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Was stimmt hier nicht? Nun, der Gitarrist Hendrix war eigentlich ein begnadeter Linkshänder.

Der Mann vom Mars

Die Jimi-Hendrix-Biografie von Klaus Theweleit und Rainer Höltschl

Von ADAM OLSCHEWSKI

Über Jimi Hendrix zu schreiben, ohne ihn, den vielfach Vergötterten, ins Sphärische zu entrücken, ist kaum einem Biografen gelungen. Keiner aber hat das bisher so konsequent gemacht wie Klaus Theweleit und Rainer Höltschl. Beharrlich siedeln sie weniger den Menschen - dessen Darstellung ist fragil und somit human genug - als vielmehr den Komponisten und Gitarristen jenseits der Gängigkeit an. Sie sprechen im Zusammenhang mit Hendrix von "Erfahrungen in Göttlichkeit"; nennen ihn "Mann vom Mars"; lassen ihn "Götter-Liebe der Electric Skies" verströmen; sprechen ausführlich von einem "dritten Körper", den Hendrix herstellte, indem Schallwellen aus den Lautsprechern auf die körpereigenen Schwingungen der Zuhörer trafen. Kreieren aus ihm also einen Demiurgen, der einen neuen Menschentyp erschuf.

Das Buch darf man getrost als eine Zusammenfassung des bisher zum Thema Hendrix Gesagten lesen. Freilich mit einer weit ausholenden interdisziplinären Geste, mit der dann auch auf Jean-Luc Godard, Georg Büchner, die RAF, Gottfried Benn, Judith Holofernes oder Nicholas Ray hingewiesen wird, um Hendrix akademisch einigermaßen ansprechend zu garnieren. Man schreitet also im Ganzen die Fakten um einzelne Lebensphasen ab und reichert sie da und dort kulturhistorisch an, um Tragweite und Nachhaltigkeit des behandelten Gegenstandes für alle Zeiten zu gewähren.

Hinzu kommt, dass die Autoren des gut 200-seitigen Buches, um Fakten wie Querverweise unterbringen zu können, Vorgänge verkürzt beschreiben müssen. Oder möchten. Jedenfalls mischt sich hier in kruder Weise der Drang zur Pointe mit slanghafter Zeitgeist-Prosa und Universitätsgemurmel. Ein Zitat: "Grob gerafft: An seinem letzten Lebenstag und -abend begiften sich mehrere Geliebte um Hendrix, eine schleppt ihn ab und lässt ihn neben sich im Bett verrecken, nachdem er sich, um der ganzen Scheiße zu entkommen, an ihrem Schlaftablettenvorrat bedient hat. Sie merkt nichts, weil auch sie was geschluckt hat; und erzählt später, die Trottel im Krankenwagen und in der Klinik hätten ihn umgebracht. Böses Ende."

In diesem Stil versuchen die Autoren, Hendrix erst auf eine omnipräsente Ebene zu hieven, dann vielen sich verzweigenden Pfaden zu folgen und unverwandte Stränge zu bündeln. Solches gelingt einem Greil Marcus, dem Popanalytiker aus Kalifornien, mit leichter Hand. Hier aber regiert vor allem der Kopf.

Es ist ehrenvoll, dass Theweleit und Höltschl versuchen, Hendrix möglichst umfassend beizukommen, aber die beigefügten Fotografien fügen nun wirklich nicht zu seiner Bedeutung hinzu - sie sind sattsam bekannt, wurden verstanden und längst beiseite geschoben; die Kommentare unter den Fotografien machen reichlich Wind; unter der Abbildung des ruhenden Hendrix heißt es: "Bevorzugte Interviewpose. Couch oder Bett, der Körper als Ornament, die Hände leicht fremdelnd in der Wörterwelt".

Außerdem messen die bemühten Autoren etlichen Bewegungen und Sätzen Hendrix' allzu großes Gewicht bei, wollen mit Macht eine Ordnung in einem doch nie und niemals stringent geführten Leben eines jungen Mannes erkennen. Immerhin war Hendrix erst 27 Jahre alt, als er starb.

Obwohl der Stil des Autorentandems gewöhnungsbedürftig ist, kommt letztlich inhaltlich doch etwas Zählbares heraus. Zählbares, nicht unbedingt jedoch Neues.

Dass sich Hendrix - aus seiner Zuneigung zu Science Fiction - in einer unnachahmlichen Galaxie einrichtete und als Dichter und Musiker einen Platz an der Seite der Größten aller musikalischen Sparten verdiene, dies werden die Autoren nicht müde zu betonen.

Sie haben die Songtexte ansprechend ins Deutsche übersetzt und nachvollziehbar und eingehend analysiert. Sie räumen dem Equipment, das Hendrix half, sich dem Irdischen zu entheben, großen Stellenwert ein. Ebenso der einmaligen Wirkung der Jimi Hendrix Experience, alle folgenden Projekte werten sie ab.

Theweleit und Höltschl trauen sich, Hendrix als Bob Dylan-Jünger ersten Grades hinzustellen, und sehen, dass Hendrix zum Zeitpunkt seines Todes am Scheideweg stand, woanders hin wollte, weg vom Rock - hin zu...? Das lässt das Autorenduo wohlweislich mit einem Fragezeichen versehen stehen.

Klaus Theweleit /

Rainer Höltschl:

Jimi Hendrix.

Eine Biographie.

Rowohlt Berlin 2008, 254 Seiten, 18,90 Euro.

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