Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Günther Rühle 2010 im Kaisersaal, wo er den Kulturpreis erhielt. Copyright: Monika Müller Mueller
+
Günther Rühle 2010 im Kaisersaal, wo er den Kulturpreis erhielt. Copyright: Monika Müller Mueller

„Ein alter Mann wird älter“

„Man ist wie abgeschnitten von seinem Leben“

  • VonWilhelm v. Sternburg
    schließen

Günther Rühle „Ein alter Mann wird älter“: Notizen und Reflexionen des 97-jährigen Günther Rühle.

Man lebt mit Büchern zusammen und hat oft das Gefühl, ich weiß, was da drinnen steht, obwohl man vieles noch nicht einmal durchblätterte.“ Das schreibt der 97-jährige in seinem leer gewordenen Haus, kaum noch mächtig, bei der Niederschrift seiner inneren Monologe die Tasten des Computers zu erkennen, meist von wilden, schönen, verzweifelten Traumnächten heimgesucht. Die Bücherwände, die ihn seit Jahrzehnten umgeben, erzählen von den wundersamen geistigen Abenteuern, die sein Leben als Intellektueller, als Feuilletonist, als Theaterintendant und Buchautor ausgefüllt haben. War da nicht gerade erst der 95. Geburtstag, den er im Kreis der Freunde und Bewunderer feierte und bei dem das Leben sich ihm noch fast in seiner ganzen Fülle darbot? Sind nicht nur ein paar Monate vergangen, seit er dem Manuskript für den dritten Band seines Opus magnum, „Theater in Deutschland“, Seite für Seite neu hinzufügen konnte?

Und dann nach dem Zusammenbruch am 10. Oktober 2020 die Tagebuchnotiz: „Nun ist es aus. Vor acht Wochen ging Schreiben und Lesen gerade noch. Drei Untersuchungen, trockene Makula, Altersdegeneration. Man ist wie abgeschnitten von seinem Leben. Ich bin jetzt – ganz plötzlich ein anderer. Ohne Zweck und Sinn.“ Das Augenlicht verdämmert, der Körper wehrt sich gegen den unerbittlichen Verfall, der Geist blickt mit ungebrochener Neugier und scharfer Reflexion auf die letzten Weggabelungen des Lebens. „Die eigenen Gedanken ans Verenden beleben die Phantasie für das Sterben der Freunde.“

Der besessene Arbeiter

Günther Rühles Leben ist das Schreiben. Er erkennt und erklärt die Welt im Schreiben. „Mein Zweck muss das Schreiben, der Sinn dessen Inhalt gewesen sein.“ Ein Büchernarr ist er, ein besessener Arbeiter, der um fünf Uhr morgens an der Schreibmaschine saß, um dann in den folgenden Tagesstunden in der FAZ seine Kämpfe als Theaterkritiker und zeitweise als Feuilleton-Chef durchzufechten. Seine monumentale Theatergeschichte – die ersten beiden Bände erschienen 2007 und 2014 – ist längst ein Standardwerk. „Ich, der fröhliche Bub aus der Bäckerei Poths in Weilburg, bin im Theater gelandet, dort fixiert durch die Arbeit und die Meinung der anderen, Leser genannt.“

Das Buch:

Günther Rühle: Ein alter Mann wird älter. Ein merkwürdiges Tagebuch. Alexander Verlag, Berlin 2021. 230 S., Euro 22,90.

Als der dritte Theaterband nicht mehr vollendet werden kann, bleibt dem rastlosen Sucher und Erklärer das „merkwürdige Tagebuch“. „In diesem Tagebuch gebe ich zum ersten Mal was von mir preis. Ich formuliere zum ersten Mal was von innen drin, das ich selbst nicht kannte, vielleicht auch nicht wissen wollte. Ich habe mich immer nur erforscht in und durch Arbeit. Sie ist mir entzogen.“

Rühle hat in seinen ruhelosen Nächten, der Einsamkeit seines ihm bewussten Abschieds vom Leben keine Autobiographie geschrieben. „Ein alter Mann wird älter“ enthält spontane Einwürfe, wütende Schreie, knappe, flüchtige, liebevolle Erinnerung an das Weilburger Elternhaus, an die ersten Schritte in sein Journalistenleben, das ihn nach Frankfurt führte (auch für die FR schrieb er als junger Autor). Karl Korn und Erich Welter, die legendären, nicht unumstrittenen FAZ-Herausgeber, tauchen als Förderer und skeptische Begleiter seiner Theaterkritiken auf. Das Auftreten des schwierigen Kollegen Joachim Fest im Feuilleton der FAZ bleibt als konfliktgeladen in Erinnerung.

Die Fassbinder-Affäre

Selbstbewusst beschreibt er seinen Seitenwechsel: Der Journalist wird 1985 Intendant des Frankfurter Schauspiels. „Als Kritiker spürt man in sich den Widerstand, der überwunden werden will. Als Intendant: Hoffentlich geht’s gut.“ Der Medienkrieg um Einar Schleefs exzentrisch-geniale Inszenierungen in Rühles Intendantentagen spaltete damals die Frankfurter Stadtgesellschaft. Für den bundesweit diskutierten Streit um die Aufführung von Fassbinders „Die Stadt, der Müll und der Tod“ findet der damals im Zentrum des „Skandals“ stehenden Ex-Intendant abgeklärte Worte: „Er war heftig und belebend, sogar sozialpathologisch interessant.“

Das „merkwürdige Tagebuch“ ist auch ein Buch des Staunens. „Manchmal wird man doch erschüttert von dem Jammer, der in einem wohnt. Das Alleinsein erdrückt, man ist überschüttet von den Erinnerungen, die ausgebrochen sind aus dem Inneren Gefängnis, in das ich sie versteckt und verborgen habe, vor lauter Arbeitswut.“ Welch ein Glück ist dem Menschen geschenkt, der am Ende eines langen, schöpferischen Lebens immer noch das findet, was er seit seinen Jugendtagen gesucht hat: Erkenntnis.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare