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19. März, nach Sturzfluten in Papua, Indonesien.

„Fridays for Future“

Make the world Greta again

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„Fridays for Future“ übernimmt generationenübergreifend Verantwortung. Der Protestforscher Wolfgang Kraushaar begrüßt eine neue Apo.

Spätestens seit dem letzten Freitag ist klar, dass es die 16-jährige schwedische Schülerin Greta Thunberg geschafft hat, eine weltweite Bewegung für einen durchgreifenden Klimaschutz zu initiieren. An diesem Tag sind rund um den Erdball in über 120 Ländern mehr als zweitausend Kundgebungen und Protestaktionen durchgeführt worden. Die größten dürften wohl in Italien stattgefunden haben, wo sich mehr als eine Million an den Protesten beteiligten und davon wiederum allein in Mailand mehr als 100.000. In Deutschland sollen es 210 Veranstaltungen mit über 300.000 Beteiligten gewesen sein. Selbst im nördlichsten Bundesland Schleswig-Holstein sind in der Landeshauptstadt Kiel 5000, in Lübeck 2000, in Flensburg 1100 und in Eutin, Itzehoe, Rendsburg, Eckernförde, Bad Segeberg und der Nordseeinsel Juist jeweils Hunderte durch die Straßen gezogen.

Insgesamt erweckt die Bewegung „Fridays for Future“ ganz den Anschein, als könnte sie nun in Konkurrenz mit zwei anderen weltweiten Bewegungen der letzten beiden Jahrzehnte treten – der Anti-Globalisierungs- und der Occupy-Bewegung. Auch sie hatten längere Zeit, zuletzt in Reaktion auf die internationale Finanzkrise für großes Aufsehen gesorgt. Doch diesmal drückt die Jugend- wenn nicht gar Kindlichkeit der Teilnehmerscharen dem Ganzen einen ganz besonderen Stempel auf.

Alles zu „Fridays for Future“ finden Sie hier: So viele Schüler wie nie demonstrieren für Klimaschutz

Es sind in der Tat die 10- bis 16-Jährigen, die die Umzüge dominieren und unter ihnen wiederum vor allem die Mädchen, die in ihrer Lautstärke und ihrem Enthusiasmus besonders hervorstechen. Wer in Mailand etwa erlebt hat, welches rhetorische Feuerwerk die zierliche, als „Greta Italiana“ apostrophierte Miriam Martinelli zu zünden in der Lage ist, der hat einen lebhaften Eindruck von der Wucht dieser Empörungswelle bekommen, die insbesondere Schülerinnen ergriffen hat. In Deutschland lautet ihre zentrale Parole: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ Das sind unverkennbar Anzeichen eines aufbrechenden Generationenkonflikts. Die Vorwürfe an die Adresse der Älteren, dass sie zu bequem und unbeweglich seien, um einen anderen Umgang mit den Problemen in der Energie-, Verkehrs- und Umweltpolitik einzuleiten, sind gewiss nicht unbegründet.

Die rasante Ausbreitung dieser Bewegung ist überaus erstaunlich und wirft zwei zentrale Fragen auf: Wie konnte es eigentlich ohne eine erkennbare Unterstützung irgendwelcher Großorganisationen gelingen, derartige Manifestationen auf die Beine zu stellen und welche Perspektiven hat diese Bewegung überhaupt?

Zunächst einmal liegt der unbestreitbare Mobilisierungserfolg ganz gewiss an der ungewöhnlichen Initiatorin selbst. Als sich Greta am 20. August letzten Jahres, dem ersten Tag nach den Sommerferien, mit einem Pappschild bewaffnet vor den schwedischen Reichstag in Stockholm auf den Bürgersteig setzte, um für einen Schulstreik zum Klimaschutz aufzurufen, konnte niemand ahnen, dass sich dieser Impuls ausweiten würde – zunächst auf Schweden, dann auf Teile Europas und von dort aus auch auf alle anderen Erdteile. Dass das möglich war, hing mit der Schülerin selbst zusammen, die in einer ganz eigentümlichen, aber äußerst wirkungsvollen Mischung von einer scheinbar kindlich geprägten Naivität und argumentativer Intelligenz den Machteliten zu Leibe gerückt ist, um ihnen ein strukturelles und anhaltendes Versagen in Sachen Klimapolitik vorzuhalten. Gegen die nur 1,50 große und mit Strickmütze und ihren Zöpfen wie die sprichwörtliche Unschuld vom Lande wirkende Aktivistin schien und scheint jedenfalls bislang noch immer kein Kraut gewachsen gewesen zu sein.

Experten geben „Fridays for Future“ Rückendeckung

Wer sie etwa vor zwei Wochen als Rednerin auf dem Hamburger Rathausmarkt erlebt hat, der konnte sich allerdings auch einen Eindruck davon verschaffen, wie wenig Greta dem Bild einer Wortführerin oder gar einer Agitatorin entspricht. Ihr Charisma liegt ganz offenbar nicht in ihrer Rhetorik, jedenfalls in keiner sonst expressiv üblichen. Es sind ihre Unschuld, ihre Strenge sowie ihre Entschlossenheit, die auf viele Gleichaltrige faszinierend und nicht wenige Erwachsene entwaffnend gewirkt haben. Niemand, der sie genauer beobachtet hat, wird ihre Integrität und Vertrauenswürdigkeit ernsthaft in Zweifel ziehen wollen. Natürlich wäre ihr unglaubliches Echo nicht möglich gewesen ohne die Massenmedien und das Internet, ohne Fernsehen, Rundfunk und Presse und insbesondere die Social Media nicht. Aber all diese Mediatoren sind nur deshalb angesprungen, weil sie in ihr eine ungewöhnliche Figur zu erkennen glaubten, über die zu berichten es sich lohnen würde. Insofern ist es von Anfang an auch ein Spiel mit der Neugierde und der Aufmerksamkeitsökonomie gewesen.

Seit ihrem Aufstieg zur Protest-Ikone rätselt man in der Politik, wie man auf die von ihr losgetretene Bewegung „Fridays for Future“ reagieren soll: mit Umarmungs- oder mit Blockadeversuchen. Die Alternative, sie zu ignorieren und möglichst totzuschweigen, gibt es faktisch nicht mehr. Dafür ist sie mittlerweile viel zu prominent und allzu gegenwärtig. Wie hin- und hergerissen man dabei vorgehen kann, sich ihrer Ausstrahlung zu erwehren, hat kaum jemand anders besser demonstriert als Angela Merkel. Auf der Sicherheitskonferenz in München glaubte sie noch die Spekulation verbreiten zu können, dass hinter ihrer Bewegung wohl nur russische Geheimdienste stecken könnten, bevor sie bald darauf umschwenke und ausdrücklich ihr Verständnis für die Klimaproteste der Schülerschaft geäußert hat. Bislang scheint aber weder das eine noch das andere etwas genutzt zu haben. Die Bewegung ist allen Sanktionsandrohungen zum Trotz weiter angewachsen und auf diese Weise vorerst wohl auch nicht zu stoppen.

Eine wichtige Rolle beim Ausmaß der weltweiten Mobilisierung spielt auch, dass die verheerenden Auswirkungen der Klimakrise längst selbstevident geworden sind. Man muss kein Naturwissenschaftler sein, um in der Zunahme von Hitzemonaten und Wetterkapriolen sowie im Abschmelzen von Gletschern und insbesondere der Polkappen ein weltweites Gefährdungspotential zu erkennen. Es sind nur in ihrer Wahrnehmungsfähigkeit massiv gestörte Politiker wie US-Präsident Trump, die sich die Wirklichkeit ganz nach Gusto meinen zurechtschneiden und die Augen vor der sich abzeichnenden Klimakatastrophe und ihren dramatischen Folgen für Inselgruppen, Küstenregionen und ganze, besonders niedrig gelegene Länder wie Bangladesch etwa verschließen zu können.

Allerdings sollte bei den hiesigen Protesten auch ein spezifischer Punkt nicht unerwähnt bleiben. Das ist die begrenzte Regelverletzung, die mit dem Fernbleiben vom Schulunterricht verbunden ist. Von den Betreffenden ist der Stigmatisierungsversuch, es handelte sich um das, was im Pennälerdeutsch gemeinhin als „Schwänzen“ bezeichnet wird, nicht zu Unrecht zurückgewiesen worden. Diejenigen, die freitags demonstrieren gegangen sind, haben sich ja nicht davonstehlen, sondern ganz im Gegenteil in aller Öffentlichkeit Eltern- und Lehrerschaft wie die Erwachsenenwelt als solche möglichst lautstark darauf hinweisen wollen, dass sie dabei sind, angesichts der im Gang befindlichen Klimakatastrophe den Kopf in den Sand zu stecken, anstatt etwas dagegen zu unternehmen. Greta Thunberg selbst hat das mit den Worten auf den Punkt zu bringen versucht, was es eigentlich bringe, brav zur Schule zu gehen, wenn nicht klar sei, wofür der Unterricht überhaupt noch nutze.

Doch der Konflikt um die Schulpflicht, der hierzulande sogar eine Bildungsministerin auf den Plan gerufen hat, von der man seit ihrem Amtsantritt bis dahin kaum etwas gehört hatte, wird sich nicht auf die lange Bank schieben lassen. Insbesondere jene Lehrerinnen und Lehrer, die mit dem Anliegen ihrer Demonstrierenden sympathisieren, befinden sich in einem nur schwer lösbaren Zwiespalt. Letztlich wird ihnen wohl nichts anderes übrigbleiben, als die zu Unterrichtenden mit schärferen Sanktionen wieder in die Klassen zurückzuholen. Allein dieser Konflikt trübt aber die Aussichten auf eine positive Weiterentwicklung nicht unerheblich ein. Andererseits sind aber auch die Erwachsenen gefordert, die sich überlegen müssen, wie sie die Schülerinnen und Schüler mit ihren nur zu berechtigten Forderungen abholen sollen.

Keine Frage, diese Proteste sind überaus berechtigt und angesichts der politisch höchst unzureichenden Abwehrversuche der drohenden Klimakatastrophe auch entsprechend moralisch aufgeladen. Aber wie soll es nun mit ihnen weitergehen und vor allem: Wie können sie folgenreich werden? Die Ursachen für die Klimaerwärmung sind zu tief verankert und zu vielfältig, als dass sie durch möglichst massenhafte Veränderungen im Alltagsverhalten Einzelner behoben werden könnten. In dieser Hinsicht wird auch jede Protestbewegung, die auf eine Ausweitung ihrer Mobilisierungsfähigkeit und damit auf das damit verbundene Permanenzproblem zielt, rasch an ihre Grenzen stoßen. Und zu glauben, man könne im Frühling mal kurz die Welt retten, um sich dann wieder dem Schulunterricht und der Freizeit zuwenden zu können, wird natürlich nicht funktionieren.

Momentan bewegen sich die Proteste zweifelsohne noch im Bereich des Vorpolitischen. Darüber können auch noch so viele Konfrontationen mit und Akklamationen an politische Entscheidungsträger nicht hinwegtäuschen. Es kann nur symbolisch agiert werden. Wie sollte es bei Nicht-Erwachsenen auch anders sein. Den Teenagern bleibt ja gar nichts anderes übrig, als Fehlverhalten und Missstände anzuprangern und an Entscheidungsträger zu appellieren, endlich etwas zu unternehmen. Welche Hebel müssen aber in Gang gesetzt werden, um mehr als nur Symbolisches in Bewegung zu versetzen?

Es wäre erforderlich, heute schon mit der „Fridays for Future“-Protestbewegung zugleich auch über sie hinaus zu denken und zu fragen, wo es Bündnispartner in der Politik gibt und wie in Kooperation mit diesen gravierende Änderungen in der Klimapolitik eingeleitet werden könnten.

Das können – und in dieser Hinsicht hat Greta Thunberg auf ihren ersten Reisen ja bereits selbst an die entsprechenden Türen geklopft – supranationale Institutionen wie die UN oder die EU sein, aber auch einzelne Parlamente und Regierungen, vor allem aber wohl NGOs. Doch allein das Ausfindigmachen möglichst gewichtiger Bündnispartner wird nicht ausreichen. Sehr viel mehr dürfte es zunächst einmal darauf ankommen, die bislang artikulierten Forderungen durch eine möglichst geschickte Auswahl ihrer Adressaten auch entsprechend politisch zuzuspitzen. „Fridays for Future“ könnte etwa zu einer Großkundgebung vor dem Europaparlament in Straßburg, dem Stockholmer Reichstag, dem Reichstagsgebäude in Berlin, dem UN-Gebäude in Manhattan oder gar dem Weißen Haus in Washington aufrufen und dort die jeweiligen Repräsentanten vor Ort auffordern, Stellung zu beziehen.

Das symbolische Kapital, auf das die Aktivistinnen und Aktivisten bauen könnten, besteht in dem öffentlichen Druck, den sie bereits gemacht haben und weiter auszubauen in der Lage sind. Sie sind jung, sie sind viele und sie haben mit ihrem Anliegen völlig Recht. Und sie haben durch den von 23 000 Wissenschaftlern unterzeichneten und am letzten Freitag in Berlin vorgestellten Aufruf „Scientists for Future“ auch die nötige Rückendeckung von Experten für ihre Proteste.

Das ist ein enormes und bislang völlig unbeeinträchtigtes Potenzial an Legitimität, das in die Waagschale geworfen werden kann. Aber die Protestierenden sollten nicht die Fehler, die die Anti-Globalisierungs- und die Occupy-Bewegung gemacht haben, noch einmal wiederholen, indem sie entweder im vorpolitischen Rahmen einfach verharrt sind oder aber sich zu einem der G7-, G8- oder G20-Treffen haben herauslocken lassen, um dort kontraproduktive Straßenschlachten – wie zuletzt etwa die Bewegung der Gelbwesten in Paris – zu entfachen.

Der Autor ist Politikwissenschaftler an der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und hat zahlreiche Bücher zu außerparlamentarischen Oppositionen veröffentlicht, zuletzt eine vierbändige illustrierte Chronik der internationalen 68er Bewegung (Klett-Cotta, 2000 S., 199 Euro).

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