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Der gestürzte und im Exil lebende ehemalige Präsident von Guatemala, Jacobo Arbenz Guzman (Mitte), und seine Frau im Gespräch mit Journalisten, 1955 in Paris.

Lateinamerika

Mario Vargas Llosa: „Harte Jahre“ – Im Zeichen der Ruchlosigkeit

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In seinem Roman „Harte Jahre“ schildert Mario Vargas Llosa eindrucksvoll die Zeit um den Putsch gegen Guatemalas Präsidenten Jacobo Arbenz 1954.

Der Klarstellung am Ende des Romans hätte es im Grunde nicht bedurft. Doch Mario Vargas Llosa will keinen Zweifel an der Zielrichtung aufkommen lassen. Deshalb fasst der peruanisch-spanische Autor auf der letzten Seite von „Harte Jahre“ noch einmal zusammen: „Unterm Strich verzögerte die US-amerikanische Intervention in Guatemala die Demokratisierung des Kontinents um Jahrzehnte und kostete Tausenden von Menschen das Leben“.

In keinem seiner insgesamt 19 Romane hat der Literatur-Nobelpreisträger von 2010 die USA so zentral kritisiert wie diesmal. Die Großmacht habe 1954 unter Dwight D. Eisenhower erheblich dazu beigetragen, den Mythos vom Sozialismus in ganz Lateinamerika zu verbreiten. Was nicht in diesen Roman gehört, aber von Mario Vargas Llosa selbst immer wieder geschildert worden ist: Auch er sah eine Weile in Fidel Castro eine Lichtgestalt. Doch bald wandte er sich entschieden ab von solchen Illusionen.

Es geht also um eine Wendemarke in der Geschichte Lateinamerikas. Schauplatz der Handlung: Guatemala. Schon Juan José Arévalo, der 1945 zum Präsidenten gewählt worden war, hatte sozial- und wirtschaftspolitische Entscheidungen getroffen, die aufhorchen ließen: Gewerkschaften wurden zugelassen, Monopole sollten beseitigt werden. Als sich dann sein Nachfolger Jacobo Arbenz 1951 anschickte, diese Politik fortzuführen und eine Agrarreform zu initiieren, die den Bauern zugutekommen sollte, schrillten bei der United Fruit Company (UFC) die Alarmglocken. Das US-Unternehmen, das in Lateinamerika und eben auch in Guatemala riesige Bananen-Plantagen besaß, sah seine Privilegien und damit seine Profite in Gefahr. Um Unterstützung zu bekommen, wandte sich UFC an die CIA.

Was konnte der US-Geheimdienst in so einem Fall tun? Er beschloss, Arbenz zu diskreditieren. Ein gewisser Edward Louis Bernays übernahm die Leitung der „politischen Kriegsführung“. Schon 1928 hatte der Neffe Sigmund Freuds in seinem Buch „Propaganda“ geschrieben: „In einer demokratischen Gesellschaft ist die bewusste und intelligente Manipulation der formierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ein wesentliches Element.“ Bernays erwies sich als einer der ersten Theoretiker der „Fake News“. Von der US-Regierung erhielt er nun grünes Licht, seine Theorie in großem Umfang in die Tat umzusetzen.

Die CIA streute und nährte das Gerücht, dass sich Guatemala unter Arbenz zu einem Brückenkopf der kommunistischen Sowjetunion entwickele. Zu Zeiten des Kalten Krieges fielen solche Verleumdungen auf fruchtbaren Boden. Dass Arbenz selbst ein erklärter Gegner des Kommunismus war und sich für Kapitalismus und Demokratie aussprach, war für dieses Schurkenstück ohne Bedeutung. Bald schon war der von den USA inszenierte Putsch vollbracht: Arbenz musste 1954 dem Widerstand des Militärs weichen, begab sich auf eine Exil-Odyssee und kam 1971 zu Tode, in Mexiko-Stadt in einer Badewanne.

Das Buch

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre. Roman. A. d. Span. v. Thomas Brovot. Suhrkamp, Berlin 2020. 412 S., 24 Euro.

Sein Nachfolger in Guatemala wurde – nach einigen Intermezzi – Carlos Castillo Armas. Der tat, was Washington von ihm erwartet hatte: Willfährig machte er die Sozialreformen rückgängig und erfreute damit die UFC. Nach nur drei Jahren im Amt wurde er während eines Abendessens erschossen.

Von der Politik im Zeichen der Ruchlosigkeit hat Mario Vargas Llosa, der 1990 selbst einmal für die Präsidentschaft in Peru kandidierte, schon einige Male erzählt. Doch nicht nur deshalb fügt sich „Tiempos recios“ – der Originaltitel geht auf ein Zitat der Mystikerin Teresa von Avila zurück – bestens in sein Werkverzeichnis ein. Auch ist sein neuer Roman vielfach verbunden mit dem vor 20 Jahren erschienenen „Fest des Ziegenbocks“ über den Diktator Rafael Trujillo in der Dominikanischen Republik. Trujillo spielt auch jetzt eine Rolle. Doch noch mehr literarische Aufmerksamkeit erfährt sein Geheimdienstchef Johnny Abbes García. Dessen Ermordung durch die brutale Miliz der Tontons Macoutes auf Haiti schildert Vargas Llosa in „Das Fest des Ziegenbocks“ und nun in „Harte Jahre“. Eine solch markante Mordszene gleich zweimal zu erzählen, wagt nur ein Autor, der sich seiner Kunst sehr sicher ist.

Allein schon die nackten Fakten zum Putsch von 1954 ergeben einen Plot, der staunen lässt. Doch die historische Wahrheit, wie Vargas Llosa sie versteht, gelangt erst zu Tiefe und Klarheit durch seine geschmeidige Verbindung der Tatsachen. Dazu bedarf es einiger Dialoge und Szenen, die in keiner Akte stehen. Aber Vargas Llosas Fiktion respektiert die Fakten. Das wird auch an der Klammer deutlich, die den Roman zusammenhält. Das Einleitungskapitel bietet einen Abriss der Ereignisse, die sodann aus der Nahsicht und im Detail geschildert werden; das Schlusskapitel ist eine Reportage über den Besuch des Autors bei „Miss Guatemala“ in den USA.

Diese Marta Borrero Parra, die den „Miss“-Titel als Baby von ihren Eltern erhalten hatte, ist eine der schillerndsten Figuren des Romans. Nicht nur war sie die allseits bekannte Geliebte des verheirateten Präsidenten Arbenz – bis zu seinem Sturz. Auch lieferte sie dem US-Geheimdienst regelmäßig Informationen aus erster Hand. Nach dem Putsch floh sie in die Dominikanische Republik, wo sie dem Diktator Trujillo ihre Aufwartung machen konnte.

Als Vargas Llosa diese „Miss Guatemala“ in ihrem Haus irgendwo zwischen Washington D. C. und Virginia besucht, gerät das zunächst gefällig verlaufende Gespräch plötzlich in eine Frostphase. Die Frage des investigativen Romanciers, wie denn ihre Verbindung zur CIA gewesen sei, kommt nicht gut an: „No comment“. Und beim Abschied teilt sie dem Autor mit: „Machen Sie sich nicht die Mühe, mir Ihr Buch nach Erscheinen zu schicken, Don Mario. Ich werde es auf keinen Fall lesen. Aber meine Anwälte werden es lesen, nur dass Sie es wissen.“ Dies mag der Grund dafür sein, dass Vargas Llosa nicht ihren echten Namen nennt, sondern sie als Marta Borrero Parra durch den Roman schickt.

„Harte Jahre“ spielt in der Vergangenheit und hat doch viel mit unserer Gegenwart zu tun. Mit Lügen und Verleumdungen, mit politischen Tricks und Inszenierungen, mit Diktatur und Demokratie. Diese Geschichte erzählt Geschichte. Das ist lehrreich, das ist spannend, das ist immer noch empörend. Mario Vargas Llosa macht es möglich.

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