festlegen. Auch er schätzt es, ein richtiges Buch in der Hand zu halten. Aber E-Books hätten entscheidende Vorteile. „Beim Buch kannst du viel schneller etwas ausprobieren als etwa beim Film. Du schreibst eine Geschichte, wenn sie floppt, na und? Das hat dich ein bisschen Arbeitszeit gekostet, aber nicht viel Geld. Dann probierst du etwas anderes, vielleicht eine Sado-Maso-Geschichte, und alle sind plötzlich begeistert.“ Auch das Social Reading sieht Winner als einen potenziellen Faktor für eine größere Verbreitung von E-Books. Auf Plattformen wie „Readmill“ oder „Lovely Books“ kann man Stellen in Büchern anstreichen und sie mit Interessierten und Freunden teilen. Man kann Bücher empfehlen, verlinken, liken und alles andere, was das community-affine Leserherz vor Freude im Kreis springen lässt. Autoren wie Winner, die sich am Anfang nicht auf eine große Fanbasis stützen können, könnte das sicherlich nützlich sein. „Vielleicht ist das nur eine Spielerei. Es kann aber auch sein, dass es das Lesen revolutioniert.“

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