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Der Mangel an Anstand

Vor einem guten halben Jahr gründete Peter Schwartzkopff den Verlag "Schwartzkopff Buchwerke" mit dem programmatischen Vorsatz, sich mit Büchern "in soziale,

Von RUDOLF WALTHER

Vor einem guten halben Jahr gründete Peter Schwartzkopff den Verlag "Schwartzkopff Buchwerke" mit dem programmatischen Vorsatz, sich mit Büchern "in soziale, politische und literarische Diskurse einzumischen". Mit Kurzschluss. Der Amoklauf von Erfurt und die Zeit danach, einem Buch des Filmemachers Jens Becker, löst er diesen Anspruch ein.

An jenem schwarzen Freitag, 26. April 2002, dem letzten Tag der Abiturprüfung, wurden 16 Menschen ermordet. Es war kein spontaner Racheakt, denn der Täter bereitete die Tat minutiös vor für den Moment, in dem für die ahnungslosen Eltern klar werden würde, dass der seit einem halben Jahr von der Schule verwiesene Gymnasiast kein Abitur machen würde. Der Täter war ein Einzelgänger, fühlte sich allein gelassen mit seinen Problemen.

Becker porträtiert die Lehrer des Täters, Ehepartner von erschossenen Lehrern, Freunde von ermordeten Schülern, den Hausmeister, die Pfarrerin, Psychologen, den Oberbürgermeister und andere Politiker, lässt aber auch Schülerinnen und Schüler in Selbstporträts zu Wort kommen.

Der Journalist Mirko Krüger steuert ein Interview mit den Eltern des Täters bei, das nicht auf deren Verurteilung aus ist. Im Gegensatz zur hysterisierenden Medienberichterstattung bleibt Becker nüchtern und präzis. Er gewann das Vertrauen der Beteiligten dadurch, dass er sich für jeden Einzelnen interessierte und neun Monate lang Medienkunde in den zehnten Klassen unterrichtete und Material sammelte für zwei Dokumentarfilme ("Ausnahmezustand" und "Die Kerzen von Erfurt", beide 2003).

In seinem Buch lehrt Becker vor allem die selbstkritische Analyse von Erfahrenem. Einen kritischen Blick richtet er auf die Manöver der politisch und polizeilich Verantwortlichen, die Defizite des Einsatzes im Nachhinein mit vielen Tricks vertuschten. Schon ein halbes Jahr nach dem Amoklauf konstatierte er bei Politikern einen Mangel "an dem Grundgefühl für Anstand gegenüber den Opfern". Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) sagte ein erstes Treffen mit Schülern einfach ab. Als es endlich zustande kam, behandelte er die aufgewühlten und traumatisierten Schüler "herablassend".

Eine ganz andere Reaktion zeigte das Lehrerkollegium. Hier löste das Verbrechen Lernprozesse aus, die der frühere Physiklehrer, dessen Freundin dem Mord zum Opfer fiel, unpathetisch und ohne Schuldzuschreibungen so zusammenfasst: "Man ist wichtig geworden als Ansprechpartner für die Schüler. Einfach jemand, der da ist… Ich meine, ich bin ja hier an der Schule, um anderen etwas zu geben, und das muss ich wieder hinkriegen."

Restlos überschätzt

So gediegen Beckers Buch, so aufgeblasen und phrasenhaft kommt das zweite Buch daher, mit dem der Verlag in diesem Frühjahr reüssierte: ein Buch über Den neuen Antisemitismus von der restlos überschätzten Bestseller-Autorin Phyllis Chesler. Was Antisemitismus überhaupt bedeutet, bleibt hier so unklar wie das Neue daran oder die Differenz zwischen der Kritik an Israel und Antisemitismus.

Auf zwei Seiten springt die Autorin von einem Attentat 1994 in Buenos Aires zurück zu Eichmann und Mengele, vorwärts zu Noam Chomsky und Christoph Blocher, zu Anschlägen auf eine Synagoge in Rom und einen Friedhof in Österreich. Mit dem Buch hat sich der ambitionierte Verleger leider ein Kuckucksei unterschieben lassen.

Jens Becker: Kurzschluss.Der Amoklauf von Erfurt und die Zeitdanach. Schwartzkopff Buchwerke,Berlin 2005, 255 Seiten, 18 Euro.

Phyllis Chesler: Der neue Antisemitismus. Die globale Krise seit dem 11.September. Schwartzkopff Buchwerke,Berlin 2004, 277 Seiten, 18 Euro.

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