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Der Mann bleibt ein Geheimnis

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Die Virtuosin Margriet de Moor, hier am Klavier.
Die Virtuosin Margriet de Moor, hier am Klavier. © imago/Hollandse Hoogte

Margriet de Moors große Novelle „Schlaflose Nacht“ in einer neuen, geschmeidigeren Übersetzung. Auch die niederländische Schriftstellerin selbst hat noch einmal leicht nachgearbeitet, konzentriert, geschärft. Interessant, die beiden Fassungen zu vergleichen.

Von Martin Oehlen

Das ist wieder so eine Frage: „Warum hat er es getan?“ Margriet de Moor legt sie ihrer Heldin in den Mund – und bereitet damit den Boden für ihre Novelle „Schlaflose Nacht“. Eine solche Frage prägte schon de Moors gefeierten Debütroman „Erst grau dann weiß dann blau“ (1993). Darin richtet sich die Frage allerdings an die Frau: „Wo bist Du gewesen?“

So lange die Antwort nicht gefunden ist, bleibt die Ungewissheit, die einen rasend machen kann. Auch jetzt wieder. Eine schlaflose Nacht lang erzählt die Heldin von ihrer Liebe-auf-den-ersten-Blick zu Ton. Sie hatte ihn beim Schlittschuhlaufen kennengelernt und war mit ihm ins Eis eingebrochen.

Das war’s. Er schien „der Liebste-für-immer“ zu sein. Nichts hatte darauf hingedeutet, dass er sich nach nur 14 Ehe-Monaten das Leben nehmen könnte – mit einem Kopfschuss im Chicorée-Treibhaus, an einem milden Spätsommerabend, da war er gerade mal 25 Jahre alt.

Die junge Witwe bleibt in dem Dorf wohnen, obwohl deren Bewohner erwartet hatten, dass sie nach diesem „beschämenden Tod“ den Ort verlassen werde. Sie lässt sich zunächst auf keine neue Partnerschaft ein. Bis ihre Schwägerin Lucia sie ins Gebet nimmt: „Das ist eine Beleidigung für deine Sinnlichkeit. Für deine elementaren Bedürfnisse!“ Das hat gesessen. Und wird akzeptiert.

Die Frau gesteht: „Dieses Klosterdasein macht meinen Körper wütend.“ Sogleich wird die Kontaktanzeige formuliert. Das Klosterdasein ist darauf definitiv vorbei. Die Lehrerin genießt die zwanglose Freude der „Eintagesvertraulichkeit“.

Umherwandern in der Dunkelheit

Auch jetzt, da sie im Erdgeschoss einen Kuchen backt und die Geschichte erzählt, liegt ein Mann oben in ihrem Schlafzimmer. Es ist mitten in der Nacht. Doch die Frau kann nicht schlafen. Das Umherwandern in der Dunkelheit gibt ihr das Gefühl, mit Verdrängtem zu verschmelzen. Auch beruhigt es sie.

Und ruhig müsse man sein für diesen Napfkuchen, sagt sie – und für den Bericht, den sie abliefert, wohl auch. Denn die Erzählerin offenbart, wie sie eines Tages anfängt, in Tons Hinterlassenschaften nach einer Antwort zu suchen: „Hier gilt es etwas zu entdecken, auch wenn ich nicht weiß, was.“

Diese behutsam entwickelte, klug konstruierte und durch ihre psychologische Finesse faszinierende Geschichte erzählt Margriet de Moor in diesem neuen Buch. Das aber so neu auch nicht ist. Vielmehr handelt es sich um die von der Autorin überarbeitete und von Helga van Beuningen neu übersetzte Fassung einer Novelle, die im Original bereits 1984 und in Rotraut Kellers Übersetzung 1994 erschienen ist – unter dem Titel „Auf den ersten Blick“.

Tatsächlich ist es kein geringes Vergnügen, die beiden Fassungen zu vergleichen. Es fällt auf, dass Margriet de Moor diese Geschichte nun nicht auf den Kopf stellt. Wohl aber gibt es ein paar Retuschen, werden Übergänge optimiert und vor allem einige Kürzungen vorgenommen. So gewinnt die Geschichte noch mehr an Klarheit und Konzentration. Und der entscheidende Satz, der das Geheimnis lüftet, steht hier so klar und exponiert wie nie zuvor.

Und die Übersetzung? Die wirkt insgesamt geschmeidiger und moderner. Eher ein Fall für literaturwissenschaftliche Mikroanalysten ist dann, dass einst eine „Fliege“ und jetzt eine „Mücke“ durchs Zimmer tanzt, dass die „Scheißschulkinder“ zu „Gören“ mutieren oder dass aus der Moped-Marke „Berini“ eine „Solex“ wird.

Nur in seltenen Einzelfällen wird man die ältere Fassung vorziehen. Nach dem Todesschuss habe sich Ton „in ein wahnsinnmachendes Geheimnis verwandelt“, schreibt Helga van Beuningen jetzt. Da bietet Rotraut Keller die griffigere Variante, wenn sich bei ihr der Tote „in ein Geheimnis verwandelt, das mich wahnsinnig machte“.

Ja, einerseits bleibt der Mann ein Geheimnis. Andererseits macht die Erzählerin eines Tages eine Entdeckung. Die ist so erheblich, dass sie zum Wendepunkt wird, der zu jeder Novelle gehört. Am Ende der schlaflosen Nacht, mehr als 13 Jahre nach Tons Freitod, wissen wir mehr – und verraten hier nichts. Dann auch erwacht der neue Liebhaber im Schlafzimmer.

Und der Russische Napfkuchen ist fertig. Könnte gut sein, dass es sich künftig für die Frau wieder etwas leichter leben lässt. Aber zunächst einmal sollte sie sich ausschlafen.

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