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„Er hat insgesamt ein ereignisarmes Leben geführt, weil er eben immer geschrieben hat.“ – Ina Hartwig über Marcel Proust.
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„Er hat insgesamt ein ereignisarmes Leben geführt, weil er eben immer geschrieben hat.“ – Ina Hartwig über Marcel Proust.

150. Geburtstag

Marcel Proust – „Er blickt ohne Scheu in die Abgründe des Menschen“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Der berühmteste Keks der Literaturgeschichte hat mit Nostalgie nichts zu tun. Eine in der Mitte gespaltene Gesellschaft, Antisemitismus, Sex und Gender: Die Frankfurter Kulturdezernentin und Proust-Kennerin Ina Hartwig über die Aktualität der „Suche nach der verlorenen Zeit“.

Frau Hartwig, ich muss Sie das als Dezernentin fragen, wenn wir nun über Proust sprechen, und es passt ja auch ganz gut. Was sind Ihre frühen Erinnerungen an Proust?

Proust betrifft mein Vorleben. Mein Vorvorleben. Der siebenbändige Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, die „Recherche du temps perdu“, ist ein Kosmos, in dem man sich zunächst einmal zurechtfinden muss. Das erfordert Disziplin, macht aber zugleich ein großes Vergnügen. Jeder und jede muss seinen eigenen Weg in dieses Mammutwerk finden. Viele Jahre meines Lebens habe ich mit diesem Autor verbracht und ihn immer auch ein bisschen gegen den Strich gelesen.

Was ist aus Ihrer Sicht das größte Missverständnis?

Das größte Missverständnis besteht darin, Proust als Autor zu begreifen, der die Belle Époque als etwas Schönes feiert. Er feiert aber rein gar nichts als schön, obwohl viel von schönen Dingen die Rede ist im Roman. Prousts Blick auf die Gesellschaft ist sezierend und analytisch. Er ist kein gutmütiger Autor. Manche glauben, es ginge darum, elegante Hüte aufzusetzen, Champagner zu trinken und den Adel zu bewundern. Aber das ist Unsinn. Die Salons der „Recherche“ sind nur die Kulisse einer untergehenden Gesellschaft, einer Aristokratie, die nicht begriffen hat, dass ihre Macht ein für allemal beendet ist. Die Dreyfus-Affäre hat im Roman die Funktion, die Gesellschaft der Dritten Republik als eine gespaltene zu zeigen.

Der Justizskandal um den französisch-jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus, dem völlig haltlos Landesverrat vorgeworfen wurde.

Die Dreyfus-Affäre gehört zu den wenigen Elementen in der „Recherche“, die nicht fiktiv sind, auch nicht semifiktiv. Proust erzählt dieses gesellschaftspolitische Großereignis allerdings indirekt, von der Wirkung her. Sein Held ist nicht Dreyfus, sondern jener rechtschaffene Offizier Picquart, der Dreyfus’ Unschuld erkannte und ihn in Schutz nahm und dafür selbst verurteilt wurde. Alle prägnanten Romanfiguren verhalten sich zur Dreyfus-Affäre, sind entweder Dreyfusianer oder Anti-Dreyfusianer. Das Ergebnis ist überraschend: Es gibt keine Gruppe, die prädestiniert wäre, pro oder kontra Dreyfus zu sein. Nehmen wir allein den Fürsten Guermantes, tiefkatholisch und ursprünglich antisemitisch, der heimlich Fürbitten für Dreyfus lesen lässt. Swann, die imposanteste jüdische Figur im Roman, ist natürlich für Dreyfus.

Ina Hartwig.

Wie Proust auch. Er hat selbst den Aufruf von Émile Zola, „J’accuse“, mitunterschrieben.

Ja, denn Proust war trotz seiner ambivalenten Beziehung zum Adel durch und durch Republikaner, liberal eingestellt und durch seine jüdische Mutter für Judenhass höchst sensibilisiert. Sein Elternhaus verstand sich trotz des großbürgerlichen Lebensstils keineswegs von selbst. Die Heirat zwischen einem katholischen Krämerssohn – Adrien Proust, der Vater – und einer jüdischen Bankierstochter – Jeanne Weil, die Mutter – war eher ungewöhnlich. Im Roman schildert Proust, wie die Dreyfus-Affäre die Gesellschaft quasi durchschneidet, wie sie zum Symptom einer politischen Spaltung wird. Und genau das beobachten wir auch gerade wieder. In vielen Bereichen, die Briten haben es beim Brexit erlebt, die Amerikaner unter Trump, die ganze Welt unter der Corona-Pandemie, überall gibt es Leugner der Wissenschaft. Diese Form gesellschaftlicher Gewalt wird in der „Recherche“ in aller Klarheit schon erzählt.

Was sollen wir daraus schließen? Gibt Proust einen Hinweis, einen Rat?

Nein. Proust ist absolut kein moralischer Autor und kein politischer Ratgeber. Man kann aus diesem Roman keine Empfehlungen ablesen, so geht Proust nicht vor. Er ist vielmehr ein Autor, dessen Genauigkeit, dessen sezierender Blick uns mit Fragen konfrontiert. Aber das sind nicht unbedingt seine Fragen, sondern unsere. Was er schildert, ist die bisweilen, aber keineswegs immer prunkvolle Fassade einer auseinanderbrechenden Gesellschaft, einer Gesellschaft, die durch zwei Phänomene herausgefordert wird: den Antisemitismus und die Homosexualität. Roland Barthes war vielleicht der erste, der amüsiert bemerkte, dass am Anfang der „Recherche“ alle noch relativ „normal“ erscheinen, aber je weiter der Roman voranschreitet, desto mehr Figuren und Persönlichkeiten erweisen sich als homosexuell. Am Ende hat man eigentlich das Gefühl, es ist eine schwule und lesbische Gesellschaft – wenn das auch noch nicht die Begriffe sind, die Proust verwendet.

Hochaktuell, über Geschlecht und Identität nachzudenken.

In der Tat. Es gibt in der „Recherche“ eine köstliche Szene, in der der schwule Baron de Charlus, übrigens ein glühender Antisemit, mit dem Sorbonne-Professor Brichot so detailreich über seine Neigung spricht, dass dieser bemerkt: „Wenn jemals ein Lehrstuhl für Homosexualität eingerichtet werden sollte, dann würde ich Sie an allererster Stelle vorschlagen.“ Hundert Jahre, bevor dieses Thema in unseren Universitäten angekommen ist, hat Proust die Genderforschung satirisch-komödiantisch vorweggenommen. Das Spannungsverhältnis zwischen kultureller Konvention und biologischem Geschlecht ist in der „Recherche“ vollständig durchdekliniert. Ein klandestines Thema, das Proust aber offen behandelt. Das ist der Witz. Und der Erzähler, der angeblich gar nichts mit alledem zu tun hat, sieht alles und weiß alles.

Welche Rolle spielt die Figur der Albertine dabei?

Albertine ist die große Liebe des Ich-Erzählers. Und wie wir wissen, war Proust selbst ein homosexueller Mann. Aber ich habe mich immer gegen die Lesart gewehrt, dass Albertine „eigentlich“ ein Junge sei. Stattdessen habe ich mich gefragt: Weshalb soll Proust Jungen als Mädchen verkleiden und camouflieren, wenn er auf der anderen Seite mit der männlichen Homosexualität – denken Sie an Charlus – komplett offen umgeht? So bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass die weibliche Homosexualität im Roman, und hier ist Albertine exemplarisch, eben eine andere Rolle spielt als die männliche.

Inwiefern?

Albertine und ihre Freundinnen sind Figuren der Gegenwart, sie verkörpern die Moderne. Sie sind frei und frech und machen, was sie wollen. Man kann sie nicht kontrollieren, sie sind ständig in Bewegung. Heute fährt jede Frau Fahrrad. Aber als Albertine am Strand von Balbec ein Fahrrad mit sich führt – das ist der Moment, in dem der Erzähler sich in sie verliebt –, ist das fast noch eine Pioniertat. Um die Jahrhundertwende wurde heiß diskutiert, ob es schicklich sei, dass Frauen Rad fahren, auch welche Kleidung sie dabei anziehen sollten, erregte die Gemüter. Die Eroberung des Fahrrads, die Bewegungsfreiheit, die das mit sich brachte, war für Frauen ein enormer Emanzipationsschritt. Albertine fährt Fahrrad, und sie liebt Mädchen, zumindest glaubt der Erzähler fest daran. Sie liebt aber auch Automobile, den Geschwindigkeitsrausch – der damals neu war. Ähnlich war übrigens Baudelaire von mythischen, lesbischen Frauenfiguren fasziniert, so dass man sagen kann, eine kulturell geprägte männliche Begehrenskonstellation wird hier mit aktuellen, zeitgenössischen Indizien aufgefüttert.

Zur Person

Ina Hartwig, 1963 in Hamburg geboren, ist seit 2016 für die SPD Dezernentin für Kultur und Wissenschaft in Frankfurt. Hartwig studierte Romanistik und Germanistik in Avignon und Berlin. Ihre Dissertation zur „Sexuellen Poetik“ ist eine vergleichende Arbeit über Marcel Proust, Robert Musil, Jean Genet und Elfriede Jelinek. Hartwig war einige Jahre lang Mitherausgeberin der Zeitschrift „Kursbuch“. Von 1997 bis 2009 war sie Literaturredakteurin der Frankfurter Rundschau.

Ihr Buch „Das Geheimfach ist offen“ erschien 2012 bei S. Fischer und enthält Essays zu literarischen Themen.

Was ist Prousts Plan bei diesem Romanprojekt? Verfolgt er überhaupt einen Plan?

Sein Plan war, dieses Buch zu schreiben. Er ist mit 51 Jahren gestorben und hat insgesamt ein ereignisarmes Leben geführt, weil er eben immer geschrieben hat. Und in dieses Buch hat er alles hineingepackt, was er erlebt, gedacht, gefühlt, gesehen, gehört und gelesen hat. Dazu gehört die alte, untergehende Welt der katholischen, nationalistischen Aristokratie, aber es gibt eben die starke Gegenwelt der Moderne, der Technik, der Wissenschaft und des Bürgertums. Diese Gegenwelt sehe ich etwa verkörpert in den Mobilitätsfragen, aber auch in den Medien. Wenn wir heute sehen, dass die Digitalisierung unser Leben verändert, vielleicht sogar auf unsere Gefühle Einfluss nimmt, dann ist das nichts Neues. Nur das Medium selbst ist neu. Die Medien, die Proust behandelt, waren alle Medien seiner Zeit. Die Zeitung, zu der er ein hochlibidinöses Verhältnis hat, das Telegrammwesen, das Telefon. Die Prousts waren eine der ersten Familien in Paris, die in ihrer Wohnung am Boulevard Haussmann ein privates Telefon hatten. Auch in der Beziehung zwischen Albertine und dem Erzähler spielt das Telefon eine wichtige Rolle.

In einer sehr mittelbaren Beziehung.

Immerzu erwartet der Erzähler ein Zeichen von ihr, einen Brief, ein Telegramm oder einen Telefonanruf. Und wenn sie endlich anruft, sind durch das Telefon im Hintergrund Geräusche zu hören, die wiederum seine Eifersucht befeuern. Was ist das für eine Liebeskonstellation: Ein Ich-Erzähler, der seine eigene sexuelle Identität im Unklaren lässt, verliebt sich in eine junge Frau, von der er überzeugt ist, dass sie junge Frauen liebt. Sodass er immer in einer Zuschauer- und Detektivperspektive verharrt. In der leidenden Perspektive. In der perfekten Neurose. Es gibt keine erfüllte Liebesbeziehung in der „Recherche“. Es gibt nur erfüllte Beziehungen zur Mutter und zur Großmutter, aber nicht zu den Liebesobjekten. Damit sind die traurigen Unverbindlichkeiten der Chatrooms unserer Tage bereits präfiguriert. Proust war davon überzeugt, dass man in der Liebe einsam bleibt.

Sie haben mehrfach das Wort „sezieren“ verwendet. Proust war der Sohn eines Mediziners, welche Rolle spielt das im Roman?

Sein Vater, ein Aufsteiger aus der Provinz, war ein einflussreicher, hochangesehener Mediziner, von seiner Stellung her vergleichbar dem Chef des Robert-Koch-Instituts. Sein Forschungsgebiet war die Seuchenprävention, die Cholera- und Hygieneforschung, am bahnbrechenden Konzept des „Cordon sanitaire“ war er beteiligt. Lothar Müller hat die Gunst der Stunde erkannt und Adrien Proust gerade ein ganzes Buch gewidmet. In der „Recherche“ kommt der Vater nur am Rande vor. Er taucht gelegentlich auf, um etwas zu verbieten, etwa, dass die Mutter dem Sohn einen Gutenachtkuss gibt. Marcel Proust kannte viele Mediziner und hat sich medizinisches Wissen angeeignet. Und pflegte dennoch ein sehr skeptisches Verhältnis zur Medizin.

„Glück einer behüteten Kindheit“: Marcel Prousts Zimmer in Illiers-Combray bei „Tante Léonie“.

Im Roman oder im Leben?

In der „Recherche“ werden die Ärzte regelrecht lächerlich gemacht. Nehmen wir allein die Figur des Doktor Cottard, ein berühmter Mediziner mit eingeschränkter Rhetorik. Die Pariser High Society ist in der Normandie in den Ferien; einer leidet unter einem entzündeten Auge. Aber nicht Cottard, die Berühmtheit aus Paris, sondern der Dorfmediziner entfernt schließlich das Staubkorn aus dem Auge des Leidenden, und alles ist wieder in Ordnung. So geht Proust mit dem Thema um: null Respekt vor Titeln, Akademien etc.. Zugleich war Proust selbst zeitlebens schwer krank, schon als Kind hatte er Asthma und starb schließlich an einem aufgebrochenen Lungenabszess. Er litt unter panischer Angst vor Spritzen und hat sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr behandeln lassen. Nein, er hatte kein Vertrauen in die Mediziner.

Wie geht er mit der Psychologie um?

Proust hat sich mit Sigmund Freuds Werk nicht intensiv beschäftigt. Er ist gewiss kein freudscher Schriftsteller. Aber die Entdeckung des Unbewussten ist im Roman trotzdem extrem spürbar. Die „unmittelbare Erinnerung“, die „mémoire involontaire“, ist ein Leitmotiv des Romans, die in Tee getunkte Madeleine kennen ja sogar Leute, die nie Proust gelesen haben. Manche scherzen, sie sei der berühmteste Keks der Literaturgeschichte. Das „tiefe Ich“, „moi profund“, verbindet sich bei Proust jedenfalls mit dem Kindheitsglück, mit dem Glück einer behüteten Kindheit, die dann für immer verloren ist.

Es hat zur Folge, dass Proust mit sehnsüchtiger Rückschau in Verbindung gebracht wird.

Auch das ein Missverständnis! Proust ist kein Nostalgiker, die „unmittelbare Erinnerung“ hat rein gar nichts mit Nostalgie zu tun. Eine Nähe zu Freud ist auch das „moi profund“, das man in der unmittelbaren Erinnerung für einen kurzen ekstatischen Moment zurückholen kann. Das Unbewusste, nicht die souveräne Identität, ist unsere Wahrheit. Es gehört zu Freuds Erkenntnis, dass wir nicht Herr im eigenen Haus sind. Das Unbewusste ist die Wahrheit des Menschen: Das wusste Freud, das wusste Proust, das wusste Rimbaud, dessen „Ich ist ein Anderer“ so etwas wie der Schlachtruf der literarischen Moderne war. Diese Moderne wird gerade zu Grabe getragen durch eine Politik, die Identität zu beherrschen vorgibt und auf äußere Merkmale – wie Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft – festlegen will, um bestimmte, teilweise berechtigte Forderungen durchzusetzen.

Lesen wir Proust zu verklemmt? Ist er moderner als wir heute?

Jedenfalls blickt er ohne Scheu – und ohne sie zu bewerten – in die Abgründe des Menschen. Er hat sich immer sehr für Grausamkeit interessiert. An der Figur des Charlus ist das gut festzumachen, denn Charlus ist grausam und sadomasochistisch unterwegs. Auch die einflussreiche Köchin der Familie, Françoise, die in ihrer Küche herrscht wie einst Ludwig XIV. an seinem Hof, ist grausam. Sie quält ein schwangeres Küchenmädchen mit unverhohlener Lust. Die Franzosen sind da anders gestrickt sind als die romantischen Deutschen. Sie haben die Revolution in den Genen, und Grausamkeit – Stichwort de Sade – begreifen sie als revolutionäre Energie und nicht als etwas, das uns moralisch gefährde. Das ist interessant und gefährlich zugleich. Die größte Grausamkeit allerdings, schreibt Proust, ist die Gleichgültigkeit. Ich finde, auch diese Erkenntnis passt gut in unsere Gegenwart.

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