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Vor dem nächsten Wandel: Gymnasiastinnen in Tirana, Oktober 1990. Hinten eine Stalin-Statue.

„Heridas Duro“

Ein hemmungslos epischer Roman 

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Michael Roes’ Roman „Heridas Duro“ erzählt vom Wandel der Zeiten vor Jahrtausenden und Jahrzehnten.

Sie sind ein beeindruckendes Motiv für reisende Fotografen. Wer zum Beispiel Johan Spanners Aufnahmen „eingeschworener Jungfrauen“ aus Albanien auf dem Fotofestival Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg gesehen hat, wird sich daran erinnern, obwohl es zehn Jahre her sein muss. Alte Männer, die alte Frauen sind, und letzteres ist auch beim längeren Hinschauen nicht zu glauben: Die ein Leben lang zur Gewohnheit gewordene Haltung, der Blick, die Kleidung, das Haar. Jeder, jede ist allein.

Die „Virgjinesha“ ist ein Überrest der einst für ehern gehaltenen Gesetze, die Kanun genannt werden, auf einer penetranten Auslegung des Begriffs Ehre bestehen und sich hier aber von einer effizienten Seite zeigen. Für den Schwur, Jungfrau zu bleiben, haben die Frauen ein Leben mit den Pflichten und Rechten als Mann bekommen, ein Arrangement in einer patriarchalisch organisierten Gesellschaft, wenn ein Erbe fehlt. Frauen erben nicht. Frauen können auf diese Weise unter Umständen schützen, so spielt es Alice Munro in ihrer Kurzgeschichte „The Albanian Virgin“ durch, bei der es sich nicht um eine Albanerin handelt und dazu um eine Fiktion in der Fiktion. Man schweift leicht ab, wenn es um dieses Thema geht.

Auch wenn man sich im neuen, wieder sehr groß angelegten Roman von Michael Roes zunächst zurechtfinden muss, ist das Konzept der „Virgjinesha“ also nicht fremd, aber von unmittelbarem Interesse und für den Autor ein idealer Ausgangspunkt. Roes erzählt vom Wandel und von den Bruchstellen, an denen sich dieser den jeweiligen Zeitgenossen plötzlich zeigt, befreiend und zerstörerisch.

Roes erzählt das an Menschen entlang, wenngleich weitschweifig, allerdings nicht weitschweifiger als das Leben. Angelesenes und Gedachtes wird zu reiner Erzählung und dient zur Sichtbarmachung, als säße man mindestens im Kino. Roes’ zweites Leben als Filmemacher spielt ohnehin eine Rolle, aber ebenso blickt er auf Sitten und Gebräuche in prähistorischer Zeit und in den albanischen Bergen vor 80 Jahren und lässt uns Raum, selbst zu bemerken, wie nahe diese Welten sich gewesen sein könnten.

Michael Roes: Herida Duro. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2019. 578 Seiten, 28 Euro.

Denn auch in „Herida Duro“ verzichtet Roes nicht auf das mehrschichtige Verfahren praktisch aller seiner Romane. Diesmal: Einerseits Südosteuropa in den vierziger bis siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, andererseits dieselbe Gegend zur Zeit der Jäger, Sammler und letzten Mammuts. Selbst verzweifelnde Gegner dieses an sich arg mechanischen Zusammensteckverfahrens, das zuletzt den glänzenden Katte-und-Friedrich-Roman „Zeithain“ verumständlichte, werden sich darauf einlassen können. Intensiv genug erzählt sind beide Ebenen, geschickt werden Zusammenhänge hergestellt.

Die Titelheldin Herida Duro, deren Vater schon bei ihrer Geburt in einem einsamen albanischen Tal auf der Feier bestand, die nur Söhnen zusteht, findet sich in ihrer Rolle gut zurecht. Sie trägt ihren Männernamen und ihre Männerkleidung und fühlt sich daheim in einer Welt, „in der es nichts zu staunen gibt. Alles ist, wie es immer war, und bleibt, wie es ist. Staunen wäre ein Verrat an der göttlichen Ordnung“. Irritationen kommen nun von außen, in einer ebenfalls als Mann gekleideten, aber nicht als Jungfrau eingeschworenen Partisanin („Wie ist das möglich?“), in der Festnahme des Geistlichen. Der Kommunismus tritt brachial auf. Am Ende, denkt Herida, werde selbst Gott nicht mehr heilig sein – „man könnte vor Angst und Freude fast den Verstand verlieren“.

Herida aber wird von einem Außenseiter des Dorfes vergewaltigt. Der Täter taucht später wieder als schurkischer Geheimdienstmitarbeiter auf wie im schönsten Kolportageroman. Herida sucht vorerst ihr Glück in Tirana, wo sie in der Hölle eines Schlachthofs arbeitet und ihr Interesse für Kunst und Film entdeckt. Ihre zarte Karriere, umgeben von zahlreichen realexistierenden (googlebaren) Größen des jungen albanischen Kinos, führt zu einer Einladung zu den Filmfestspielen in Venedig.

Recht erfolgreich reüssiert Herida in der blühenden römischen Filmszene. Jedoch: Während sie in Tirana unter der zunehmend lähmenden Zensur gelitten hat, sieht sie sich in Italien mit dem Druck der katholischen Kirche und eines konservativen Establishments konfrontiert. Ihre Projekte, darunter ein Jesus-Film, führt zu Protesten und auch zum Versuch, sie als „abnormales sexuelles Zwischenwesen“ zu diskreditieren. In der fantastisch laberigen Würdigung eines smarten Kunsthistorikers wird sie indes kaum minder bizarr beschrieben als „junge Frau aus den albanischen Bergen, die auf einmal wie eine mythische Amazonenkönigin in der Hauptstadt erschien“.

Roes, virtuos im Aufgreifen unterschiedlicher Töne und Formen – letzteres zeigt sich etwa in den ausführlichen Szenenentwürfen zum Jesus-Film –, erweitert durch solche Einschübe die Perspektive. Herida, die lieber über ihre Arbeit als über sich nachdenkt, kann mit den Zuschreibungen und Projektionen nichts anfangen.

„Herida Duro“ ist auf dieser Ebene eine spannende fiktionale Autobiografie, vieles so dicht am Historischen entlang, dass man aus dem Nachschlagen nicht mehr herauskommt. Es ist aber auch ein Buch der Spiegelungen. Der Umbruch in Albanien, der sich allmählich dem Dorf nähert, findet kein Pendant, aber doch Parallelen im politisch nervösen Italien. Freiheit ist zweifellos Freiheit, aber auch aufreibend und meistens unvollständig.

So. Noch als „Virgjinesha“ kann sich Herida vor einem Waldbrand – ein unglaubliches Inferno, das Epische nimmt in „Herida Duro“ wirklich Fahrt auf – in eine Höhle retten. Sie findet, unkonzentriert und folgenlos, ein kleines Objekt, das hier die Jahrtausende überdauert hat. Das Buch aber macht nun einen Schwenk zu dem Moment, als das Auri-Mädchen Chawa in dieser Höhle zwei Jungen der Kinder Murias in die Hände fällt. Das müssen wir so hinnehmen. Sie nehmen Chawa mit. Die Kinder Murias sind den Auri technisch unterlegen, ihr Zusammenleben wirkt hingegen entspannter. Matriarchalische Spuren zeigen sich noch. Der soziale Druck, durch Natur und mythologische Konstrukte vorgegeben, ist in beiden Gruppen enorm – wie in Herida Duros Dorf, offensichtlich.

Chawa lebt sich wider Willen ein, bleibt aber doch „die andere“. Wie Herida Duro. Mit der vertraut schroffen Schnitttechnik stellt Roes das nebeneinander, streut Hinweise ein. Die Jagd der Kinder Murias und das Schlachten eines Tieres im Dorf hat viel mehr miteinander zu tun, als das entfremdete Grauen in der Schlachtfabrik von Tirana. Die Notwendigkeit, sich in der Natur zurechtzufinden, zeigt sich im beharrlichen Heilkräutersammeln, das Chawa beherrscht wie Herida, die noch in Tirana davon profitiert. Einem Tirana, das im Kommunismus alles vergessen soll, was war: Ein Ding der Unmöglichkeit, wie Roes über Hunderte von Seiten klarstellt.

Scheu und Freudlosigkeit halten die Menschen seit jeher klein und bei der Stange. Auri lachen selten. „In meinem Dorf“, erklärt Herida Duro, „hegt man eine große Achtung vor dem Unglück. Das Glück hingegen macht die Menschen misstrauisch ... .“ Herida und Chawa werden beurteilt und abgeurteilt. Das Patriarchat verfestigt sich über die Zeiten kolossal. Die Emanzipation der Frau und des Individuums (in Herida Duro untrennbar) wirken dadurch so spektakulär, wie sie sind.

Herida Duro ist eine auf ihr Leben und Überleben konzentrierte Ich-Erzählerin, auch dadurch führt Roes den Blick gezielt eng. Chawa und der Junge Tawo, eines der Kinder Murias, bekommen ebenfalls jeweils ihre Perspektive, Tawo jedoch erst später ein Ich. Chawa bringt es ihm bei. Tawo versteht nicht, was das soll. „Ich sieht sein Gesicht nicht“, denkt Tawo. Das kommt ihm zuerst dumm vor, dann nicht mehr.

„Herida Duro“ ist ein Schinken – Tawo: „Es macht uns nicht ärmer, verschwenderisch mit Worten umzugehen“ –, ein politischer Roman und eine unaufdringlich eindringliche Parallelaktion zu Themen des Tages. Dabei tritt Roes nie als Erklärer auf, immer als Erzähler, mit langem Atem und für einen langen Atem.

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