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Marie Gamillscheg „Aufruhr der Meerestiere“: Kampf mit Körpern

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Marie Gamillscheg. Foto: Jens Oellermann
Marie Gamillscheg. Foto: Jens Oellermann © Jens Oellermann

Im Roman „Aufruhr der Meerestiere“ von Marie Gamillscheg wird eine junge Frau vielfach bedrängt.

Sagen Sie nicht, Sie hätten noch nie von der Meerwalnuss gehört. Für Luise gerät sie zum Objekt ihrer besonderen Obsession. Eine invasive Quallenart, die andere Meerestiere verdrängt und das Wasser mit einem schleimigen Schleier bedeckt. Für die junge Meeresbiologin schlicht „das gefährlichste Raubtier der Welt“.

Ja, mnemiopsis leidyi existiert wirklich. Das ist eine der wenigen Gewissheiten in dem Roman „Aufruhr der Meerestiere“ der Österreicherin Marie Gamillscheg. Ansonsten webt die 30-Jährige ein dichtes, poetisch aufgeladenes Sprachgeflecht, in dem man sich leicht verfängt, das oszilliert zwischen Wirklichkeit und Traum, Besessenheit und Analyse. Gut möglich, dass man beim Lesen den Halt verliert.

So wie es auch Luise ergeht, als Wissenschaftlerin erfolgreich an ihrem Universitäts-Institut. Tatsächlich aber hat sie sich „im Sprechen über ihre Arbeit eine gebärmutterartige Höhle eingerichtet“. Vieles bedrängt sie. Da ist ihr Körper, mit dem sie nie in Frieden lebt. Nur „schlankest, in der ausgeschältesten Form“ kann sie ihn akzeptieren. Bekämpft erbittert ihren „viel zu weichen Bauch“, erleidet Fressanfälle und weiß doch: „Im Rausch war sie nichts, im Hunger war sie alles.“ Beobachtet ihren Leib peinlich genau, um ihn zu erziehen, schon früh beißt sie sich in den Unterarm oder sticht sich die Zinken der Gabel in die Hand. Zu Männern, mit denen sie zwar schläft, entsteht keine wirkliche Verbindung, ihre einzige Beziehung, so sagt einer ihrer Freunde, ist die zu den Quallen. Luise, die aus Graz stammt, erhält das Angebot, mit einem traditionsreichen Tierpark in ihrer Heimatstadt zusammenzuarbeiten. Und sie macht sich auf den Weg, taucht wieder ein in die Welt ihrer Kindheit. Doch Graz ist auch die Stadt, in der ihr Vater lebt, und Leo, ihre engste Jugendfreundin.

Auch Gamillscheg kommt aus Graz und entwirft eine böse Skizze des kleinbürgerlichen Österreich, als Luise in ein Straßenfest gerät: „Die braunen Hirschlederhosen, die karierten Hemden, die Hüte mit Gamsbärten, die Hüte ohne Gamsbärte und die Dirndl mit pinken, lilafarbenen, hellgrünen, sattblauen Schürzen, die in der Herbstsonne wie Plastik schimmerten. Sie kamen aus dem Herzen der Stadt, das im Rhythmus der Öffnungszeiten und der eilenden Schritte schlug. Der Himmel saß tief, er machte sich über die Häuserdächer her. Luise hatte noch nie so viele Brüste gesehen. Brüste im Kreis stehend, Brüste, die sich an anderen Brüsten Brust an Brust vorbeidrängten, Brüste, die an Geschäftsauslagen lehnten und sich von einem fremden Zeigefinger die eigenen Konturen nachfahren ließen.“

Das Buch:

Marie Gamillscheg: Aufruhr der Meerestiere. Roman. Luchterhand, München 2022. 304 S., 22 Euro.

Das Nichtverhältnis zu ihrem Vater prägt eine Erinnerung, von der unklar bleibt, ob sie nur ein böser Traum ist oder Realität. Als Mädchen wird Luise in einem Hotelzimmer von einem Mann bedrängt: „Luise erinnerte sich nicht an sein Gesicht. Sie wusste nicht, ob er eines hatte. Sie wusste nur, dass es der Vater war.“ Der Versuch, bei ihrer Heimkehr die Vergangenheit mit dem Vater aufzuarbeiten, misslingt: Er erleidet einen Herzinfarkt, wird von ihrem Bruder aufgenommen.

Eine zweite Vaterfigur, die Luise wieder einholt, ist Dr. Schilling, der berühmte Zoologe, jetzt Direktor des Grazer Tierparks. Schon als Kind hat sie im Fernsehen stets seine Sendung „Schillings Tierwelt“ geschaut. Gamillscheg zeichnet ein Porträt des Übervaters, das an den Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grizmek und seine Endlos-TV-Serie „Ein Platz für Tiere“ (1956-1987!) denken lässt. Klar wird jedenfalls, dass Schillings Pläne für den Grazer Tierpark und Luises Vorstellungen im harten Konflikt stehen. Luise will Zoos überwinden, der Patriarch hält Freiheit für Tiere dagegen für eine falsche, romantische „Idee des Menschen“.

Für die Zoologin ist auch evident, dass die Probleme mit der Meerwalnuss vom Menschen gemacht sind: Denn der bringe sie mit seinen Schiffen erst in fremde Gewässer, ermögliche so die Kolonisierung durch die Quallen.

Am Ende bleiben viele der Fäden, die Marie Gamillscheg gesponnen hat, in der Luft hängen. Und das ist auch gut so. Wir können so selbst darüber nachdenken, wie es mit Luise, der Bürgertochter, und ihrem Kampf um Selbstbestimmung weitergehen könnte. Gamillscheg aber beweist sich mit ihrem zweiten Roman, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreises stand, als interessante Stimme der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

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