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Marc Hamer „Vom Blühen und Vergehen“: Der Schwebfliege ins Auge sehen

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Von: Sylvia Staude

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Ein typisch englischer Staudengarten.
Ein typisch englischer Staudengarten. © imago/Margit Wild

Marc Hamer erzählt von einem „Gärtnerleben“ und davon, dass weniger tatsächlich mehr ist.

Erzählt dieses Buch von einem „Gärtnerleben“? Ja, einem langen sogar. Und andererseits nein, denn Pflanzanleitungen, Blumensortenbeschreibungen, Standortfragen, Pflegetipps sind darin keine zu finden. Es erzählt aber so bescheiden wie groß von einem anderen Leben als den in ihrer Besinnungslosigkeit und ihrem Selbstoptimierungsfuror handelsüblich gewordenen. Von einem Leben, das den meisten von uns sehr fremd und sehr fern ist, auch wenn wir uns, vielleicht, nach einer solchen oder ähnlichen Lebensweise sehnen. Von einem im wahrsten Sinn des Worts bodenständigen Leben.

Denn das Gärtnerleben muss sich im Rhythmus des „Blühens und Vergehens“, in der Natur und mit der Natur bewegen – und wenn sich Jahreszeit und Wetter gerade nicht zum Rasenmähen, Tulpenzwiebelnsetzen, Rosenbeschneiden eignen, dann muss man das Rasenmähen, Tulpenzwiebelnsetzen, Rosenbeschneiden auf einen anderen Tag verschieben. Auf einen weiteren „gewöhnlichen Tag“, der „köstlich“ ist in seiner Einfachheit. Köstlich für einen, der sich damit zufriedenzugeben vermag.

Der dieses simple Leben 36 Jahre lang geschätzt hat (und wohl trotz ächzender Knochen noch weitergeführt hätte, wäre nicht Miss Cashmere gestorben, aber dazu später mehr), heißt Marc Hamer, ist Brite und würde hierzulande vielleicht als typisch britischer Exzentriker betrachtet werden. Als junger Mann lebte Hamer einige Jahre als Obdachloser. Dann hat er zwar nicht diese radikal besitzlose, aber eine ähnliche Genügsamkeit in einer Tätigkeit als Gärtner gefunden. Hamer schreibt nicht, wie groß das Anwesen von Miss Cashmere war, nicht, was er alles zu tun hatte, er hat seiner Arbeitgeberin ein Pseudonym gegeben. Es würde ihm gar nicht einfallen, sich mit etwas zu brüsten, und sei es, wie viel Quadratmeter Rasen oder Wiese er mähen musste. Zahlen, Leistungsnachweise sind ihm gleichgültig.

Die Leserin vermutet, dass er seine Sache gut gemacht hat. Weil er es gern gemacht hat. Weil er von den Seidelbastblüten erzählt, „rosa im letzten Tageslicht“. Von Marienkäfern und Baumwanzen. Von dem gewundenen Weg, den er für die alte, nur noch mühsam gehende Miss Cashmere so anlegt, dass er angenehm fürs Auge und für die Beine ist.

Er erzhlt von Dahlien, „grell und quietschfidel“. Von einer Schwebfliege, die vor seinem Gesicht schwebt, ihn anguckt – und er guckt zurück, eine ganze Weile. Von Mauerseglern, den staunenswertesten unter den Vögeln. Zu Hause von seiner Frau, ebenfalls einer Autorin, und ihrer gegenseitigen Zuneigung, von der „Rote-Beete-Suppe mit saurer Sahne“ und vom Whisky und seinem Duft, denn: „Ich mag starken Alkohol.“

Das Buch:

Maarc Hamer: Vom Blühen und Vergehen. Ein Gärtnerleben. A. d. Engl. v. Brigitte Heinrich. Insel 2022. 416 S., 24 Euro.

„Ich lebe das Leben eines glücklichen Idioten.“ An dieser Stelle, Seite 191 bereits, möchte man Marc Hamer zum ersten Mal widersprechen. Kann einer ein Idiot sein, der die für ihn offenbar so richtigen Entscheidungen trifft, Prioritäten einer gerade sehr aktuellen Sparsamkeit schon lange setzt? Dem Status gleichgültig ist, Besitz sowieso, der erkannt hat: „Jeder Gedanke, den wir an Dinge heften, stammt von uns.“

Es soll hier nicht romantisiert werden, Marc Hamers Leben als zufriedener Gärtner. Aber in diesen Tagen einer brennenden, brechenden Welt ist es ein kleiner Trost, von einer anderen Option zu lesen. Dabei sind es winzige, nun wirklich nicht weltbewegende Entscheidungen, die er im Rahmen seiner Möglichkeiten treffen kann und trifft: die Wiese hier oder da länger stehen zu lassen, der Insekten und der Samenverbreitung wegen, eine Hummel zu retten – oder die Blumen zu pflanzen, die Miss Cashmere mag, und sie dort zu pflanzen, wo sie sie beim Blick aus dem Fenster gleich sieht.

Sie ist, als dieses Buch entsteht, schon eine sehr alte Miss (hat sie tatsächlich mal für den Geheimdienst gearbeitet, war viel unterwegs?), von Hamer, auch dem Autor, wird sie mit Respekt, Diskretion, altmodischer Höflichkeit behandelt. Selten wechselt man mehr als ein paar Worte, oft nickt man sich nur zu oder hebt die Hand.

Dann, eines Tages, scheint sie sich nach ein wenig Abenteuer zu sehnen. Er schlägt ihr vor – und erschrickt sogleich über seine Kühnheit –, doch einmal barfuß über die Wiese zu laufen. Und sie macht es tatsächlich, eine Geste, die er als unglaublich großzügig empfindet. „Ich hebe ihre warmen Schuhe auf, abgetragen, mit gebrochenen, schmutzigen Innensohlen, denke an ihre Tapferkeit und empfinde Demut. Ich trage sie zum Haus und lasse sie auf der Mauer stehen, damit sie sich nicht bücken muss.“

Einem Jahreslauf von Januar bis Dezember folgen Hamers Schilderungen. Doch dabei schlendert er, mäandert, bewegt sich vor und zurück in der Zeit, erzählt ein wenig auch von ihm als junger Mann, reflektiert Bücher und Wörter, dann die Unsterblichkeit der Krähen – jedenfalls hat er bereits viele tote Tiere, aber noch nie eine tote Krähe gesehen – oder das lächerliche Gerangel darum, ein echter MANN zu sein: „Ich wurde öfter Homo oder Schwuler genannt, weil ich Vegetarier war, nicht Fußball spielte und Bücher las.“

Im 36. Jahr seiner Gärtnerschaft, er arbeitet gerade im Garten, was sonst, kommt ein Mann auf ihn zu, den er noch nie gesehen hat, und informiert ihn über den Tod Miss Cashmeres. Er solle vorerst weitermachen, er werde bezahlt. Eine Weile tut er es noch. Dann hinterlässt er einen Zettel, wickelt ihn um den Gartentorschlüssel, schmeißt beides in den Briefkasten: „Es tut mir leid, ich bin mit dem Herzen nicht mehr bei der Sache.“

Das Herz, es schlägt aber glücklicherweise noch in seinem und für sein Schreiben.

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