Friedrich Hottenroth: Tanz um den Freiheitsbaum, eine 1877 entstandene Illustration.

Sammelband

Die Mainzer Republik: Im Laboratorium des Politischen

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Sofort zwischen den ideologischen Fronten: Ein Band zu einer Tagung über die Mainzer Republik lässt dem seltsamen Gebilde von 1792/93 Gerechtigkeit widerfahren.

Es hat lange gedauert, bis Geschichtswissenschaft und eine politisch interessierte Öffentlichkeit sich fähig gezeigt haben, die Mainzer Republik von 1792/93 ohne ideologische Scheuklappen zu beurteilen. Was seine politischen Gründe hatte. Hinzu kam, dass dieses merkwürdige, schillernde und doch für die deutsche Demokratieentwicklung so wichtige Gebilde nur wenige Monate bestand. Eingegrenzt war es durch zwei militärische Ereignisse: Am 21. Oktober 1792 erlag Mainz nach dem Rückzug der antirepublikanischen Koalition vom Schlachtfeld vor dem Dorf Valmy den französischen Revolutionstruppen. Am 23. Juli 1793 wiederum übergaben die Franzosen Mainz an die österreichischen und preußischen Belagerer.

Dazwischen lagen viel Hoffnung, viel Idealismus und bald politischer Druck und Gewalt. Die Mainzer Republikaner – ihre aktivsten Mitglieder waren der Naturwissenschaftler und Weltreisende Georg Forster, der Arzt Georg Christian Wedekind, der Mathematikprofessor Mathias Metternich und der Gymnasiallehrer Georg Wilhelm Böhmer – gründeten einen Jakobinerclub, pflanzten den Freiheitsbaum und schlossen ihre Republik staatsrechtlich an das revolutionäre Frankreich an. Mehrheiten in der Mainzer Bevölkerung fanden die Revolutionäre in diesen Monaten allerdings zu keinem Zeitpunkt. Erstaunt registrierten die Jakobiner, dass die Prinzipien von Freiheit und Gleichheit auf immer mehr Ablehnung stießen. Bei der Wahl der Abgeordneten zum Pariser Konvent gaben von 4626 wahlberechtigten Mainzern ganze 372 ihre Stimme ab.

Die Ursache für diese Ablehnung lag nicht zuletzt im Verhalten der Franzosen. Sah es anfänglich noch so aus, als könnte die Entscheidung über die politische Zukunft der Stadt und des umliegenden Gebietes frei und ohne Einschränkungen erfolgen, forderte Paris schon bald als Bedingung für die Zulassung zu der Abstimmung einen Eid auf die französische Revolutionsverfassung. Das lehnten viel Mainzer ab. Die Mainzer Republik blieb so ein französischer Revolutionsexport. Dabei war sie für die Deutschen nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein früher Demokratieversuch. Franz Dumont, der beste Kenner der Ereignisse um die Mainzer Republik schreibt in seiner großen Studie: „Für das linke Rheinufer war sie die erste Etappe französischer Herrschaft im Zeitalter der Revolution und Napoleons, aber auch der Beginn des Übergangs vom Ancien Régime zur modernen Staats- und Gesellschaftsordnung.“

Die Bedeutung der Mainzer Republik wurde über viele Jahrzehnte hinweg jedoch vergessen oder geleugnet. Frankreich galt bald als Erbfeind, in den Weimarer Jahren blieb der Demokratiegedanke heiß umkämpft, und im deutsch-deutschen Kampf der Ideologien erhob die DDR in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg einen forschen Nachfolgeanspruch, der im Bonner Staat sofort eine Diffamierung oder zumindest ein Bagatellisieren der Mainzer Revolutionstage folgten.

Wie anders dies nach einer weiteren deutschen Revolution geworden ist, die 1990 zur friedlichen Wiedervereinigung führte, zeigte eine Veranstaltung zum 225. Jahrestag der Mainzer Republik, die im Herbst 2017 im rheinland-pfälzischen Landtag stattfand. Der nun vorliegende Tagungsband zeigt eindrucksvoll, wie es der Forschung endlich gelungen ist, die ideologischen Schranken von einst niederzureißen und klug zu konstatieren, „dass es sich bei der Mainzer Republik um ein Experiment handelt, das nicht an den Maßstäben eines modernen Demokratieverständnisses und etablierter und vielfach erprobter Verfahren gemessen werden kann“ (Wolfgang Dobras).

In sieben Einzelbeiträgen und in den abgedruckten Auszügen aus der Podiumsdiskussion untersuchen die Referenten verschiedene Aspekte dieser revolutionären Tage und ihre Folgen für weitere Entwicklungen in der deutschen Gesellschaft. Ein weiter Bogen wird gespannt. Er reicht von der Ereignisgeschichte bis zum wissenschaftlichen Diskurs, von der Wormser Freiheitsdebatte bis zur Festung Königstein, wo die inhaftierten Jakobiner in ihren Zellen auf das Urteil warteten, von den Kampfschriften und -liedern bis zu Fragen der Geschichtskultur.

Immer wieder hervorgehoben wird der experimentelle Charakter der kurzlebigen Republik, deren Akteure als „die ersten deutschen Demokraten anzusehen“ seien, „freilich mehr wegen ihrer Ideen als auf Grund ihres Handelns“ (Matthias Schnettger). Jürgen Goldstein urteilt nicht weniger treffend: „Als Resultat der Ambivalenz von dunkler Triebkraft und luzidem Aufklärungswillen ist die Mainzer Republik – diese republikanische Sternschnuppe am Nachthimmel der deutschen Geschichte – ein Laboratorium des Politischen gewesen, dessen sich mit Gewinn zu erinnern gilt.“

Bei ihrer Begrüßung zitierte die damalige Landtagsvizepräsidentin Barbara Schleicher-Rothmund einen Satz von Georg Forster aus diesen Tagen, der bis heute gilt: „Es ist besser frei zu sein, oder nennen wir’s nach Freiheit streben, als elend um Brot zu betteln bei einem Despoten.“ Auch die Mainzer Republik war für eine Sekunde der Geschichte der Versuch einer Minderheit, nicht als Bettler, sondern als Citoyens zu leben.

Das Buch

Hans Berkessel, Michael Matheus, Kai-Michael Sprenger (Hg.):Die Mainzer Republik und ihre Bedeutung für die parlamentarische Demokratie in Deutschland. Nünnerich- Asmus Verlag, Oppenheim am Rhein 2019. 227 Seiten, 29 Euro.

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