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Ein Wort genügt Fracassus bzw. Trump (hier 2011), für alle schönen Frauen. Es steht auf dem Cover von Jacobsons Roman.

Trump-Satire

Der Mann, der immun ist

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Howard Jacobson hat eine Satire auf Donald Trump geschrieben, "Pussy" aber kann gegen die absurde Realität nicht gewinnen.

Donald Trump schreibt seine eigene Satire, Twitternachricht für Twitternachricht, Tag für Tag. Er schreibt: Ich habe den Größeren (Atomknopf). Oder: Ich bin ein Genie, ein stabiles Genie. Er verachtet alles und alle, er spricht von Dreckslochländern. Im Schnitt lügt er 5,6 Mal am Tag und das sind nur die öffentlichen Lügen. Im April vergangenen Jahres konnte man noch gelegentlich lesen, er werde vielleicht in sein Amt hineinwachsen. Das ist nicht passiert. Im Gegenteil. Im April vergangenen Jahres erschien aber schon Howard Jacobsons satirischer Roman „Pussy“, damals sprach man noch über Trumps „grab them by the pussy“-Sexismus. Inzwischen hat der Präsident, der in diesem Leben kein auch nur halbwegs vernünftiger, staatsmännischer Staatschef mehr werden wird, seinen Sexismus, Rassismus, Größenwahn immer wieder vollkommen sorglos in die Welt trompetet. 

Heute erscheint die Satire „Pussy“ auch in deutscher Übersetzung – und ist eine Enttäuschung. Sie ist wohl zwangsläufig eine Enttäuschung. Der Brite Howard Jacobson, ein so scharfer wie eleganter Formulierer, ein geistreicher Spötter, ein manchmal auch bitterer Weltbeobachter, konnte in diesem Fall nicht gewinnen. Einige angelsächsische Rezensenten meinten im April, er hätte sich mehr Zeit nehmen sollen (er begann mit dem Roman angeblich am Tag nach der Wahl und schrieb eher Wochen als Monate).

Es darf bezweifelt werden, dass das genützt hätte. Trumps Selbstentblößung, Selbstentblödung, Schamlosigkeit können nicht übertroffen werden. Dem kultivierten, vielgebildeten Jacobson steht jede raffinierte Anspielung, jede mehrdeutige Wendung zur Verfügung. Aber er kann sie nicht entscheidend in Stellung bringen gegen einen Mann, der gegen Satire gleichsam immun ist, weil niemand sich über ihn krassere, eitlere, dümmere Dinge auszudenken vermag, als er selbst sie ganz unbesorgt in die Welt schickt. Trump ist eine wandelnde Groteske, er lässt kaum Spielraum für weitere Zuspitzungen. 

Bei Jacobson heißt Trump Fracassus (fracas, engl. Rauferei) und ist der zweite Sohn des Großfürstenpaares von Urbs-Ludus (urbs, lat. ummauerte Stadt, ludus, lat. Spiel). Alle Tätigkeit in Urbs-Ludus besteht darin, hohe und noch höhere Türme zu bauen. Über den älteren Bruder (aus Jago ist Joyce geworden) darf im Herrscherhause nicht mehr gesprochen werden, so ruhen nun alle Hoffnungen auf Fracassus, dem Kleinen „mit den winzigen Augen, immer leicht klagend dreinschauend wegen irgendeiner Petitesse, dazu eine Schnute, die Empfindlichkeit signalisierte und ein Haarschopf, der bereits die Farbe der Palasttore trug“. Trump, wie er leibt und lebt. Und natürlich: „Er verstand sich selbst als vollkommen.“ 

Bald machen die Eltern sich doch Sorgen, weil der Junge dauernd fernsieht – am liebsten Wrestling, Kriege und Reality-Shows, bei denen Menschen gedemütigt werden – und sein Wortschatz arg klein ist, er eigentlich nur aus Schimpfwörtern und „Pussy“ besteht, was ihm für jede Frau geeignet scheint. Der Hofarzt diagnostiziert: „Tourette-Syndrom bloß ohne Tourette.“ Ein zusätzlicher Lehrer wird engagiert, Professor Kolskeggur Probrius. (Eher locker angelehnt an Trumps ersten Stabschef Reince Priebus.) Natürlich bringt das nicht viel, so dass Fracassus schließlich auf Reisen geschickt wird, Probrius und die umwerfende Dr. Cobalt (was für eine Pussy) an seiner Seite. 

Und schon (es ist ein schmales Buch) landet er in Cholm, das regiert wird von Vozzek Spravchick, einem Mann, der gern mit nacktem, rasiertem Oberkörper auftritt (ohne Mühe ist Putin zu identifizieren). Vozzek und Fracassus verstehen sich gleich prächtig, aber auch sonst, bei allerlei Volk kommt der junge Mann erstaunlich gut an, erregt „Aufsehen mit seiner Fähigkeit, Aufsehen zu erregen“. Es gibt auch Protestierer (Bäcker-Migranten etwa), aber weithin skandieren sie doch begeistert Frac-Ass-Us, getrost zu übersetzen als „verarsch uns“. Er tritt vor Firmenbossen und auf Schönheitswettbewerben auf. 

Und selbstverständlich ist der Junge im Internet unterwegs, mit 18 darf Fracassus anfangen zu twittern (obwohl seine Mutter fürchtet, sein Wortschatz ist für 140 Zeichen zu klein). Jacobson trifft den Originalton zwischen Wut, Belanglosigkeit, Lächerlichkeit, aber mehr eben wiederum auch nicht. Von seiner ersten Nachricht „Schön heute“ bringt es Fracassus bald zu „ballert sie ab“ (die Flüchtlinge) und „Cheeseburger zu Mittag“. Und wenn sonst nichts mehr geht, ein Tipp von Probrius: „Der Kampf gegen den Terror geht weiter.“ 

Gegen Ende richtet Jacobson seine Pfeile gegen die Trump-Anbeter, er macht die Absurdität ihrer Verehrung, auch den möglichen Grund dafür kenntlich. (Doch auch das las man schon in Zeitungsessays.) „In der Zone, in der Fracassus sich bewegte, schienen weder Worte noch Intentionen irgendein Gewicht zu haben. Man konnte einfach etwas sagen und es dann widerrufen, ohne dass es einen etwas kostete.“ Das imponiert den Leuten. Das ist cool. Da nimmt sich einer, was er will. 

Fast alles in „Pussy“ ist kenntlich, fast alles geschieht ähnlich absurd in der Realität des Donald Trump. Das ist das Problem dieses Buches. 

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