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Der Mann der Füchsin

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Auch dieses Füchslein spielt vermutlich nicht Karten.
Auch dieses Füchslein spielt vermutlich nicht Karten. © © epd-bild / Marcus Siebert

Eine entfernte Schicksalsgenossin von Gregor Samsa: „Dame zu Fuchs“ von David Garnett erzählt von einer anders gearteten, aber ebenfalls denkbar problematischen Verwandlung. Eine großartige Wiederentdeckung.

Aber was wäre gewesen, wenn sich die Familie von Gregor Samsa zartfühlend und sympathisierend auf dessen Verwandlung eingelassen, Bücher über Insekten studiert und sechsärmlige Pullover gestrickt hätte? Jedenfalls erzählte zehn Jahre nach Franz Kafka auch ein britischer Autor von einem Menschen, der unversehens zum Tier wird. Und auch David Garnett spielt durch, was das für Folgen hat.

„Dame zu Fuchs“ erschien erstmals 1922, wurde in den fünfziger Jahren auch schon einmal ins Deutsche übersetzt, geriet dann aber zusammen mit Garnett (1892–1981), einem Mitglied des Bloomsbury-Zirkels um Virginia Woolf, wieder in Vergessenheit.

Die wunderhübsche Ausgabe im Dörlemann-Verlag ist damit eine echte Wiederentdeckung, zumal in einer Neuübertragung der jungen Übersetzerin Maria Hummitzsch, die ein gutes Gespür für britische Untertreibung und die Lakonie der Wohlerzogenen hat.

Wohlerzogen fürwahr ist Mr Richard Tebrick, ein gutsituierter Landmann, dessen jungvermählte Frau Silvia, eine geborene Fox, sich bei einem gemeinsamen Spaziergang Anfang 1880 grundlegend verwandelt. „Wo eben noch seine Frau gewesen war, stand, mit leuchtend rotem Fell, ein kleiner Fuchs.“

Er ist ein Gentleman, sie ist ganz schön wild

Mr Tebrick ist erschüttert, aber nicht im engeren Sinne entsetzt, er erkennt sie ja, sie scheint ihn auch zu erkennen. Und was immer geschehen sein mag, denkt er sich, „hätte er dafür niemals ihr die Schuld geben können, sondern immer nur sich“.

Ganz Gentleman, bringt er seine Frau in der Dämmerung nach Hause und zieht ihr etwas über. „Wie zu erwarten waren die Kleider jetzt zu groß für sie, schließlich aber fand er ein Morgenjäckchen, das sie zuvor recht gern getragen hatte“. Der erste Tag endet gewissermaßen so friedlich, dass er „sehr getröstet war und glauben wollte, sie könnten hinreichend glücklich sein, wenn es ihnen gelänge, der Welt zu entfliehen und allein miteinander zu sein“.

Nachdem er das Hauspersonal weggeschickt hat, richtet er sich mit der veränderten Silvia behaglich ein, schon liest er wieder aus Richardsons „Clarissa“ vor. Konventioneller geht es unter jungen englischen Liebenden der Zeit nicht. Silvia starrt allerdings ihre einst so heiß geliebte Taube im Käfig ganz merkwürdig an.

Das Kartenspiel am Samstagabend wiederum – ja, ihr Mann hat gute Ideen, wie auch ein Fuchs mitspielen kann – verweigert sie, indem sie sich „zur Erklärung mit der Pfote bekreuzigte“. Daraus solle man aber – mischt sich hier der Erzähler nicht zum einzigen Mal ein – keine voreiligen Schlüsse ziehen.

„Meiner Meinung nach machte sie dieses Zeichen nur aus Ermangelung anderer Ausdrucksmöglichkeiten. Denn sie war als gute Protestantin erzogen worden, und dass sie noch immer eine war, bewies ihre Ablehnung, (am Abend vor dem Sonntag) Karten zu spielen, wogegen sie als Katholikin gewiss keine Einwände gehabt hätte.“

Aber so einfach wird es natürlich nicht bleiben. Nicht nur sorgt die kleine Fähe für helle Aufregung im Ententeich, sondern sie ist auch selbst in ständiger Gefahr, Hunde und Jäger allüberall auf dem englischen Land. Vor allem geht die Wandlung (wie auch bei Gregor Samsa) auf problematische Weise weiter, der äußeren folgt die innere. Die Unlust gegen anständige Bekleidung wächst ebenso wie der Jagdtrieb. Garnett geht geruhsam und doch zügig und höchst lapidar die logischen Stufen durch, lässt die Frage des scharfen Fuchsgeruchs nicht aus, und auch nicht Silvias Essensmanieren und sonstige, bald überstark werdende Bedürfnisse.

Mr Tebrick schwankt zwischen Verzweiflung und Hoffnung, und die schönsten Passagen in „Dame zu Fuchs“ sind gewiss die, in denen sich wieder die Hoffnung Bahn bricht. Nicht etwa die Hoffnung, die Verwandlung könnte rückgängig gemacht werden (das ist nie eine Option). Vielmehr richtet Mr Tebrick sich immer wieder ein, wird ihm „alles an ihrer fuchsigen Art“ kostbar, bevor wieder etwas Unerquickliches geschieht.

Als Silvia Kinder bekommt, also einen Wurf Füchse, überlegt er messerscharf: „Hatte seine Frau ihn nicht betrogen?“, und noch messerschärfer ist ihm klar, dass er ihr auf diesem Gebiet nichts mehr zu bieten hat: „Begehrte ich eine Fähe, wäre ich wahrlich kriminell.“ Bald mag Mr Tebrick die Füchslein sehr.

Obwohl „Dame zu Fuchs“ nicht gut ausgehen kann, erzählt Garnett mit Schwung und intellektueller Coolness davon, dass der bürgerlich-biedere Mensch sich zwar geradezu tragisch in die Tasche lügt. Seine Anpassungsfähigkeit an das Befremdende ist aber, wenn er nur die Bereitschaft dazu hat, überwältigend groß und auf ihre Weise schön.

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