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Doktor Humphrey Stumpfkorn (l.) und Mara-Daria Cojocaru. Foto: privat
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Doktor Humphrey Stumpfkorn (l.) und Mara-Daria Cojocaru.

Mensch und Tier

Mara-Daria Cojocaru: „Buch der Bestimmungen“ – Vertiert euch!

  • VonBjörn Hayer
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Mara-Daria Cojocaru träumt in ihren aktuellen Gedichten von einer neuen Ordnung für Mensch und Tier.

Als könnte man die Schöpfung einmal korrigieren. Nein, noch besser: sie gänzlich erneuern. Von diesem Traum künden viele Lyrikbände der vergangenen Jahre, die sich insbesondere an der Vormachtstellung des Menschen in der Natur abarbeiten. Während er in der Realität ein grausames Industriesystem zur Ausbeutung von Huhn, Schwein und Rind geschaffen hat, dürfen sich die Tiere in der Poesie ungeahnter Freiheiten erfreuen. Bei Markus Hallinger triumphiert ein Hase über den Jäger, Björn Kuhligk lässt Affen zu Migranten werden und Jan Wagner übt sich in Elogen auf Krähen. Derweil lassen Mikael Vogel und Silke Scheuermann den ausgestorbenen Dodo wieder leben.

Wer sich mit gleich mehreren Bänden in die Reihe mitunter auch tierethisch geprägter Autorinnen und Autoren fügt, ist die 1980 geborene Dichterin Mara-Daria Cojocaru, die mit dem „Buch der Bestimmungen“ nun erneut ein bewegendes Plädoyer für die Aufweichung der Grenze zwischen humanen und animalen Lebewesen verfasst hat. Um die Annäherungen formal zu ermöglichen, bedient sie sich gern des Vergleichs. So ergibt sich bisweilen eine ungeahnte Übereinstimmung zwischen Füchsen und frisch Verliebten. Jeder von ihnen ist gewissermaßen ein Grenzbewohner. Die einen wandeln zwischen Wildnis und Zivilisation, die anderen zwischen dem eigenen und fremden Körper.

Die gemeinsamen Atemzüge

Das Buch

Mara-Daria Cojocaru: Buch der Bestimmungen. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2021. 112 Seiten, 20 Euro.

Doch was bedeuten schon Analogien, wenn ein direktes Einfühlen gelingen kann? Berührend muten die Poeme an, in denen etwa Menschenaffen ihre Gefangenschaft reflektieren und bisweilen gar Empathie für das Schicksal einer Fliege aufbringen. Sie vermögen offenbar genauso viel Mitleid zu empfinden, wie das lyrische Ich, das in dem Text „Sterbehilfe“ von seinem Hund Abschied nimmt: Es zählt noch einmal die gemeinsamen Atemzüge, würdigt (in der direkten Ansprache des Vierbeiners) „jede Regung deines / Geschenkten Wesens, das uns so erfüllt“.

Um letzthin die künstliche Unterscheidung der Spezies und damit auch die kaum noch begründbare Abwertung tierischer Existenzen infrage zu stellen, nutzt Cojocaru selbstbewusst das Pathos. Nichts Falsches oder Trügerisches haftet ihm an. Stattdessen steht es für echte Inbrunst und stellt nur ein rhetorisches Mitteln unter vielen in diesen Gedichten dar. Neben der inhaltlich passenden Vermischung verschiedener Sprachen fällt die häufige Verwendung von neuen Wortkreationen auf. Formulierungen mit kleinen Verfremdungen wie „Die Frage vereist auf ein Problem“ oder „Wir müssten uns nochmals vertieren, inmitten von / Metamorphose“ wenden unseren Blick weg von der Klage über die misslichen Zustände in der Wirklichkeit.

Denn was die Mara-Daria Cojocaru im Sinn hat, ist der Entwurf einer besseren Ordnung für die Zukunft. Utopien beginnen in Buchstaben und Sätzen. Sie suchen nach unbekannten Namen, die den Boden für alternative Welten bereiten.

Die Grundlage „vom ganz neuen Dasein“, fußend auf der „Vielfalt der tierlichen / Sprachen“ und der Idee einer moralischen Gleichstellung von Mensch und Tier, kann bei Cojocaru so simpel wie anspruchsvoll nur die Liebe sein – gewiss zu unseren felligen Gefährten, aber eben auch zum menschlichen Gegenüber. Wohl auch deswegen versammelt der Band zahlreiche zumeist melancholische Miniaturen über vergangene amouröse Beziehungen. Entweder ist das Du längst in weite Ferne gerückt oder gemeinsam mit dem Ich im Sturzbach des Lebens begriffen. Mal fällt der Regen und treibt alles fort, mal bleiben nur noch Fragmente eines einstigen Glücks: „Denk ich an dich, dass du nicht. Es gibt keinen Tag“.

Sprache kann vielleicht nichts heilen, aber sie vermag Verbindungen aufrechtzuerhalten oder überhaupt erst zu knüpfen. Die beiden Verse „Verschlungen schaukeln in Erinnerungen / Knoten aus Empire, Emotion und Möwen“ stehen daher für das ästhetische Programm des gesamten Bandes. Seine Gedichte verstricken Loses und Ungleiches und überbrücken damit jedwede Distanz. Am Ende bleibt ein wunderlicher Knäuel, der, rund und bunt, an einen bislang noch nicht entdeckten Planeten erinnert.

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