feu_hirsch1_141020
+
Scheinhirsch?

Lyrik

72 Kölner Miefe

  • vonMartin Oehlen
    schließen

Marcel Beyer schickt in seinem abgründigen und gewitzten Gedichtband den „Dämonenräumdienst“ auf den Weg.

Solange man von Dämonen heimgesucht wird, ist ihre Anwesenheit kein Vergnügen. Aber sobald sie aus der Distanz betrachtet werden können, sieht die Sache anders aus. Diese Erfahrung bestätigt Marcel Beyer in seinem Gedichtband „Dämonenräumdienst“ nachdrücklich. Denn was hier erspäht und aufgespießt wird, ist abgründig, gewitzt und unterhaltsam. Um bei den Dämonen zu bleiben: unheimlich gut.

Beyer unternimmt in diesen Gedichten einen Ritt durch Zeiten und Räume. Seine Ausflüge in die meist jüngere Kulturgeschichte führen zu Elvis, Moshammer und Pferdekrimis: „Ich lernte, noch in der friedlichsten / Idylle lebt ein Homöopath – ein / Homöopath, dem alles zuzutrauen ist.“ Manchmal scheint es, als triebe die populistische Gegenwart durch die Verse, wenn es um den „Bürgerkrieg in diesem Gesicht“ geht. Dann wiederum meint man, dass mancher Vers für einen Refrain in einem Edel-Popsong taugte: „Schlaf ein, bleib wach, ruh aus.“ Der Sound kommt an.

Vor allem aber geht es in diesem Band um die Dämonen beim Schreiben: „Ich zerstöre / noch ein Gedicht und mache / für heute Feierabend. Bis dann.“ Das rührt wohl daher, dass man jedes Wort auf die Goldwaage legt: „ich schreibe, ich schleife, ich / streife die Sprache“. Ja, die Sprache ist es, die alles zusammenhält. Mit ihrer „Tintenstimme“ gibt sie den Ton an. Da ist es womöglich ein Glück, wenn man sich eine Hütte „aus verramschten Rechtschreibduden“ gezimmert hat.

Immerzu ist der Autor beziehungsweise das lyrische Ich auf der Jagd nach starken Vokabeln, nach Grützensauerstoff und Möhrenmampf, Baggerblut und Herzkammerbowle, Gummiwasser und Waschbärenpolka. Er/es wirft die Wörter in die Luft und schaut, so scheint es, welche am hellsten funkeln: Steinhirsche und Scheinhirsche, Glutnischen und Wutnischen. Bei alledem wechselt Beyer Tempi und Tonlagen, geht die dämonische Sache mal melancholisch und mal satirisch an.

Das Buch:

Marcel Beyer: Dämonenräumdienst. Gedichte. Suhrkamp, Berlin 2020. 174 S., 23 Euro.

In die spitzzüngige Abteilung gehört vieles. Auch das Gedicht „Coleridge, in Köhln“ (ja, mit einem h im Ortsnamen). Der englische Romantiker (der in dem Band – wie auch Hölderlin – mehr als einmal auftaucht) war mit feiner Nase unterwegs. Er soll bei einem Besuch in der rheinischen Stadt, „wo man, seitdem die Römer weg sind, nicht mehr lüftet“, 72 Miefe registriert haben, „jeder ausgeprägt, jeder ein unvergleichlicher Gestank“. Doch noch bemerkenswerter scheint eine weitere lokale Besonderheit zu sein: „Man atmet Sprache, / hier in Köln, wo einer austrinkt, / was der andere gesprochen hat, wo // einer aufschlürft, was der andere / verspricht, wo man beim / Reden also immer an der Sprache / nippt“.

Boris Becker spielt mit

Allemal sind es zupackende Monologe von unbenannten, nicht identifizierbaren Sprechern. Sie kommen stets mit 40 Zeilen aus, jeweils dargereicht in zehn handlichen Strophen. Mit einer leichten Variante: „Die Bunkerkönigin“, gemünzt auf Fotografien von Boris Becker, wartet auf mit sechs Mal 40 Zeilen (und ist, wie wenige weitere Gedichte des Bandes, bereits einmal in kleiner Auflage veröffentlicht worden).

Wurde der Lyriker Beyer von einem Dämon in dieses Strophen-Korsett gezwängt? Soll das fixe Längenmaß für Ordnung sorgen in der Wildnis der Befindlichkeiten? Was man sich so alles zusammenreimt! Die Sache mit den 40 Versen habe er „einfach einmal ausprobieren“ wollen, sagte Beyer jüngst bei einer Lesung, „denn ich hatte das noch nie gemacht“. Dann habe sich der vorgegebene Rahmen als äußerst produktiv erwiesen: „Es war für mich eine sehr intensive Gedichtphase, wie ich sie zuletzt in der Schulzeit erlebt habe.“

Weil seine Gedichte keine „Botschaft“ haben, sagte Beyer auch noch, habe er sich erlaubt, eines davon „Die Message“ zu nennen. In diesem Krisenfall hat sich das lyrische Ich „die linke Schulter totgetippt“, hat nur noch „Zittergras im Kopf und Moos im Blick“, ist also „des Schreibens nicht mehr mächtig“. Wie gut ist es da, dass es den Autor Marcel Beyer gibt, der diesem Ich und all seinen Leidensgenossen Stift und Stimme leiht. Der Lyriker als Ghostbuster vom Dämonenräumdienst.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare