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Mariana Leky „Kummer aller Art“: Es leuchtet die Lebensfreundlichkeit

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Von: Martin Oehlen

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Mariana Leky. Foto: Birte Filmer
Mariana Leky. Foto: Birte Filmer © Birte Filmer

Mariana Lekys erfrischende Kolumnen „Kummer aller Art“.

Sensationell ist der Satz, mit dem es der junge Max wagt, Michaela auf sich aufmerksam zu machen. Er hat lange über die richtige Wortwahl gegrübelt, um ihr seine Liebe zu gestehen. Klar, in einer solchen Lebenslage muss er schon etwas bieten. Und dann das: „Michaela, ich habe jetzt übrigens die Bastlerzeitschrift ‚Mechanicus‘ abonniert.“

Es ist ein Satz aus dem Band „Kummer aller Art“, der Mariana Lekys Kolumnen aus „Psychologie heute“ in konzentrierte Fülle verfügbar macht. Es handelt sich um begeisternde Minidramen, so erheiternd wie erhellend. Die Schriftstellerin erzählt darin von den alltäglichsten Problemen und Problemchen.

Auf die stößt Mariana Leky zum einen im Gespräch mit ihren sympathischen Nachbarn (eine Sympathie-Ausnahme ist Herr Günter „mit dem Höllenblick“, der einen „Ratsch im Kappes“ hat und zum Glück nur als Zwischenmieter im Haus wohnt). Und zum anderen macht die Autorin im eigenen Seelenleben reiche Beute. Der „Hang zum Herumpsychologisieren“ liegt offenbar in der Familie. Denn wenn wir die Kolumnen für eine tendenziell korrekte Wiedergabe der Wirklichkeit halten, ist die Psychoanalyse die bevorzugte Berufswahl in der Verwandtschaft – zumindest bei Vater, Onkel und Cousine.

So geht es mit Jedermann und Jederfrau nicht auf die Couch, sondern ins Café, auf einen Spaziergang oder in den Hausflur. Die Angst in ihren vielfältigen Erscheinungsformen ist ein besonders ergiebiger Gesprächsstoff: Von der Flugangst über die Konfliktangst und die Der-Aufzug-bleibt-bestimmt-gleich-stecken-Angst bis zur Umzugsangst. Weiter ist von „cremeweißer Freundlichkeit“ die Rede, von Schlaflosigkeit und vom Zwischenmenschlichen an der Lebensmittelkasse. Und die Liebe kommt auch mal vor – aber auf Max und Michaela sind wir ja schon eingegangen.

Das Buch:

Mariana Leky: Kummer aller Art. DuMont, Köln 2022. 172 Seiten, 22 Euro.

Die Kolumnen sind jeweils kaum mehr als dreieinhalb luftige Seiten lang. Das klingt nach überall integrierbaren Lektürehappen. Doch wenn dann plötzlich auffällt, dass man gar nicht mehr aufhören mag mit diesen lebensklugen Preziosen, dann steht außer Frage, dass die Autorin weitersurft auf der Höhe ihrer literarischen Kunst.

Mariana Leky, der mit dem Roman „Was man von hier aus sehen kann“ (2017) ein formidabler Bestseller gelungen ist, wartet auf mit ihrem vertrauten Sound. Einerseits umschmeichelt er smooth die Sinne, andererseits ist er durchsetzt mit erfrischenden Akzenten. An diesen Sound gewöhnt man sich sehr schnell und sehr gerne. Langweilig wird’s nie. Jede Geschichte ist ein Treffer. Und viele gehören in die Kategorie Volltreffer.

Die Magazin-Kolumnen, so heißt es, sind für die Buchveröffentlichung überarbeitet worden. Bei Stichproben fallen tatsächlich nur geringfügige Änderungen auf. Aber sogar aus der Bearbeitung leuchtet die Lebensfreundlichkeit, die sämtliche Geschichten auszeichnet. Denn wo Herr Pohl zunächst in einer Geschichte als „der alte Nachbar“ und in einer anderen als „mein betagter Lieblingsnachbar“ erwähnt wird, fehlen in der Buchausgabe jeweils die Hinweise aufs fortgeschrittene Alter. Da ist es dann eben: Herr Pohl. Wir spekulieren einmal, dass Mariana Leky an diesen Stellen noch etwas verbindlicher sein wollte als sie es eh schon ist.

Menschenliebe ist das Wort, das uns vor allem einfällt, wenn wir auf diese Texte schauen. Mariana Leky erzählt von unserem Alltag mit seinen Tücken und Tiefen und seinen tollen Momenten einfach schön. Einfach und schön. Mit haargenauen Beobachtungen und mit einer Mischung aus sanftem Witz und leichter Wehmut.

Wer sich einen Stimmungsaufheller gönnen möchte, sollte es mal mit „Kummer aller Art“ versuchen. Fragen Sie ruhig Ihren Arzt und Apotheker. Aber auch der Buchhandel kann weiterhelfen.

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