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Marc Degens „Selfie ohne Selbst“: Einmal Vorbild und zurück

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Von: Harry Nutt

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Michael Rutschky und Cockerspaniel Kupfer, Ende der 90er Jahre.
Michael Rutschky und Cockerspaniel Kupfer, Ende der 90er Jahre. © picture-alliance / dpa

Drei Jahrzehnte lang inspirierte Michael Rutschky eine Schule der intellektuellen Selbstbildung. In seinem Buch „Selfie ohne Selbst“ wagt Marc Degens den Rückblick auf eine seltsame Beziehung.

Vor vier Jahren, im März 2018, ist der Berliner Schriftsteller Michael Rutschky gestorben, ein paar Monate später hat sich Kurz Scheel, langjähriger Herausgeber der Zeitschrift „Merkur“ sowie Freund und intellektueller Weggefährte Rutschkys, das Leben genommen. Für viele, die beide kannten, war es das Ende einer geistigen Welt.

Ach, das klingt zu nachrufhaft pathetisch, es war natürlich viel großartiger – und banaler. Als Redakteure und Mentoren hatten Rutschky und Scheel Einfluss auf einige Dutzend junger Autoren und Autorinnen – mehr Männer als Frauen – schon allein dadurch, dass sie sie in ihren Blättern schreiben ließen, „dem“ „Alltag“ und „dem“ „Merkur“. Untereinander waren die Beteiligten lose verbunden. Einige waren befreundet, andere registrierten sich wechselseitig als zugehörig. Für den Rutschky-Scheel-Kosmos gab es keine Aufnahmeformulare, aber man wusste voneinander.

Schwer beunruhigt wurde diese Gemeinschaft, für deren ihr oft nachgesagte Sektenhaftigkeit es keine belastbaren Beweise gibt, durch den ein Jahr nach Rutschkys Tod erschienen Tagebuchband „Gegen Ende“. Aufgrund seiner Krebserkrankung konnte Rutschky die Auswahl der Einträge selbst nicht mehr abschließen, das übernahmen der Verleger Heinrich von Berenberg und Kurt Scheel.

Es ist ein unfrohes Buch, nicht allein wegen der implizierten Todesnähe. In den verzeichneten Einträgen, die die Jahre zwischen 1996 und 2009 abbilden, ist Rutschkys Tod noch ein ganzes Jahrzehnt entfernt. Rutschky scheint einem beim Lesen geradezu schonungslos die Zustände seiner Depression aufzudrängen und er gibt Einblick in die Szenen einer zerrütteten Ehe. Dabei galten die beiden doch als schriftstellerndes Vorzeigepaar, 2009 war Katharina Rutschky an Krebs gestorben.

Teile der Kritik waren nach Erscheinen von „Gegen Ende“ entsetzt. „Warum veröffentlicht einer so etwas?“, wurde gefragt und psychologisierend sensationslüstern gemutmaßt, ob nicht die Düsternis und Unversöhnlichkeit der Tagebücher der Auslöser für den Suizid Scheels gewesen seien. Tatsächlich hatte Scheel im Vorwort ein „Unwohlwollen“ gegenüber Freunden sowie Anrainer-Personal bemerkt und sich über eine ihn sehr verletzende Passage beklagt. Die aber befand sich bereits im ersten Teil der Tagebücher, der die Zeit zwischen 1981 und 1984 umfasst und 2015 erschienen war.

Scheel hatte Rutschky zur Rede gestellt, und der hatte auf die unerbittliche Unmittelbarkeit des Tagebuchs verwiesen. Musste leider sein, war also die lapidare Antwort. Sie hat Scheel nicht davon abgehalten, nach Rutschkys Tod die Redaktion des dritten Bandes zu übernehmen.

Der Schriftsteller und Verleger Marc Degens, der sich selbst der Rutschky-Schule zurechnet, vermutet, dass nicht zuletzt Scheel es war, der dem Band durch seine Auswahl eine bittere Grundstimmung verliehen habe. Degens jedenfalls hat die Begegnungen mit Rutschky viel heiterer wahrgenommen, als die zornig-depressiven Tagebucheinträge vermuten lassen. Aber so war es ja vielen ergangen. Gerade auch hinsichtlich der nicht mehr im veröffentlichten Tagebuch behandelten Jahre. Eine Reflektion über Verklärung und Wahrheit des biografischen Schreibens also?

Das Buch:

Marc Degens: Selfie ohne Selbst. Berenberg Verlag, Berlin 2022. 85 Seiten, 18 Euro.

Marc Degens’ „Selfie ohne selbst“ ist mehr als das. In seinen besten Momenten ist es ein aus tiefer Verunsicherung hervorgegangener Essay über verletzte Eitelkeit, das eigene Schreiben und den Kulturbetrieb, der sich zunehmend über Facebook und Twitter über sich selbst verständigt. Degens’ Text wird zu einem Protokoll der Verstörung, nachdem er in Rutschkys Tagebuch jene ihn selbst betreffenden Stellen gelesen hat, ängstlich zunächst, dann zornig.

Trotz einer sich über viele Jahre ziehenden Freundschaft, in der es beim förmlichen Sie bleibt, findet Degens sich in den Aufzeichnungen plötzlich als Karikatur seiner selbst wieder. „Ich drucke die Degens-Stellen aus, lege mich aufs Sofa und fange an zu lesen. Es ist alles andere als schmeichelhaft. Im Gegenteil. Ich würde mich als so eine Art leicht dümmlichen Dampfplauderer charakterisieren. Ein genetisch degenerierter Spross einer Alkoholikersippe. Doof, hübsch anzusehen, aber zu dick.“ Nachdem sich das Entsetzen gelegt und in eine latente Enttäuschung verwandelt hat, bricht er ab. Die Abwehr soll bitte nicht so weit gehen, das Vorbild zu zerstören, das er manchmal sogar als familiär besorgt erlebt hatte.

Ich lese Degens’ literarische Selbsterkundung mit Herzklopfen, nicht aus Mitgefühl, sondern eher aus der Perspektive einer verdoppelten Selbstbefragung. Ähnlich wie Marc Degens habe ich einmal dazugehört. Für Rutschky-Schüler und alle, die ihm innerhalb des Literaturbetriebs häufig begegneten, dürften Degens’ Beschreibungen als Spiegel dienen, in dem sie sich selbst sehen, obwohl ein anderer hineinblickt.

Es geht dabei auch um eine nachholende Emanzipationsgeschichte. Marc Degens ärgert sich über die vielen Ungenauigkeiten, die Rutschky verzeichnet. Hat er nicht genau zugehört? Seinen Schriftstellerkollegen David Wagner lässt Degens die Vermutung äußern, dass Rutschky vielleicht einfach ein wenig faul gewesen sei. Trotz des beachtlichen Werkes ist vieles ja tatsächlich „mitgeschrieben“, so der Titel des ersten Bandes der Tagebücher. Michael Rutschky hatte die Marotte, abends auf der Sessellehne beim Fernsehen zu schreiben. In den Zeitungs- und Rundfunkredaktionen, für die er arbeitete, lieferte er indes fehlerlose Manuskripte ab, die eines weiteren Redigats nicht bedurft hätten. Sprachlich präzise, gerade auch in seinen Auslassungen. In Nebensätzen war oft die Spur zu einer treffenden soziologischen Erklärung ausgelegt, obwohl eitler Welterklärungsgestus im Rutschky-Kosmos verpönt waren. Das in den Tagebüchern aufscheinende Bild einer demonstrativ offenbarten Verwahrlosung traf für den öffentlichen Intellektuellen Rutschky bis zuletzt nicht zu.

Als Degens ihn ein letztes Mal persönlich trifft, ist Rutschky bereits von Krankheit gezeichnet und spricht von einer Lebenserwartung von vier Jahren, die ihm die Ärzte prognostizieren. Zeit genug also? Fast wortgleich habe ich es von Rutschky gehört, als ich ihn im Herbst 2017 für ein Interview zum gerade stattfindenden Bundestagswahlkampf traf. Kurz zuvor war der zweite Teil der Tagebücher erschienen: „In die Neue Zeit“.

Marc Degens beklagt Rutschkys Ungenauigkeiten, aber natürlich unterlaufen ihm selbst welche. Zum Beispiel die, dass Rutschky die Zeitschrift „Der Alltag“ zwischen 1994 und 1997 herausgegeben habe. Tatsächlich hatte Rutschky die Redaktion in Alleinregie bereits 1985 übernommen. Rutschkys Essay „Wie erst jetzt die DDR entsteht“ handelt nicht, wie Degens schreibt, vom Bild des Landes im Bewusstsein Westdeutschlands. Vielmehr ging es in Rutschkys aufschlussreichen Essay um die DDR als Erzähl- und Erinnerungsgemeinschaft, die nach ihrem Ende gerade auch für diejenigen entstand, die ihr angehörten. Ein Gedanke, der gerade die aktuellen Debatten über Unterlegenheitsgefühle und ein neu entstehendes Ostbewusstsein mit einer ganz anderen Energie versehen könnte. Das Inspirierende des vielseitig gebildeten und sich permanent bildenden Intellektuellen Rutschky geht im Staub der psychologischen Tiefbohrung ein wenig verloren.

Die Strahlkraft des Mentors scheint ohnehin erloschen. Außerhalb Berlins, zitiert Degens einen Freund, sei Rutschky noch weit unbekannter. Inzwischen scheren sich selbst die Rutschky-Schüler kaum mehr darum, warum er ihnen mit dem Tagebuch so schwermütige Rätsel aufgeben hat. Facebook-Dispute ploppen auf und verschwinden. Wie Marc Degens habe ich mich oft gefragt, warum ich nach Rutschkys optimistischer Ankündigung, noch ein paar Jahre zu haben, wortlos dagesessen habe. Aber nichts wäre wohl absurder gewesen, ihn besorgt nach seinem Befinden zu fragen.

Aus der Verstörung oder gar Demütigung hat Marc Degens schließlich Impulse für das eigene Schreiben gewonnen. „Selfie ohne Selbst“ mag als Schlüsseltext für jene missverstanden werden, die meinen, dabei gewesen zu sein. In Wahrheit aber fragt es nach der schriftstellerischen Wahrhaftigkeit gegenüber dem eigenen Leben.

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