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Marion Poschmann, hier vor chlorophyllstrotzender Stadtbaumkrone.
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Marion Poschmann, hier vor chlorophyllstrotzender Stadtbaumkrone.

Interview

Marion Poschmann: „Und dann sehe ich, wo das Buch mich hinführt“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Was Literatur und ein Baum gemeinsam haben: Marion Poschmann, die in Frankfurt mit dem Wortmeldungen-Preis ausgezeichnet wird, über den kulturell sehr unterschiedlichen Umgang mit Herbstlaub, Berliner Stadtbäume und ein Leben und Arbeiten in Langsamkeit.

Frau Poschmann, würden Sie sich selbst als Romantikerin bezeichnen?

Nein. Generell nicht, weil ich ungerne solche Etiketten verwende. Literarisch befasse ich mich mit der Unerforschlichkeit des Subjekts, mit der Abgründigkeit des Ichs, mit der Nichtfestlegbarkeit des Individuums. Schon deshalb könnte ich über mich selber nicht so eine Aussage treffen. Wobei der Begriff Romantikerin einen starken Bedeutungswandel durchlaufen hat.

In der Tat.

Heutzutage gilt eine Romantikerin als schwärmerische, verträumte, gefühlsselige Person ohne Realitätssinn. Während die historischen Romantikerinnen sehr belesene und gebildete Frauen waren. Das ist leider in Vergessenheit geraten. Eigentlich ist das auch bezeichnend, dass da, wo es um kluge Frauen geht, ein Begriff sich in sein Gegenteil verkehrt.

Abgesehen davon: Ist das, was Sie eben über Ihre Arbeit gesagt haben, nicht zutiefst romantisch? Romantisch im klassischen Sinne?

Im klassischen Sinne gibt es viele Aspekte, die mich an der Romantik interessieren. Die philosophische Idee, die Entgrenzungsbewegung, die Beschäftigung mit dem Unendlichen und dem Unbewussten. Die Aufwertung des Subjekts, das Ernstnehmen des Individuums, das sich dann auch gegen Kirche und Staat behauptet, indem es sein eigenes Gefühl gelten lässt. Wie die Aufklärung, die sich gegen Kirche und Staat ihres eigenen Verstandes bedient.

Sie selbst zitieren im „Laubwerk“ Novalis: „Die Welt muss romantisiert werden.“

Bei Novalis kommt der Begriff des Kontinuums ins Spiel. „Die Welt romantisieren heißt, sie als Kontinuum wahrzunehmen, in dem alles mit allem zusammenhängt.“ Das rückt gegenwärtig auch aus ökologischer Perspektive wieder in den Fokus. Insofern lässt sich an die romantischen Ideen sehr gut anknüpfen, wenn man sich bewusst macht, dass kein Lebewesen völlig autark existieren kann, dass es vielmehr eine grundsätzliche Verbundenheit gibt.

Wenn Sie durch die Straßen von Berlin gehen, wissen Sie dann, unter was für Bäumen Sie laufen?

Die gängigsten Straßenbäume, Linde, Ahorn, Eiche, Platane, Kastanie, kann ich natürlich bestimmen, aber ich achte nicht ständig darauf, um welche Arten es sich handelt. Manchmal freue ich mich einfach darüber, dass überhaupt Bäume da sind. Die Vorzüge von Stadtbäumen nimmt man vielfach nur unterschwellig wahr, den Schatten, die Kühle und Feuchtigkeit, die bessere Luft, das veränderte Kleinklima. In letzter Zeit fallen mir eher die Baumarten anhand ihrer Probleme auf, etwa die Platanen, die in Berlin jetzt schon im Juni Blätter fallen lassen, weil sie durch die Witterung geschwächt sind.

Haben Sie einen Lieblingsbaum?

Nein, aber ich habe immer wieder einen Baum, auf den ich speziell meine Aufmerksamkeit richte. Wenn Bäume in meinen Texten vorkommen, geht dem eine längere Beschäftigung damit voraus. Die Balsampappel in der „Hundenovelle“ zum Beispiel, ein Baum, der im Frühjahr betörend duftet, noch bevor das Laub da ist. Deshalb kann man die Duftquelle visuell nicht ausfindig machen. Balsamischer Duft schwebt durch die Straßen, das hat etwas Zauberhaftes.

Wann ist Ihr Interesse für Bäume entstanden, woher kommt es?

Es fällt mir schwer, einen Anfangspunkt auszumachen. Ich habe mit meiner Mutter schon als Kind viel Zeit im Wald verbracht, Bucheckern gesammelt, Eichhörnchen gefüttert, mit dem Herbstlaub geraschelt. Später hat mich der Baum in der Stadt interessiert. Zunächst auf dem Umweg über die Stadtmöbel.

Stadtmöbel?

Die Stadtmöblierung, die Bänke, Poller, Bügel. Es gab eine Zeitlang diese Stehbügel. Zwei Stangen, an die man sich lehnen soll, wenn man an einer Straßenbahnhaltestelle wartet.

Ach, dafür waren die da?

Ja. Es scheint sich aber nicht bewährt zu haben, sie sind schnell wieder verschwunden. Geblieben sind die Fahrradbügel, etwa der Kreuzberger Bügel, und die Baumschutzbügel, die ausdrücklich keine Fahrradständer sind, aber leicht damit zu verwechseln. Diese Bügel bieten dem Stadtbaum ein rudimentäres Gehege, damit Fahrzeuge nicht die Rinde verletzen.

In „Laubwerk“ stehen der berühmte „Indian Summer“ in Nordamerika und die japanische „Laubschau“ am Anfang. Haben Sie das vor Ort gesehen?

Ich war tatsächlich einmal im Herbst in Japan, auch genau zu dem Zeitpunkt, an dem die Rotfärbung begann. Es hat mich außerordentlich fasziniert, wie die Menschenmassen in die Parkanlagen zu den Bäumen strömen. Wie ein Volksfest fast, aber in einer meditativen Ruhe. Jedes Blatt wird aufmerksam angesehen, gewürdigt, fotografiert.

Eine Art Gegenstück zur Kirschblüte?

Genau, es wird auch so ähnlich praktiziert. Es gibt in beiden Fällen eine ausführliche Medienberichterstattung darüber, wann und wo der Höhepunkt stattfindet. Man kann durchs Land reisen, immer der Blüte nach, oder der Rotfärbung.

Sie schreiben – und es stimmt, ich habe es ausprobiert –, dass man beim Googeln des deutschen Wortes „Herbstlaub“ vor allem auf Entsorgungsregularien stößt, und auf die Frage, wo man Laubsäcke bekommt.

Tatsächlich gibt es bei uns keinen solchen Laubenthusiasmus. Nirgendwo ein Hinweis darauf, wo das Laub gerade besonders prächtig ist. Aber im Goldenen Oktober hält sich bei uns doch eine gewisse Wandertradition, Einzelpersonen, Kleingruppen, die auf ihren Wegen vermutlich auch einen besonders schön gefärbten Baum zu schätzen wissen.

Der größere Publikumserfolg, vermuten Sie, könnte am leuchtenden Rot nordamerikanischer und japanischer Bäume liegen. Bei uns wird es eher gelb.

Rot ist eine Signalfarbe, Rot zieht die Aufmerksamkeit besonders auf sich. Rot hat eine anregende Wirkung auf das Nervensystem. Und es geht hier wirklich um ein starkes Rot, ein Magenta. Das Rot eines Japanischen Ahornbaums ist mit nichts zu vergleichen.

Sie machen außerdem darauf aufmerksam, dass die sich rotfärbenden Bäume auch die robusteren sind.

In unseren gemäßigten Klimazonen in Europa haben wir vor allem die gelbfärbenden Bäume. Der kanadische Zuckerahorn, der Japanische Ahorn, der Amberbaum stammen aus Regionen, die stärkeren Temperaturschwankungen ausgesetzt sind. Und inzwischen werden sie bei uns häufiger gepflanzt, weil der Klimawandel die Temperaturen auch bei uns stärker ins Extrem treibt. Diese Bäume halten dem besser stand.

Zur Person

Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren, lebt als Schriftstellerin in Berlin. Sie schreibt, quasi abwechselnd, Lyrik und Prosa. Ihr Roman „Die Kieferninseln“ (Suhrkamp) stand 2017 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und 2019 auf der Shortlist für den Man Booker International. Für ihren jüngsten Lyrikband „Nimbus“ (ebenfalls Suhrkamp) erhielt sie u. a. den Bremer Literaturpreis 2021.

Der Wortmeldungen-Literaturpreis „für kritische Kurztexte“ wurde Poschmann für den Essay „Laubwerk“ zuerkannt auseinandersetzt. Der von der Crespo Foundation initiierte Preis ist mit 35 000 Euro dotiert. Die Preisverleihung ist am Sonntag in Frankfurt.

„Laubwerk“ geht von dem Herbstlaub-Tourismus in Nordamerika aus, kommt auf die Herbstfärbung deutscher Stadtbäume zu sprechen und bringt das in einen Zusammenhang zum Klimawandel. Der Text kann auf wortmeldungen.org heruntergeladen und ist – ergänzt um ein Interview mit der Autorin, eine Einführung von Sandra Poppe und Christiane Riedel sowie Christine Lötschers Laudatio – außerdem als Buch erschienen: Verbrecher Verlag, 72 Seiten, 12 Euro.

Die „Klimabäume“. Es gibt auch einen belegbaren Zusammenhang zwischen Robustheit und Färbung?

Das ist nicht ganz geklärt. Das Chlorophyll zieht sich im Herbst zurück, daraufhin treten die anderen Farbstoffe stärker hervor. Die sogenannten Anthocyane sind dabei für die Rotfärbung zuständig. Sie gelten möglicherweise als Sonnenschutz. Die Laubfärbung wird am schönsten, wenn die Tage sonnig und warm sind, die Nächte hingegen schon ziemlich kalt. Die Temperaturschwankungen treiben die Farben dann so richtig hervor.

„Laubwerk“ ist ein mosaikartiger, ein passenderweise wie aus Einzelblättern geformter Essay. Wie haben Sie den Text entwickelt?

„Laubwerk“ besteht letztlich aus vielen einzelnen Fragmenten. Es geht um Literatur, Mathematik, Biologie, Kunstgeschichte, Politik. Es kommen entsprechend verschiedene Perspektiven und Fachsprachen zusammen. Das hat mich gereizt, es war tatsächlich der Versuch, mit Hilfe von vielen hingetupften „Blättern“ das Bild, das wir uns vom Baum gemacht haben, neu zu konstruieren, zu vertiefen, zu schärfen.

Über Laub kann man offensichtlich auch ein Gedicht schreiben, einen Roman über Bäume haben Sie bereits geschrieben. Wie entscheiden Sie sich für die eine oder andere Form?

Der Roman „Die Kieferninseln“ zum Beispiel war als Buch über die Reise des japanischen Dichters Basho gedacht. Ich wollte selbst eine Art Reisetagebuch schreiben, in dem es ausschließlich um Kiefernbeschreibungen gehen sollte. Davon kam ich dann ab, weil es mir auf die längere Strecke doch etwas zu viel der Kiefer erschien. Darum habe ich die beiden Hauptfiguren hineingebracht, durch die auch ein neuer Ton in das Buch kam.

Wie sicher sind Sie sich Ihrer Position, wenn Sie mit dem Schreiben beginnen?

Ich plane das nicht von vorne nach hinten durch. Ich habe zunächst eine vage Vorstellung, ein Thema, vielleicht eine philosophische Idee, mit der ich mich beschäftigen möchte. Und dann sehe ich, wo das Buch mich hinführt. Bei den „Kieferninseln“ gab es zwar eine Rahmenhandlung, vorgegeben eben durch die Basho-Reise, aber was die beiden Figuren daraus machen, hat sich Tag für Tag entwickelt. Das ist auch für mich ein Erkenntnisgewinn. Es wäre doch langweilig, wenn ich schon genau wüsste, was dabei herauskommt.

Das klingt organisch und passt zum Thema Bäume, aber mir scheint es auch gewagt.

Das stimmt, man weiß nie, ob aus dem Buch etwas wird. Das ist ein Risiko. Man braucht eine große Portion Vertrauen, dass sich alles fügen wird bei dieser Methode.

Funktioniert es bei Ihnen immer?

Bis jetzt ging es ganz gut.

Haben Sie Ausschuss? Textstücke, die Sie beiseitelegen oder verwerfen?

Im Idealfall fügt sich am Ende alles zusammen, wenn auch vielleicht nicht in der Ordnung, in der es geschrieben wurde. Ich habe es mir zur Regel gemacht, alles aufzuheben, jeden einzelnen Schnipsel. Oft kann ich es dann doch noch einmal irgendwo verwenden.

Fällt es Ihnen insgesamt leicht zu schreiben?

Die Herausforderung ist, in einen Zustand der Selbstvergessenheit zu geraten. Das war für mich anfangs das Schwierigste. Wir wachsen in einer Leistungsgesellschaft auf, in der es stark auf den Output ankommt, darauf, die ganze Zeit über etwas zu machen. Für mich war der große Schritt zu lernen, dass sich gerade beim Nichtstun die Dinge entwickeln und erst danach aufs Papier kommen.

Wie regeln Sie das? Über den Zeitraum, über eine tägliche Mindestzeichenzahl?

Über die Zeit, ich arbeite eher zu festen Zeiten, in denen ich mich an den Schreibtisch setze und dann auch etwas schreibe. Aber das will vorbereitet sein, nicht nur durch Recherche, sondern auch dadurch, dass man den Text gleichsam passiv und im Hintergrund entstehen lässt. Das ist und bleibt rätselhafter Vorgang.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem „Laubwerk“ und dem Corona-Jahr?

Der Text ist schon etwas früher entstanden, aber es gibt durchaus einen Zusammenhang. Die Klimabäume und Corona sind drastische Beispiele dafür, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Dass die Art, wie wir mit der Natur umgehen, weltweite Folgen hat.

Wie sind Sie selbst mit diesen Monaten zurechtgekommen?

Als Schriftstellerin musste ich mich nicht so sehr umstellen, ich bin es ja gewöhnt, zurückgezogen am Schreibtisch zu sitzen. Internetlesungen allerdings sind nicht meine Lieblingsform, auch wenn es gut war, dass überhaupt etwas stattfand. Eine Literaturveranstaltung lebt doch von der Zusammenkunft, dem Aufenthalt in einem gemeinsamen geistigen Raum. Aber in dieser Zeit ist mir wieder deutlich geworden, was für ein Wert in einem Buch liegt, das man immer und überall allein lesen kann.

Und schreiben kann.

Ein großartiges, unersetzliches Medium.

Haben Sie das Bedürfnis, auf die Coronakrise literarisch zu reagieren?

Ich habe es mir nicht vorgenommen. Ich brauche allerdings auch lange, bis ich ein Thema aufgreife. Literatur ist eine langsame Kunstform – in diesem Sinne, der Entwicklung über Jahre und Jahrzehnte, dann tatsächlich wie ein Baum.

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