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Marilynne Robinson: „Jack“ – Lieber Gott, lass ihn harmlos bleiben

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Von: Sylvia Staude

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Afroamerikanische Mieterinnen und Mieter eines segregierten Chicagoer Wohnbau-Projekts.
Afroamerikanische Mieterinnen und Mieter eines segregierten Chicagoer Wohnbau-Projekts. © Courtesy Everett Collection/Imago

Marilynne Robinson hat nun doch dem verlorenen Sohn einen eigenen Roman gewidmet: „Jack“.

Um zwei Familien in einem fiktiven Ort namens Gilead drehen sich inzwischen vier Romane der US-amerikanischen Schriftstellerin Marilynne Robinson, Jahrgang 1943. „Gilead“, 2004, ist ein einziger Brief, geschrieben von John Ames, der seinen Tod nahen fühlt, an seinen kleinen Sohn. „Lila“, 2014, ist erzählt aus der Sicht der jungen Frau, die den deutlich älteren Pfarrer geheiratet und ihm diesen späten Sohn geschenkt hat. Dazwischen legt „Home“, 2008, den Schwerpunkt auf die Boughton-Familie, Robert Boughton ist ebenfalls Geistlicher und ein Freund von John Ames. In „Home“ kehrt Boughtons jüngste Tochter, Glory, zurück, um ihren alten Vater zu versorgen. Vergeblich hoffen die Boughtons und auch Taufpate John Ames auf die Rückkehr des verlorenen Sohns, Jack.

Über diese Figur, einen Atheisten unter Gläubigen, einen Gepeinigten unter Gefestigten, sagte Robinson 2008 in einem Interview des Literaturmagazins „Paris Review“: Sie wolle nicht ausführlicher über ihn schreiben, als Erzählerin würde sie Jack „verlieren, wenn ich versuchte, ihm zu nahe zu kommen“. Er sei auf eine komplizierte Art entfremdet.

Sie hat es dennoch getan – es sähe Jack, dem charismatischen Gauner ähnlich, wenn er sie nicht losgelassen hätte. Im Jahr 2020 erschien „Jack“ im Original, nun wie die anderen Romane Robinsons in der tongenauen Übersetzung von Uda Strätling bei S. Fischer (ein sorgfältigeres Lektorat aber wäre gut gewesen). Die vier Bücher können im Übrigen unabhängig voneinander gelesen werden, denn es gibt nicht viel Handlung, und diese schreitet nicht chronologisch fort.

Vielmehr bewegen sich alle diese Erzählungen mal in großen, mal in kleinen Kreisen zwischen Erinnerung und Gegenwärtigem. Jahreszahlen spielen keine Rolle. In „Jack“ werden einmal die vielen Kriegsheimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg erwähnt. Es geht der Titelfigur außerdem im Kopf herum, dass in St. Louis, Missouri, Wohnbezirke mit schwarzer Bevölkerung abgerissen werden sollen. Man nannte es städtische Erneuerung. Apartmentkomplexe entstanden, in die nur Schwarze ziehen sollten, säuberlich auf einem Fleck.

Warum das einen weißen, sich eher nicht um andere kümmernden Mann wie Jack Boughton überhaupt beschäftigt? Weil er einer schwarzen jungen Frau, der im Regen Papiere aus den Armen gleiten, hilft und sich auf der Stelle verliebt. Was wie eine typische Szene aus einem Liebesfilm klingt, ist bei Marilynne Robinson nicht nur frei von Kitsch, sondern führt Jack beinah augenblicklich in die größten Gewissensbisse und Schuldgefühle. Aber da er ist, wer er ist, reichen sie nicht, ihn fernzuhalten von Della: „Ich kann Sie leicht zugrunde richten, Ihnen aber niemals gut tun“, sagt er – und taucht dann doch wieder vor ihrer Tür auf, reist ihr schließlich hinterher zu ihrer Familie nach Memphis, wo ihr Vater Bischof ist einer Methodisten-Gemeinde.

„Jack“ ist also eine Geschichte über Rassismus, spielend in einer Zeit, in der die Trennung strikt war, in der keine „Vermischung“ stattfinden durfte. (Erst 1964, mit dem Civil Rights Act, wurde in den USA die Rassentrennung offiziell abgeschafft.) Jack, nach armseligem, vielleicht darum toleranterem Hausen in St. Louis in Chicago so geordnet und komfortabel wohnend wie noch nie in seinem Leben, sagt seiner Vermieterin, dass seine Frau schwarz ist. Diese antwortet: „Das ist unmöglich. Das ist rechtswidrig.“ Und, empört: „Ich hielt Sie für einen anständigen Mann!“

Das Buch

Marilynne Robinson: Jack. Roman. A. d. Engl. v. Uda Strätling. S. Fischer, Frankfurt 2022. 384 S., 26 Euro.

Das aber ist Jack nicht, wenn auch nicht wegen seiner Verbindung mit Della. Jack ist ein Dieb – als er Della auf der Straße sieht, hat er gerade einem alten Mann den Schirm geklaut, den er dann über sie hält –, er ist ein Lügner, Alkoholiker, ein gebrochener Mann, ein „verwahrloster weißer Penner“ (Jack über Jack). In der Vergangenheit hat er ein Mädchen geschwängert und seinem Schicksal überlassen – zu helfen versucht hat dann seine Familie, die ihn immer noch nicht verloren gibt. Sein Bruder Teddy hinterlegt in St. Louis, der letzten bekannten Adresse, immer wieder Geld für ihn (und Jack verlässt sich drauf). Sein Vater, da ist er sich sicher, würde ihm verzeihen.

Doch er selbst hat sich verloren gegeben – wie Della, die es als schwarze Frau gegen viel mehr Widerstände zur Lehrerin gebracht hat, erkennt: „Mir ist noch nie ein Weißer untergekommen, der so wenig davon hatte, weiß zu sein.“

Das Thema Rassismus ist trotzdem entschieden zweitrangig in diesem Roman, der durchgängig Jacks Perspektive beibehält. Und Jack Boughton ist alles andere als ein politischer, als ein von sozialen Unterschieden bewegter Kopf. Er ist vor allem geprägt durch seine religiöse Erziehung, auch wenn diese nicht viel mehr bewirkt hat, als dass er sich regelmäßig schämt für sein Tun, als dass er sich (scheinbar?) gern für das moralisch Richtige entscheiden würde. Manchmal meint er, eine Wahl zu haben, manchmal ist ihm klar, dass er sich nicht ändern wird. „Lieber Gott, lass mich harmlos bleiben“, betet er, der überzeugt ist, nicht glauben zu können. Dann wieder die Erkenntnis: „Es war noch nie meine Art, zu tun, was ich tun sollte, selbst im eigenen Interesse.“

So geht es, nicht zum ersten Mal bei Marilynne Robinson, auch darum, wie viel Freiheit der Mensch hat, was ihm vorbestimmt ist, möglicherweise von einem Gott. Und Robinson, bekennende Calvinistin, scheint ihre Zweifel zu haben an der Entscheidungsfreiheit. Jack jedenfalls bricht die besten Vorsätze im nächsten Augenblick schon wieder, kann nicht aus seiner Haut, ist charmant und vielfach begabt und ein Zerstörer wider Willen. „Ich spüre augenblicklich (…) wenn etwas zerbrechlich ist, und will und muss es dann brechen.“

Robinson hat Jack nicht verloren, wie sie es befürchtete. Vielmehr hat er sich in den Vordergrund gedrängt. So dass diese Rezensentin findet, dass „Jack“ ein schwächerer Roman ist als seine unglaublich eleganten, unglaublich bewegenden drei Vorgänger. Zum einen weil sehr vage bleibt, warum Della, hübsch und klug, sich in einen solchen Versager – wenn auch einen Versager mit Manieren – verlieben sollte. Zum anderen, weil Jack etwas ermüdend um sich, seine Skrupel, seine Schwächen kreist. Man kennt diesen Typ Mann.

Über 86 Seiten erstreckt sich eine zufällige nächtliche Begegnung Dellas und Jacks auf einem Friedhof, mit vielfachen Beteuerungen seinerseits, dass er nur aus der Ferne auf sie aufpassen und sie nicht in Verlegenheit bringen will. Dieser Mann lebt und denkt wie in einem Nebel, wie auf schwankendem Grund. So dass streckenweise auch der Roman Grund und Ziel aus den Augen verliert.

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