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Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am Sonntag in der Paulskirche in Frankfurt.
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Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am Sonntag in der Paulskirche in Frankfurt.

Buchmesse

Margaret Atwood erhält Friedenspreis

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Die Welt mit dem Blick der Eule sehen: Der Friedenspreis-Festakt geht in der Paulskirche über die Bühne - geehrt wird Margaret Atwood.

Als Margaret Atwood das Paulskirchen-Podium betreten und Heinrich Riethmüller die Urkundenmappe aufgeschlagen hatte, gab es gleich einen Atwood-Moment: Die kanadische Schriftstellerin rückte nah an den Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels heran, griff sich die eine rote Mappenhälfte (leises Lachen im Publikum) und las über seine Schulter mit, was er vortrug.

Atwood ist auch deswegen eine ideale und idealtypische Friedenspreisträgerin, weil sie, im übertragenen wie wortwörtlichen Sinn, immer mitliest. Sie steht fest in der Welt. Sie behält die Vorgänge darin, gerade auch die politischen, stets in ihrem menschenfreundlichen, aber doch scharfen Eulenblick. In ihrer Dankesrede bezeichnete sie sich zwar als „keine echte Aktivistin“ – und auch das ist wahr, sehr zum Glück ihrer Leser: Eine echte Aktivistin, so führte sie aus, würde ihr Schreiben als Vehikel sehen. Sie musste nicht ausführen, dass sie ihre Kunst eben nicht als Trägersubstanz einer Botschaft betrachtet.

Atwood ein „Weltstar“ der Literatur

Für das Lob des Werks der 1939 in Ottawa Geborenen war die Journalistin und Kollegin Eva Menasse zuständig, auch sie eine Anhängerin klarer Ansagen, weshalb sie die Geehrte – zu Recht – einen „Weltstar“ der Literatur nannte. Um sofort auch daran zu erinnern, dass die Kanadierin es geschafft hat, obwohl sie eine Schriftstellerin ist und sich vor Jahrzehnten mit „Der Report der Magd“, einem Roman, der von der Unterdrückung der Frau erzählt (und der aus aktuellem Trump-Anlass in den Bestsellerlisten steht), „für die Frauenecke schon beinahe überqualifiziert“ habe. (Sie hätte durchaus auch darauf hinweisen können, dass Atwood allerdings niemand ist, der sich in Ecken stellen lässt, egal welche.)

Atwood die Aufmerksame, Neugierige, Wachsame

Mit der schönen, treffenden Wendung von der „Präzision der Messerwerferin“ kam Eva Menasse sogleich auf den literarischen Punkt und eben die literarischen Talente Atwoods zu sprechen: das Figuren-Festnageln in drei, vier Sätzen; das „dramaturgische Genie, mit dem sie gerade in der kleinen Form zwischen den Zeitebenen tänzelt“; der „Röntgenblick, der keine Ausflüchte und Niedrigkeiten der Menschen zu übersehen gewillt ist“; und dann, ein Trost für den Leser der dunklen Weltentwürfe, der „freche Humor“.

Das Unbehagliche sieht Menasse bei Atwood meist mit dem Humorvollen verbunden. Im Übrigen seien nicht Frauenfragen, so Menasse, Angelpunkt des Atwoodschen, so oft von Dystopien erzählenden Werks, sondern die Umweltzerstörung und damit der Totalitarismus: „Wenn der Lebensraum knapp wird, ist der Rückfall in alle denkbaren Totalitarismen nur folgerichtig.“ Gleichberechtigung und Demokratie sind leider keine unumkehrbaren Zustände, lautet eine der Lehren, die die Laudatorin aus dem Werk der Kanadierin zu ziehen meint.

Atwood selbst, die Aufmerksame, Neugierige, Wachsame, brachte dann die Notwendigkeit zur Wachsamkeit ins Spiel. Und sie predigte eben nicht, sondern erzählte in ihrer Dankesrede immer wieder kleine Geschichten. Von den Ameisen und wie diese sich ein Picknick ausrichteten (vor allem: ohne Menschen, also Mitesser!). Vom Wolf und wie er sich den Kaninchen als starker Führer anpreise. (Sie erzählte es und entschuldigte sich hinterher bei den Wölfen: Wenn sie Dinosaurier genommen hätte, wäre sie von ihrem Publikum weniger gut verstanden worden und nicht so unterhaltsam gewesen. Da war wieder ein typisch Atwoodscher Moment, einer der selbstironischen, ironisch-heiteren.)

Natürlich fällt der Name Donald Trump

Der Mensch, so ist es Thema auch in ihrer großartigen MaddAddam-Endzeit-Trilogie, unterscheidet sich durch seine Fähigkeit zum Erzählen vom Tier. Wölfe, formulierte sie nun in ihrer Dankesrede, „kommunizieren, doch sie erzählen nicht die Geschichte von Rotkäppchen“. In der Menschheitsgeschichte sei noch nie keine Kunst geschaffen worden. Und sie sei, als Gewinnerin eines Kulturpreises, ein „vorübergehender Repräsentant aller Praktizierenden“ sowie „der Gemeinschaft, die die Existenz der Kunst ermöglicht“. Sie trat dann in der Paulskirche auf als eine, die dabei ist, den Stab weiterzugeben, an einen jungen Schriftsteller vielleicht und sein erstes Buch (das englische „writer“ lässt das Geschlecht offen), an jemanden, der von seinen Lesern, darunter Atwood, „gehört“ werden kann.

Indessen fasste Eva Menasse das Werk der großen Schriftstellerin und „boshaft kichernden weisen Frau“ so zusammen: „Ihre Erzählungen sind realistisch, wahrhaftig und immer ein wenig beispielhaft. Vor allem zeigen sie die anderen Möglichkeiten auf. Möglichkeiten liegen ja überall und in allem.“

Natürlich fiel der Name Trump an diesem Vormittag, natürlich wurde auf die erschreckenden Veränderungen in den USA, aber auch das Erstarken der Rechten anderswo verwiesen. Margaret Atwood, die nun neueste Trägerin des Friedenspreises, aber füllte ihre Rolle als Intellektuelle und Künstlerin, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft bewusst ist, bravourös aus. Das war nicht anders zu erwarten, da sie das seit Jahrzehnten tut. Sie hat die offenen Worte noch nie gescheut, in ihre Bücher aber packt sie die kunstreichen.

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