Der Mann, der sie alle kannte

William Boyd schreibt das fiktive Tagebuch eines Dandys, Spions, Frauenhelden und Intellektuellen

Von BARBARA VON BECKER

Was bewegt einen Autor, die intime und rein subjektive Form des Tagebuchs als Erzählmodus für einen Roman zu wählen? Ist es der Reiz, Meinungen und Eindrücke in ungeschützter Unmittelbarkeit und gezielter Unausgewogenheit jäh nebeneinander stellen zu können? Sie derart Zeugnis ablegen zu lassen für die Widersprüchlichkeiten und Irrtümer in "eines Menschen Herz"? Diese programmatische Verpflichtung zur Sicht der Dinge aus der alleinigen Perspektive des literarischen Helden birgt aber ein fundamentales Risiko: Bieten dessen Biografie und Persönlichkeit auch genügend Attraktion und Substanz, dass man fünfhundert Seiten lang an seinen innersten Regungen teilhaben möchte?

Vom College in den Bürgerkrieg, vom Secret Service zur Kunst

Es gilt also einiges zu erfinden, um dem Leser zu suggerieren, wieso er sich für den wechselvollen Lebenslauf von Logan Mountstuart als Schriftsteller, Kunsthändler und Spion interessieren sollte. William Boyd zieht denn auch alle Register. Von der Geburt in Uruguay über traditionelle Schul- und Collegejahre in Birmingham und Oxford samt klassischer Pubertätsrituale, frühem Ruhm als Verfasser einer Shelley-Biographie, Einheirat in den englischen Landadel, Arbeit als Berichterstatter aus dem Spanischen Bürgerkrieg, Leutnant in der Propagandaabteilung der Marineaufklärung of his Majesty's Secret Service, bis zum smarten Kunsthändler in New York. Zuletzt sieht der Leser Mountstuart, nach einem Intermezzo als Dozent für englische Literatur in Nigeria, wie er, wieder zurück in London, als verarmter älter Mann Hundegulasch für den eigenen Verzehr mit Curry aufpeppt und linksradikale Propagandablätter einer englischen Sympathisantengruppe der RAF unters Volk bringt, solange, bis ihm einfällt, dass er ja noch irgendein verfallenes Häuschen in Frankreich geerbt hat, wo sich der Lebensabend verbringen lässt.

William Boyd spart bewusst nicht mit dicken Pinselstrichen, um seinem Logan Mountstuart die nötige Farbe zu geben. Eher mokant als analytisch, mit narzistischem Gestus inszeniert sind dessen Tagebucheinträge, wobei der Autor nicht mit in snobistischer Tonlage genussvoll vorgeführten Klischees über Society-Sitten spart. Ganz zufällig trifft der nur kurz selbst zu etwas eigenem Ruhm Gekommene die Prominenten der englischen, später amerikanischen Intellektuellen- und Künstlerszene, wobei ziemlich alle ihr Fett abbekommen.

Die Seitenhiebe treffen Virginia Woolf ebenso wie Scott Fitzgerald, Evelyn Waugh, Hemingway, Jackson Pollock oder Picasso, der für Mountstuart "eines von den wilden und einfältigen Genies zu sein scheint", bei dem man aber trotzdem gerne mal zum Lunch vorbei schaut und dort Yves Montand und Simone Signoret begegnet. Auch der Herzog und die Herzogin von Windsor samt einer kruden Verschwörungstheorie müssen herhalten, um das gesellschaftliche Parkett zum Glänzen zu bringen, auf dem Logan Mountstuart sich nach Art des Künstlerbohemiens und von Ian Fleming persönlich angeheuerten Teilzeitspions bewegt.

Natürlich gehören zu einem derartigen Lebenswandel mindestens drei Ehefrauen nebst einer Vielzahl von Affären. Glücklicherweise betreibt ein Freund aus Schulzeiten eine Galerie in Paris, denn regelmäßgige Aufenthalte an der Seine sind fürs internationale Flair einer Biographie des 20. Jahrhunderts unverzichtbar. Dort hatte Mountstuart auch die nicht weniger als sieben Bilder von Joan Mirò unterbringen können, die ein spanischer Freund ihm unter dramatischen Umständen direkt vor seiner Ermordung anvertraut hatte.

Das Parlando der unsteten Eintragungen - in manchen Jahren greift der Protokollant nur jeden zweiten Monat zum Stift - braucht die Ortswechsel, den Glamour und die permanente Umwälzung der Lebensumstände als dramaturgischen Kick. Denn die Notate des nur langsam zu einer Figur mit Charakter reifenden Helden verharren eher in dandyhafter Nonchalance und manchmal schleicht sich auch eine gewisse Einförmigkeit ein. Einzig die Episode von Mountstuarts heimlichem Fallschirmabsprung über der Schweiz und seinen zwei Jahren Einzelhaft als Spion in einem eidgenössischen Gefängnis bringt durch die Bedrohlichkeit der Situation einen kurzen Wechsel der Tonlage.

Schicksal als Verknüpfung von Zufällen, der Sinn kommt erst später

"Jedes Leben ist gewöhnlich und außergewöhnlich zugleich - es ist das Mischungsverhältnis dieser beiden Kategorien, das ein Leben interessant oder banal erscheinen lässt." So lässt Boyd seinen Tagebuchautor im Alter von 80 Jahren rückschauend räsonieren. Das Schicksal eines Menschen bestehe außerdem in der Regel aus einer Verknüpfung von Zufällen, deren überraschende Sinnstiftung man gewöhnlich erst rückwärts gewandt wahrnehmen könne. Die unverhofften Fügungen im Leben des Logan Mountstuart greifen manchmal allerdings sehr effektbewusst in den Lauf seiner Biografie ein und reizen das Spiel mit der darin verborgenen Ironie weidlich aus.

Im Jonglieren mit realen Namen und Fakten des Kunst- und Geisteslebens über fast sieben Jahrzehnte hinweg inszeniert Boyd darüber hinaus auch ein Panorama der Moderne und Postmoderne. Und seinen dem eigenen Künstlertum ein Leben lang vergeblich hinterhereilenden Helden hat man am Ende des Buchs nach 66 gemeinsam verbrachten Jahren denn doch noch schätzen gelernt.

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