Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Margaux Fragoso: "Tiger, Tiger"

Der Mann und das Mädchen

Gruselige Distanzlosigkeit: Margaux Fragoso erzählt ihre Missbrauchsgeschichte, beschreibt sie minutiös. Doch bei der Lektüre wird man das Gefühl nicht los, es sei immer noch nicht vorbei. Zu dicht dran ist die Erzählung.

Von Katharin Granzin

Dieses Buch, das laut Verlag in 22 Ländern zugleich erscheint, kann niemanden kalt lassen. Man müsste ein Unmensch sein, um sich nicht verstören zu lassen von „Tiger, Tiger“, dem autobiografischen Bericht einer Frau, die, seit sie acht war, viele Jahre lang von einem Mann missbraucht wurde, den sie bedingungslos liebte. Und: Die Amerikanerin Margaux Fragoso kann mit Sprache umgehen. Die heute 33-Jährige hat Creative Writing studiert und ihre Geschichte niedergeschrieben mit einer großen Souveränität, die um so erstaunlicher ist, als sie ihren Stoff so explizit und ohne einen nennenswerten Sicherheitsabstand behandelt. Das ist schwer auszuhalten.

Die kleine Margaux hatte kein einfaches Elternhaus. Die Mutter ist psychisch krank, der Vater gewalttätig, das Mädchen empfänglich für die Freundlichkeit des 51-jährigen Peter Curran (ob dies sein echter Name war, bleibt unklar), den sie im Schwimmbad kennenlernt, als sie sieben ist. Sie beschreibt, wie sie auf ihn zugeht, angezogen von einer Aura des Glücks, das er ausstrahlt. „Spielst du mit mir?“, habe sie ihn gefragt. Margaux und ihre Mutter werden von Peter, der mit Freundin und deren Söhnen zusammenlebt, eingeladen. Für das Kind ist sein Haus eine Zauberwelt, voller Tiere und seltsamen Dingen. Bald ist Peter ihr liebster Spielkamerad.

Margaux’ Mutter ist nicht in der Lage, hinter seine Fassade zu sehen; der Vater aber ist misstrauisch und setzt den Treffen zwischen seiner Tochter und dem Mann für zwei Jahre ein Ende, als Margaux zehn ist. Da allerdings ist es schon zu spät. Seit Jahren muss das Mädchen den Mann regelmäßig sexuell befriedigen. Fragoso beschreibt minutiös, wie sie unter Druck gesetzt wird, wie Peter „Gegenleistungen“ für Geschenke erwartet.

Später, als Teenager, wünscht Margaux sich nichts sehnlicher, als schwanger zu werden, als würde ihre Fruchtbarkeit den Missbrauch in der Kindheit rechtfertigen. Doch der Mann hat kein Interesse an Sex mit der jungen Frau. Er liest Bücher über kindliche Sexualität und erklärt, er müsse nun wieder gutmachen, was er vorher verdorben habe. Dabei bleiben viele Fragen offen.

Noch nicht vorbei

Der Selbstmordversuch, den Margaux als junge Erwachsene unternimmt, wird sehr lapidar abgehandelt. Der alternde Mann, der schwer krank ist, bringt sich schließlich seinerseits um, nachdem einer seiner Stiefsöhne gedroht hat, ihn wegen Missbrauchs anzuzeigen. Erst sein Tod beendet die Beziehung zwischen Peter und der inzwischen 22-Jährigen.

Doch bei der Lektüre wird man das Gefühl nicht los, es sei immer noch nicht vorbei. Zu dicht dran ist die Erzählung, zu sehr wird man gezwungen, durch die Augen des Mädchens zu sehen, das Margaux Fragoso einmal gewesen ist.

Erst im Nachwort erklärt die Autorin: „Als ich gründlich über meine Erlebnisse nachdachte, wurde mir erst das ganze Ausmaß der Methoden bewusst, mit denen Peter mich und meine Familie manipulierte.“ Es mutet sonderbar an, dass sie dieser „erwachsenen“ Reflexionsebene im Buch selbst keinen Platz gibt. Es herrscht eine seltsame Unwucht im Text. Einerseits fällt der Detailreichtum bei der Schilderung von Ereignissen auf, die stattgefunden haben, als das Mädchen sieben, acht Jahre alt war. Traumatische Szenen wie die des ersten Missbrauchs mögen sich dem Kind in schmerzhaften Einzelheiten eingebrannt haben. Schwerlich aber ist es einem Menschen mit normalem Gedächtnis möglich, sich 25 Jahre später zu erinnern, was im einzelnen in einem Zimmer war, das man mit sieben Jahren betreten hat, oder ganze Dialoge wortwörtlich wiederzugeben. Allzu viele Dinge in dieser Roman genannten Autobiografie sind viel zu gut erinnert, um nicht erdichtet zu sein. „Authentisch“ ist etwas anderes.

Ununterbrochen unbehaglich

Gleichzeitig aber verweigert dasselbe erwachsene Bewusstsein, das im Dienste einer fesselnden Erzählung all diese Details imaginiert, jeglichen Kommentar zum Geschilderten. Man fühlt sich daher ununterbrochen unbehaglich in diesem Text, hinuntergezogen auf die Perspektive des ahnungslos missbrauchten Kindes, und wenn man das Buch sehr flott durchliest, so vor allem deswegen, damit es möglichst schnell wieder vorbei sei.

Es mag keineswegs die Absicht der Autorin gewesen sein, in ihren Leserinnen und Lesern das Gefühl zu erzeugen, manipuliert zu werden. Möglicherweise musste Margaux Fragoso ihre eigene Geschichte schreibend nochmals durchleben, um sie zu überwinden? Doch die Distanzlosigkeit der Schreibenden gegenüber dem Erzählten ist gruselig. Wie kann sie sich beispielsweise, nachdem sie doch weiß, wie sehr sie manipuliert wurde, überhaupt so sicher sein, dass sie aus ureigenem Antrieb auf den Mann zuging? Ist es nicht möglich, dass dem Kind dieser Ablauf später durch Erzählungen so lange suggeriert wurde, bis sie selbst ihn glaubte? Je farbiger, je detailverliebter, ja, je poetischer Fragoso ihre Geschichte formt, desto mehr werden dabei diese doch gängigen literarischen Verfahren zu Methoden der Suggestion, Verschleierung und Manipulation, ganz ähnlich jenen, deren Opfer sie selbst wurde – oder vielleicht immer noch ist?

Auch wenn man dieses Buch nicht wie ein Stück Literatur behandelt, sondern als therapeutisches Schreiben betrachtet, muss der therapeutische Wert dieser Art von Schreiben wohl als zweifelhaft bewertet werden. Gerade die vermeintliche, äußerliche Literarizität von Fragosos Buch arbeitet einem Bemühen um echte Aufklärung und Bewältigung eher entgegen. Sicher bedarf es einer großen inneren Stärke, einen derart radikalen autobiografischen Text zu veröffentlichen. Dennoch scheint der Prozess, den Margaux Fragoso mit ihrem Buch in sich selbst angestoßen hat, noch lange nicht beendet zu sein.

Margaux Fragoso: Tiger, Tiger. Roman. Aus dem Englischen von Andrea Fischer. Frankfurter Verlagsanstalt 2011, 461 S., 24,90 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare