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Der Autor vor dem Haus und Hotel, in dem in seinem Roman alle Fäden phantastisch zusammenlaufen. 

Literatur & Leben

Magische Räume, die aus dem Boden schießen

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Eine Begegnung mit Artur Becker, der seit kurzem in einem Hotel im Frankfurter Ostend lebt und arbeitet. Womit der Autor in gewisser Weise in seinen eigenen „Lindley“-Roman eingezogen ist.

Schon Robert fragte sich: „Das soll ein Hotel sein?“ Sagte sich doch Robert, kaum stand er vor dem „Lindley“ in Frankfurts Lindleystraße: komisch. Wiewohl auf die Romanfigur Robert von draußen wie ein „Aquarium“ wirkend, so sind wir doch drinnen, Romanautor und Romanleser, verabredet an der Rezeption. „Bis gegen 20 Uhr, Ihr Art. B.“, hatte Artur Becker seine Mail unterschrieben.

Als Leser seines „Lindley“-Romans musste man auf das „Lindley“ gespannt sein. Denn warum sollte es dem Romanleser anders ergehen als der Romanfigur. So apart die Architektur, kaum dass Robert das Hotel in Frankfurts Ostend betreten hatte, erwischte er sich bei dem Gedanken: Romy Schneider.

Blond, die Haare zum Zopf gebunden, die Wangenknochen, das Lächeln, das Philtrum, diese Romy-Schneider-Nase: So managt sie im Roman die Rezeption. Nimmt Romy, wie schon den Gast beim Einchecken, so auch den Leser bei der Hand. Den Gast, eigentlich unglaublich, ganz kurz – den Leser aber, noch besser, immer wieder. Darüber gehen den Romanfiguren im „Lindley“, während gleich nebenan der Main auszudünsten beginnt, an drei brütend heißen Tagen vor drei Jahren, im August 2017, immer wieder die Dinge durcheinander, Realität und Traum nämlich. Nur Romy, wann immer sie Robert begegnet, und sie begegnet Robert mehrmalig, bleibt die Ruhe selbst. Ein Traum bereits das.

Romy schwebt durch Artur Beckers Hotel-Roman „Der unsterbliche Mr. Lindley“, 2018 erschienen im Verlag weissbooks.w.. Romys Realismus hat etwas Unwirkliches. Es hat also keinen Zweck, sich nach Romy umzuschauen. Romy hat heute Abend frei, lächelt Artur Becker, während wir bestellen, zwei Flaschen Bier, auf einer jeden ein Adler, rot auf weißem Grund, ausgerechnet, aber nicht der polnische. Vielmehr das Etikett für ein Helles aus dem Hessischen.

Seit drei Monaten lebt Artur Becker im „Lindley“, er führt in dem Haus eine Schriftstellerexistenz in Residence, seitdem er nach 35 Jahren Verden an der Aller den Rücken gekehrt hat, wohin er über Friedland, das „Auffanglager“, in die Bundesrepublik kam. Das war 1985, und der 16-Jährige ein Spätaussiedler aus Bartoszyce, aus Masuren, aus Polen. Zurück blieb diesmal, in der Bundesrepublik, auch eine Bibliothek, 3000 Bücher.

Zur Sache

Artur Becker wurde 1968 in Polen geboren. 1985 siedelte er mit seiner Familie in die Bundesrepublik über und lebte in Verden an der Aller, in der Nähe von Bremen. In den 90er Jahren veröffentlichte er seine ersten Bücher. Für sein Werk wurde er u.a. mit dem Adelbert-von Chamisso-Preis geehrt. Im Frühjahr des Jahres ließ er sich in einem von der Frankfurter Lindenberg-Gruppe geführten Hotel im Frankfurter Ostend nieder, dem Lindley. Ebenso wie andere Künstler lebt Becker hier als ein Autor in Residence. Der Roman entstand auf Anfrage des „Lindley“ - umso phantastischer, wenn man ihn liest: Der unsterbliche Mr. Lindley. Ein Hotelroman. Frankfurt 2017, weissbooks.w Verlag. 320 S., 24 Euro.

Erste Lyrikbände veröffentlichte Artur Becker Ende der 1990er Jahre in Kleinverlagen. Seitdem hat er Romane, auch Erzählungen, weiterhin Gedichte publiziert, sein Band „Kosmopolen“, 2016, versammelte zahlreiche Texte aus der FR und führt dem Leser einen ebenso gebildeten Grenzgänger zwischen Ost und West vor wie einen politischen Kopf. Deutschland – Polen: ein zutiefst belastetes Verhältnis, nicht zuletzt Thema in seinem letzten Roman „Drang nach Osten“.

Herr Thomas, sagt Artur Becker: Das klingt unglaublich, aber wissen Sie, was mir in den letzten Tagen passiert ist? Es haben sich Nachfahren William Lindleys bei mir gemeldet.

Herr Becker, die unsterbliche Familie Lindley! Ja, sie haben in der Familie meinen Roman gelesen, und jetzt wollen sie den Autor kennenlernen. Artur Becker lächelt, ohne zu sagen: mich!

Der Wasserbauingenieur Lindley, William Lindley, war für die Stadtentwicklung nicht nur in Frankfurt ein Segen, er, im 19. Jahrhundert, und seine Nachfahren schufen die Basis, auf der von Basel über Hamburg, Lodz, Prag bis nach Baku moderne Kanalisationen entstanden. In Warschau, während des Aufstands gegen die Nazis, spielte Lindleys unterirdische Infrastruktur eine Rolle. Abgesehen von diesem Untergrundaspekt, die Lindley’schen Filter funktionieren heute noch.

Technische Zeichnungen an den Wänden des „Lindley“ illustrieren die Leistungen von Unterweltarchitekturen – und so zeigt es auch die Dauerstellung, eine reale im Hotel, so dass Becker daraus einen weiteren Erzählstrang entwickelt konnte, den über die Ausstellung einer Künstlerin aus Venedig, Larissa, einer Jüdin und Russin. Sie verdreht dem Sexualforscher Robert dermaßen den Kopf, dass sie eine ganze Nacht im brütend heißen Frankfurt nicht zur Ruhe kommen, die zwei, zusammen in einem Bett des „Lindley“.

Herr Becker, ist das das Bett? Das wäre natürlich eine indiskrete Frage, bei einem Rundgang durchs „Lindley“ völlig fehl am Platze. Und doch, das muss auch gesagt sein, ist das „Lindley“ wahrhaftig ein Ort der Phantasie. Sind doch hinter seinen Wänden nicht nur rund einhundert Zimmer untergebracht, Bar und Restaurant, die üblichen Gemeinschaftsräume, ein Fitnessraum, sondern auch ein Kino oder Probenraum für den sich auf seiner Gitarre verausgabenden Jack.

Zur Straße hin, äußerlich ein Aquarium, als wäre es transparent, ist das „Lindley“ in Wahrheit eine „Wunderkiste“, wie Larissa meint, von der einige Details der Fassade des „Lindley“ stammen, eine gusseiserne Installation, eine Komposition nach Art von Gullydeckeln, mit Mustern aus Rosetten, Kreisen, Sternen, Dreiecken. Hinter dieser Fassade auch ein Kräuterraum, in dem ein einzelner Baum die „masurischen Wälder würdig repräsentiert“ – eine weitere beträchtliche Fiktion. Pilzsalon ist nur ein anderer Name für diesen Ort, in dem Birkenpilze wachsen, die für verrückte Wirkungen sorgen, halluzinogene. Der Pilzsalon, so könnte man sagen, entwickelt sich wie von selbst in einen anderen Aggregatzustand, nämlich zu einer Raumkapsel durch Raum und Zeit.

Das von William Lindley errichtete Klärwerk in Frankfurt-Niederrad zählt zu den Attraktionen der Industriekultur in Hessen.

Und so entwickelt sich denn das „Lindley“ zu einer Abschussrampe für manchen Trip, von dem nicht immer klar ist, ob nun der Drogentrip die Hölle ist oder aber die angereiste Familie. Denn stünde sonst Henryk, der Vater, vom Sohn eigenhändig im Pilzsalon aufgebahrt, wieder auf von den Toten? Ein Scheintod, wie sich herausstellt. Der Alte ist nicht der einzige Wiedergänger in einem Roman, durch dessen Handlung auch ein Frank-Zappa-Klon oder ein Rolf Dieter Brinkmann geistert, eben er, der 1975 verstorbene Lyriker.

Viele phantastische Elemente – liegt wohl an Frankfurt, an einer Stadt, von der es bald schon heißt, sie sei „unberechenbar“. Sie zeigt sich als eine Stadt der Gegensätze, mit Gegenden wie etwa am Palmengarten, „in der Hunde wegen der zahlreichen Auslandreisen ihrer Herrchen eigene Reisepässe und Kreditkarten besaßen“. Der Autor versteht es, ganz langsam aufzudrehen, darunter nicht wenige urkomische Szenen, einige überdrehte, eine große intime mit retardierenden Momenten.

Zudem ist Becker viel zu sehr Realist, um, nicht zuletzt, einen bösen Blick zu haben, erst recht auf das nicht so sehr lebendige als vielmehr automatisierte Treiben in Frankfurts Bahnhofsviertel. Der Autor hat den durchdringenden Blick, er hat einen, der hineinleuchtet ins Dunkel der Geschichte. So hat er auch einem vom Schrecken geweiteten Blick. Durch eine versteckte Tür im Kräuterraum des „Lindley“, nach dem Verzehr von Pilzen, Magic Mushrooms, gelangt Robert durch einen magischen Raum unter Frankfurts Brücke aus Mittelalterzeiten, in das Fischergewölbe der Alten Brücke:

„,Herr Hiroshima, warum können Sie sich mir nicht zeigen?‘, fragte Robert und suchte, im Dunklen tappend, die Tür.

,Sind Sie verrückt? Wollen Sie zu einem Schatten an einer Mauer werden? Zur Salzsäule? Wenn ich mich vor Ihnen entblößte und Ihnen mein wahres Antlitz offenbarte, wären Sie auf der Stelle tot. Ich bin doch der berühmte Atompilz von Hiroshima (…). Seien Sie froh, Herr Professor Brikschinski, dass ich ein zurückgezogenes Leben führe und mich hier in den dunklen Katakomben der Frankfurter Kanalisation verstecke. Ich weiß gar nicht mehr, wie sich Tageslicht für die Augen anfühlt. Ich habe es vergessen.‘“

Herr Becker, ich muss Sie das fragen. Haben Sie schon einmal an eine Verfilmung Ihres Romans gedacht?

Herr Thomas, da sagen Sie was!

Wir, Romanautor und Romanleser, sitzen auf der Terrasse des „Lindley“, schauen auf Häuser, allesamt nicht älter als acht, zehn Jahre, satinierte Glasfassaden, helle Putzfassaden, gelbbraune Ziegelfassaden. Ein „kultiges Viertel“, heißt es im Roman. Noch nicht lange her, so Becker, da hausten hier die Ratten, wie ihm ein Frankfurter Freund erzählt habe, als sie ebenfalls saßen zwischen Hotels, Autohäusern, Einrichtungshäusern, Showrooms, Fitnessstudios, in einer richtig nagelneuen Gegend, die mal ein Gewerbegebiet war. Daher Schuppen und Lagerhallen heute noch. Vor rund fünfzehn Jahren war es, da kam das Wort von einem „Entwicklungskorridor“ auf.

Ein Baustein darin: das „Lindley“, im Roman Treffpunkt für eine Familienfeier, Vater, Mutter, zwei Söhne, aus Polen stammend, die Eltern seit langem in Kanada lebend, von dort anreisend, der Alte mittlerweile unverhohlen ein übler Extremist, überzeugter Anhänger krasser Ressentiments. Diese politische Dimension, der Widerspruch des Romans gegen den grassierenden Rechtspopulismus, ließe sich ebenso vertiefen wie die Figurenkonstellation. Allein über den skurrilen Jack ließe sich einiges mehr erzählen als nur zu sagen, dass der jüngere Bruder, der ein großer Gitarrist werden wollte, an London gescheitert ist. Denn in London gibt es zu viele große Gitarristen.

Ob Artur Becker deswegen noch zum Barbesuch aufgefordert hat? Spielt doch hier tatsächlich einer der Jazz-Gitarren-Giganten der 50er und 60er Jahre. Während wir eine Sitzgelegenheit suchen, ist Grant Green zu hören, „Idle Moments“, fügt sich gut. Kunst kommt nicht von Kontingenz, aber sie steht dem Zufall sehr offen gegenüber, erst recht den dummen Zufällen. Auch den Figuren stoßen immer wieder die dollsten Dinge zu in einem Roman der Spiegelungen, von Unterwelt und Oberwelt, Bahnhofsviertel und Bankenviertel – und welche ist jetzt die zwielichtige Unterwelt? Hart aneinanderstoßende Welten. Auch zwei Brüder, nein, nicht Kain und Abel, aber doch zwei ungleiche Brüder treten auf – und gegeneinander an. So ungestüm jeder auf seine Art, so ist der eine, Jack, vom Rheuma frühzeitig gebeugt, der andere, Robert, vom Alkohol, frühzeitig gebeutelt. Ein verwirrendes Geschöpf, abgesehen von Romy Schneider, ist Larissa, äußerst attraktiv – äußerlich ausgerechnet durch ihre Tätowierungen.

Artur Becker steckt tief in einer Umbruchphase, auch auf der Suche nach einem neuen Verlag. Zur Seite steht ihm immerhin sein alter Verleger, Rainer Weiss, seit Jahren ein Vertrauter, wie Becker betont. „Wo ist Ihr Zuhause“, wird die nicht nur in einem Land aufgewachsene Larissa gefragt. „Dort, wo mein Herz ist. Also immer bei mir“, lautet die Antwort der Künstlerin. Da sei eine sehr polnische Antwort, meint der aus Polen stammende Robert, auf den Larissa wie ein „Dauergast“ im Lindley wirkt.

Auch an der Bar des „Lindley“ spricht Becker fast warmherzig über das Hotel, nie wie über eine bloß behelfsmäßige Bleibe. In der Bar, Zufall oder nicht, weiterhin „Idle Moments“. Joe Henderson lässt auf seinem Saxophon Wehmut vibrieren. In der Bar zusammengestellt zahlreiche, sehr unterschiedliche Möbel. Überhaupt ist das „Lindley“ nicht nur apart, sondern auch disparat möbliert. Art Nouveau und Art Déco - auf jeden Fall! Ganz unterschiedlich kann man sich niederlassen, sitzend, liegend, als Fragenzeichen oder als Ausrufezeichen, fläzend oder starr verharrend. Der da drüben hat bestimmt Rücken. Und das ist jetzt Bobby Hutcherson, der auf seinem Vibraphon klöppelt, nein, er wischt. In der Nische unter der Wendeltreppe kichern zwei junge Frauen, nein, sie knutschen. Grant Green setzt sein perlendes Solo fort, ja, grandios.

Peter Handke, hatte Artur Becker schon einige Stunden zuvor gesagt, hätte in Stockholm, bei der Nobelpreisverleihung, die Chance gehabt, um seine abscheuliche Parteinahme für die serbischen Schlächter zu bereuen. In Stockholm kein Widerruf, kein Wort der Scham. Ein moralischer Bankrott, endgültig. Der Verrat der Intellektuellen hat Artur Becker immer schon beschäftigt – nachzulesen in seinem Band „Kosmopolen“, unter Berufung auf so antitotalitäre Linke wie Albert Camus, Czeslaw Milosz oder Ignazio Silone.

Jetzt sitzt er am Tresen. Wer? Schauen Sie, der Typ. Und tatsächlich, nicht nur die langen Haare, der Oberlippenbart, auch die Brille, das kurze Pony, die Hände. Keine Einbildung, der Autor als junger Mann. Feingliedrige Hände fahren wie in Zeitlupe durch eine Peter-Handke-Frisur. Keine Fiktion, auch nicht, wie zwei Fingerkuppen flach die Nase reiben, die reine Sensibilität. Kaum zu glauben, wenn man den Peter-Handke-Doppelgänger nicht so sähe in der Hotelbar des „Lindley“, wie bestellt. Im Roman ist das „Lindley“ ein ungemein fideler Kleinkosmos, am Abend mit dem Autor eine wahrhaftig vitale Hotelwelt.

Er sei, hat Artur Becker irgendwann in den vergangenen Wochen gesagt, in seinen Roman sozusagen eingezogen. Zur Romanwelt ebenso wie zur realen gehört auch ein Blick auf den Main, kein Panoramablick, das nicht, aber einen Ausschnitt kann man doch ausmachen. Gut so, denn in Beckers Roman ist der Fluss durch Frankfurt ein Schauplatz der Synergien. In dem Roman über den Kanalisationskünstler Lindley scheinen die Wasser so etwas wie eine Kläranlage der Wahrnehmung. „Der Main roch schon nach Gin Tonic, Pina Colada und nach meersalziger, verschwitzter Bikinihaut junger Göttinnen.“

Natürlich könnte man umgehend sagen, der Autor Artur Becker übertreibt. Das sollte aber kein Hindernis sein für eine Verfilmung, im Gegenteil: Ein riechender Fluss dürfte eine Herausforderung sein für einen Filmemacher. Erst recht ein riechender Fluss, der schmecken und (sich) sehen lässt für einen tollkühnen Regisseur, der es mit den magischen Momenten dieses realistischen Romans aufnimmt.

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