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Hoffnungszeichen grüner Nagellack: Margaret Atwood stellt ihren Roman vor. 

„Handmaid’s Tale“

Margaret Atwood: Bis einem der Himmel doch noch auf den Kopf fällt

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„Die Zeuginnen“, Margaret Atwoods Handmaid-Fortsetzung, erzählt den Anfang vom Ende Gileads.

Lauwarm wurde Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“ Mitte der 1980er von der Kritik aufgenommen. Die Autorin Barbara Ehrenreich entdeckte „feministische Paranoia“ darin, die Schriftstellerin Mary McCarthy hölzerne Sprache und langweilte sich. Der „New Yorker“, Leitstern amerikanischer Intellektueller, besprach den Roman gleich gar nicht. In diesen Tagen aber preschte die Zeitschrift, sich um eine Harry-Potter-artige Sperrfrist nicht scherend, mit einer umfangreichen Würdigung Atwoods und ihrer dystopischen Frauenunterdrückungs-Geschichte vor:

Aktueller Anlass ist das Erscheinen einer Handmaid-Fortsetzung mit dem Titel „The Testaments“, zeitgleich auf Deutsch herausgekommen als „Die Zeuginnen“. Tieferer Anlass ist, dass „Der Report der Magd“ (dt. 1987) mit dem Amtsantritt Donald Trumps und seines bigotten Vizes Mike Pence, mit zahlreichen Versuchen des Rollback etwa bei Abtreibungsgesetzen in US-Staaten und anderswo, erneut und vermehrt gelesen wird – und 2017 ff. gelesen als hellsichtige Warnung vor einem plötzlich nicht mehr ganz unmöglich erscheinenden Staatsstreich, einem Putsch ultrakonservativer Misogynisten.

Nicht nur das Wort „Putsch“ fällt in „Die Zeuginnen“, es wird diese Machtergreifung der Männer auch in ziemlich schrecklichem Detail beschrieben von der ältesten dreier Ich-Erzählerinnen: Wie sie an ihrer Arbeitsstelle, sie ist Familienrichterin, verhaftet wird; wie alle Frauen selektioniert, die älteren, gebildeten dann im Stadion festgehalten werden; wie in der „Dankfabrik“ unter Folter Kollaborateurinnen produziert, weiterhin Widerständige aber hingerichtet werden.

„Man glaubt nicht“, notiert Erzählerin Nummer eins – „das Hologramm von Haus Ardua“ – unter größter Gefahr, „man glaubt nicht, dass der Himmel einem auf den Kopf fällt, bis man selbst von einem großen Stück getroffen wird.“ Der raffinierten Margaret Atwood wird klar sein, wie schwer es ist, dies im Jahr 2019 nicht auch als Kommentar über unser Klimawandel-Verhalten zu lesen.

Im „Report der Magd“ war Ich-Erzählerin Offred als Gebärerin bereits ins System gesperrt, ihr Wissen also begrenzt. In „Die Zeuginnen“ wechselt und öffnet Margaret Atwood die Perspektive, lässt vom „Hologramm“, der inzwischen mächtigsten der „Tanten“, Lydia, erklären, wie der Putsch der Männer (und einiger fanatischer Frauen) gelingen konnte: Indem viele Frauen erstmal nur überleben wollen, indem dann sofort die Indoktrination der Jüngeren beginnt, während die älteren, die aus dem Stadion, den Überbau konstruieren. „Woche für Woche erfanden wir: Gesetze, Uniformen, Slogans, Lieder, Namen.“ Sie machen sich so nützlich, dass die machthabenden Kommandanten sie bald nicht mehr entbehren können. Eine Überlebensstrategie – zulasten derer, die moralisch nicht so geschmeidig sind.

Tante Lydia alias „das Hologramm“ schreibt nun Jahre später nicht nur, aber doch auch, um sich zu rechtfertigen, schreibt, dass sie immerhin „stets das Beste gewollt“ hat – „oder das Bestmögliche, was nicht immer dasselbe ist“. Das „Bestmögliche“ führt sie schließlich zu einer ausgeklügelten, freilich späten Rache. Und dieser Rache-Plot wiederum gibt dem Roman einen zuletzt rasant an Fahrt gewinnenden Thriller-Anteil. Atwood ist in den „Zeuginnen“ nicht die Erzählerin feinster psychologischer Nuancen, die sie auch sein kann; sie entscheidet sich hier für ihre nüchtern-lakonische, manchmal sarkastische Seite, für Geradlinigkeit, recht knappe Sätze und klare Ansagen.

Die drei Erzählerinnen-Stimmen sind, tadellos sich ergänzend, ineinandergefügt. Das kann einem am Ende auch etwas zu passgenau vorkommen, ein wenig zu sehr geleitet vom Wunsch, den offenbar bei der Schriftstellerin zahlreich nachfragenden Leserinnen und Lesern Erklärungen zu liefern, die im „Report der Magd“ verweigert wurden.

Darunter vor allem die Erklärung, wie die Männerdiktatur Gileads gestürzt werden konnte. Denn dass sie es wurde, daran lässt schon im „Report“ der dezent satirische Anhang über ein Symposium des Jahres 2195 keinen Zweifel. Nun präsentiert Atwood die Strippenzieherin aus dem Herzen der Macht – der nicht zu unterschätzenden Tanten-Macht – und ihre zwei jungen Werkzeuge, Zeugin 369A und 369B (erstere aufgewachsen in einer Kommandanten-Familie Gileads, letztere im freien Kanada, beide ausreichend rebellisch für den intrikaten Plan Tante Lydias). Nun präsentiert sie den Anfang vom Ende Gileads.

Tante Lydia muss einem nicht sympathisch sein, von Fall zu Fall geht sie über Leichen. Atwood scheint sie aber auch verteidigen zu wollen, da offenbar nur erhebliche Skrupellosigkeit ein so grausames Regime stürzen kann: indem man, nein frau, die religiösen Heuchler um jeden Preis, auch den des Lebens Unschuldiger, entlarvt. Indem man Menschen opfert.

Im „Report der Magd“ sah die Kanadierin Atwood den konservativen Backlash voraus, den Susan Faludi einige Jahre später dokumentierte, und ließ ihn nicht zufällig im Nachbarland USA spielen. Aber auch die Friedenspreisträgerin, politisch sehr auf dem Quivive, wird überrascht sein, wie hochaktuell ihr alter Roman sowie eine 2017 angelaufene TV-Adaption heute wirken. Überrascht zudem davon, dass nicht wenige Frauen, die in den letzten Jahren gegen restriktive Abtreibungsgesetze zu protestieren begannen, es symbolhaft in den roten Umhängen und weißen Hauben der Mägde tun – zu bestellen als Handmaid-Kostüm im Internet.

Wenn Atwood die Rolle der Prophetin je lästig war, so nimmt sie doch die der Stellung beziehenden Autorin in ihrem neuen Roman lässig an. Indem sie, zum Beispiel, politische Konstellationen und Kleinmütigkeiten wiedererkennbar macht: Verzweifelte Flüchtlinge versuchen es ins liberale Kanada zu schaffen, dessen Regierung sich aber nicht mit Gilead anlegen will. Mutige Kanadier riskieren ihr Leben und schaffen Untergrund-Fluchtrouten. Während die Regierung die Leute von „MigrAsyl“ im Regen stehen lässt.

„Die Zeuginnen“ erzählt vom Kreislauf gesellschaftlicher und politischer Systeme und dem Glück der Geburt zur rechten Zeit. „Du hättest solche Dinge nie getan!“, spricht Tante Lydia die Leserin gegen Ende des Romans spöttisch an und meint mit „solche Dinge“ ihre hässlichen, kompromisslerischen Taten. „Aber du selbst wirst niemals die Notwendigkeit dazu gehabt haben.“

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