Der Mann auf dem Sofa

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Thomas Weiss' Debütroman handelt vom traurigen Herrn Schmitz

Schmitz hat verloren. Zunächst seine Frau, dann sich selbst. Seitdem sucht er sich und seine Lebensordnung. Seitdem gibt es ihn auch doppelt - mindestens. Es gibt den Schmitz, der versucht, die Strukturen seines Daseins mühsam wiederherzustellen, Genauigkeit zu üben im Alltag, nicht zu verwahrlosen - vergeblich. Und dann ist da noch der Sofaschmitz, der ihn beobachtet und kommentierend begleitet, Besucher empfängt, sie zu Tee und Keksen einlädt, mit ihnen plaudert. Währenddessen sitzt Schmitz mit herunter gelassener Unterhose am Küchentisch und trinkt Schnaps. Schmitz steht (oder sitzt) neben sich.

Wahrscheinlich begegnen wir einem solchen Schmitz gar nicht allzu selten. Ein unauffälliger Mann, schon im gesetzten Alter, im Grunde genommen eine vollkommen unauffällige Erscheinung. Wenn wir genauer hinschauen, merken wir aber, dass irgendetwas nicht stimmt, dass dieser Schmitz, der jeder sein könnte, ein ganz klein wenig neben der Spur läuft. Das heißt wir würden es bemerken, wenn Schmitz uns genug interessierte, und selbst wenn wir es dann bemerken würden, würde es uns nicht genug interessieren, was genau da nicht stimmt.

Es ist ein sympathischer Zug des 1964 geborenen Thomas Weiss, sich einen derart unspektakulären Mann als Protagonisten seines Debüts auszusuchen. Man stellt ihn sich vor als einen am Bodensee lebenden freundlichen älteren Herrn mit Glatzenansatz, glücklich verheiratet noch nach dreißig Jahren Ehe, eine Tochter, ein Enkelkind, überschaubare Verhältnisse. Doch Schmitz' Frau ist bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.

Der Roman setzt am ersten Jahrestag der Katastrophe ein und entwickelt sich nicht nur zu einer selbstquälerischen Erinnerungsarbeit, sondern vor allem - und das sind die überzeugendsten Passagen - zu einer radikalen Selbstanalyse. Wir folgen Schmitz dabei auf den verwinkelten Pfaden seiner Trauer - es sind die Details, die geschickt so montiert sind, dass sie auf eine zunehmende Verwahrlosung hindeuten, darauf, dass aus diesem Mann ein verschrobener Sonderling geworden ist: Das Schlürfen der Suppe, das verloren gegangene Schräubchen am Brillenbügel, das nicht mehr ersetzt wird, der kleine Fleck auf dem Hemd, die ungeputzten Schuhe.

"Ich muss mich zusammenreißen, sagt Schmitz." Er sagt so etwas oft. Er spricht zu sich in einem offiziösen Beamtenjargon, der Präzision und Ordnung aufrechterhalten soll. Das aber sind nur Worte, seine Taten und seine Gedanken, mit denen der Leser konfrontiert wird, lassen anderes vermuten.

"Ist Schmitz verrückt?" - das ist die eigentliche Frage, die der Roman verhandelt. Oder: Was bedeutet das überhaupt? Ist ein Witwer, der nach einem Jahr die Kosmetika seiner Frau noch nicht beiseite geräumt hat, lebensunfähig? Ist das Sammeln von Zeitungsausschnitten über ein Flugzeugunglück schon pathologisch? Ist es normal, sich aus der Einsamkeit heraus zu wünschen, die eigene Tochter und nicht die Ehefrau möge in dem Flugzeug gesessen haben? Ist es ein Ausdruck von Wahnsinn, in der Küche mit Hilfe eines Spiegels seinen After erkennen zu wollen? Oder ist es vielmehr nicht traurig, diesem Schmitz bei seiner Altersgeilheit, die ihn urplötzlich und zu seiner eigenen Scham befällt, zuschauen zu müssen?

Im zweiten Teil des kurzen Romans macht Schmitz sich auf den Weg zur Unfallstelle in der Schweiz, und Thomas Weiss dreht die Schraube noch einmal enger, die Stimmen in Schmitz' Kopf werden lauter, er fällt auf. Leider gewinnt man dabei auch zunehmend den Eindruck, dass sich der Autor in diesem Orchester geistiger Verwirrtheit häuslich eingerichtet hat, dass er Spaß gefunden hat an den Entblößungen. Es ist ein wenig zuviel, was hier aufgetischt wird - die Halluzination einer Fellatio mit einer Reporterin (siehe: Altersgeilheit), und auch der Kurzauftritt von Schmitz' als Kriegsverbrecher hingerichtetem Nazi-Vater erscheinen so unnötig wie effekthascherisch.

Das passt so gar nicht in diesen Roman, mit dem Thomas Weiss das Protokoll eines fortschreitenden Kontrollverlusts geglückt ist, einer unaufhaltsamen Selbstauflösung in Trauer und Einsamkeit. "Die Zeit heilt alle Wunden, das ist gelogen." Stattdessen bekämpft ein Schmitz, der jeder sein könnte, den Schmitz in sich, und wir schauen ihm interessiert dabei zu. Als kühle literarische Versuchsanordnung geht Schmitz durchaus auf - auch wenn man als Leser ungeschoren davonkommt.

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