„Hate Is Overrated“, 2017.
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„Hate Is Overrated“, 2017. Foto: Galerie Kai Erdmann, Manfred Peckl

Künstlerbuch

Manfred Peckl: „Salz auf die Wunder“ – „Das Sanfte zartet aus“

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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In Manfred Peckls Buch „Salz auf die Wunder“ sprudeln und strudeln die Worte und Bilder.

Dass der Wahnsinn Methode hat, dämmert einem irgendwann. Da hat man das Buch mit dem schönen Titel „Salz auf die Wunder“ womöglich schon zweimal wieder weggelegt. Und doch nimmt man es immer wieder zur Hand, blättert darin – nicht chronologisch von vorne nach hinten –, sondern schlägt es auf wie ein eigenartiges Orakel. Und liest: „Zwei Zahlzonen weiter, ein Anflug von Wärme, das Sanfte zartet aus.“ Oder dies: „Hätte bitte Köpfe Pfütze.“ Sucht Sinn, findet keinen (manchmal aber doch) und spürt dem Klang der Worte und Assoziationsfetzen nach. „Die Pudelsuppe muss täglich zu bereitet ver werden, sonst lieren die Haare ihr Kraus.“ Kann sich ein „ver“ selbstständig machen? Aus der Reihe tanzen? Bei Manfred Peckl geht das. Die Worte strudeln und sprudeln herum, wie sie wollen, und tanzen der Leserin und womöglich auch dem Dichter selbst auf der Nase herum.

Sie formieren sich zu Beschimpfungen („Und! Was mir wirklich auf die Nerven geht, persönlich, allallnachts/allalltäglich, weltallallvertraulich, sind die Zitatewichser, die Prominenzverwurster, die Arrangeure nun nicht mehr so. Alle, denen selbst gar nichts mehr einfällt, scheiß Schund!“), bilden wilde Kaskaden und drehen sich um die eigene Achse.

Manfred Peckl ist nicht nur ein Dichter, er ist eine Art Gesamtkünstler, er performt, macht Musik, stellt Bilder und Skulpturen her. Oft dreht es sich dabei um Worte, und das ist wörtlich zu nehmen, weil er etwa Worte so im Kreis anordnet, dass man sie – je nachdem, wo man anfängt und aufhört – ganz unterschiedlich lesen kann. Das Wort Heart zum Beispiel wird so zu Earth oder auch zu The art. Eichel zu Leiche. Demo zu Mode zu Odem. Selbst wenn die Buchstaben bleiben, wo sie sind, geht es rund. Ein QR-Code im Buch führt zu einer Performance, in der Peckl den Satz „Wie versprochen war ich heute beim Arzt“ in allen nur denkbaren Intonationen, mit allen nur vorstellbaren Betonungen wieder und wieder sagt, zwei volle Minuten lang. Es kommt aber noch mehr drin vor, insgesamt dauert die Aktion satte vier Stunden.

Das Buch

Manfred Peckl: Salz auf die Wunder. Künstlerbuch. starfruit publications, Fürth 2022. 240 S., 25 Euro.

Und obwohl der Vortrag an Dringlichkeit kaum zu überbieten ist, gerät man in einen Sog, der auch als meditativ empfunden werden kann; in dem sich die Worte von ihrem Sinn lösen und neue Zusammenhänge bilden. Überforderung als Konzept.

Jetzt aber noch zu den Bildern, von denen nicht nur in diesem Buch zahlreiche abgebildet sind, man kann sie derzeit (bis 28. August) auch im Nürnberger Institut für moderne Kunst sehen in einer Ausstellung die den prachtvollen Titel „Jade für jede, Salz auf die Wunder, 1 2 3 Malerei, die Philosophie der Psychologie und noch“ trägt.

Auch hier geht es dem Künstler darum, Vorhandenes zu zerhäckseln und neu zu arrangieren. Das Material sind zu Streifen geschredderte Plakate aus dem öffentlichen Raum, all das, was sich uns täglich aufdrängt, sich anbiedert, uns Angebote und Vorschriften macht, ordnet der Künstler, der 1968 in Wels geboren wurde, seit vielen Jahren in Berlin lebt und einst an der Frankfurter Städelschule studiert hat, zu poetischen Bildwelten, die obwohl abstrakt, zugleich aussehen wie Landschaften: Himmel, Wasser und ein wilder Regen aus schierem Bunt.

Etwas, was darin immer wieder vorkommt, sind Flecken, die aussehen, als liefe eine sämige Flüssigkeit an etwas herab. Als sei hier etwas mit Eiern oder Farbbomben beschmissen und dadurch zugleich attackiert und veredelt worden.

Auch der Künstler selbst trägt bisweilen farbige Silikonlappen auf dem Kopf, die eine zäh fließende Masse simulieren. Manfred Peckl trägt es mit Fassung - und mit einem Stolz, der sich selbst zwar wichtig, aber nicht allzu ernst nimmt.

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