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Maggie Shipstead „Kreiseziehen“: Raus aus diesem Leben, egal wie

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Von: Petra Pluwatsch

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Maggie Shipstead als Booker-Prize-Nominierte 2021.
Maggie Shipstead als Booker-Prize-Nominierte 2021. © Imago

Die US-amerikanische Autorin Maggie Shipstead entwirft in ihrem packenden Roman „Kreiseziehen“ zwei Biografien von Frauen, die unbedingt ihre Freiheit wollen.

Das letzte Zeugnis ihres Abenteuers ist ein Logbuch, jahrelang verborgen im Eis der Antarktis, bis es durch Zufall in einer aufgegebenen Forschungsstation entdeckt wird. „Ich war zum Wandern geboren“, schreibt Marian Graves darin. „Ich war für die Erde geformt wie ein Meeresvogel für die Welle. Manche Vögel fliegen, bis sie sterben.“

Von der US-amerikanischen Pilotin selbst, die sich am 31.Dezember 1949 aufgemacht hat, die Erde in der Längsachse zu umrunden, fehlt jede Spur. Seit ihrem Verschwinden im März 1950 ranken sich vielerlei Gerüchte um die Flugpionierin aus Montana. Ist ihr kurz vor dem Ziel das Benzin ausgegangen? Hat ihr Navigator Eddie Bloom die Route falsch berechnet? Wurde ihr ein Schneesturm zum Verhängnis? Oder ist das alles Unsinn und Marian Graves hat den Flug damals überlebt?

Fragen, die sich mehr als ein halbes Jahrhundert später auch Hadley Baxter stellt. Die Hollywoodschauspielerin soll die Hauptrolle in einer Verfilmung von Marian Graves’ Leben spielen. Deren Name ist ihr von Kindheit an vertraut. Hadley hat ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz verloren, und Marians Buch war ihr ein Trost in einsamen Stunden. „Ich studierte es wie ein Astrologe eine Sternenkarte, weil ich hoffte, dass Marians Leben irgendwie mein eigenes erklären und mir sagen würde, was ich tun und wie ich sein sollte.“ Auch sonst gibt es einige Parallelen – zwei Frauen, die ihren Weg suchen in einer von Männern bestimmten Welt.

Maggie Shipstead hat die beiden Lebensgeschichten zu einem wunderbaren Roman zusammengeführt hat, dessen Schwerpunkt auf der Biografie der fiktiven Pilotin liegt. „Kreiseziehen“, das im vergangenen Jahr auf der Shortlist für den Booker Prize und in diesem auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction stand, ist das dritte Buch der US-Autorin, ein knapp 900 Seiten starkes, aus wechselnden Perspektiven erzähltes Werk, so bunt und üppig wie ein Blumengarten. Maggie Shipsteads Fabulierlust entführt uns nach Montana, nach Hollywood, in die Eiswüsten der Antarktis, nach Alaska, Hawaii und nach Großbritannien, wo Marian während des Zweiten Weltkriegs für die britische Air Transport Auxiliary Kampflugzeuge fliegt. Ein Parforceritt also durch mehrere Kontinente.

Das Buch:

;Maggie Shipstead: Kreiseziehen. Roman. A. d. Engl. v. Harriet Fricke, Susanna Goga-Klinkenberg, Sylvia Spatz, dtv 2022. 862 S., 28 Euro.

Zwei Verlorene finden sich

Marian wächst zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Jamie bei einem trinkfreudigen Onkel in einem abgelegenen Dorf in Montana auf. Ihre psychisch angeschlagene Mutter ist bei einem Schiffsunglück zu Tode gekommen, der Vater, ein Kapitän, hat einige Jahre im Gefängnis gesessen und verschwindet nach seiner Entlassung ohne Abschied ins Nirgendwo der amerikanischen Westküste. Marians einziger Vertrauter ist der junge Caleb, ein Verlorener wie sie selber, der ihr ein Leben lang treu bleiben wird.

Maggie Shipstead schildert ein Kinderleben in den 1920er Jahren, das geprägt ist von Armut, Einsamkeit und dem unbändigen Willen herauszukommen aus dem Elend. Marian wirft mit 14 Jahren die Schule hin und schmuggelt Alkohol von Kanada in die USA. Ihr Leben wendet sich, als sie einen Kunstpiloten und dessen Frau kennenlernt. Jetzt will sie nur noch eines: fliegen. So weit und so hoch wie möglich. Obwohl niemand bereit ist, einem 15-jährigen Mädchen Flugstunden zu geben.

Eindrücklich schildert die Autorin den Kampf der jungen Frau um die Erfüllung ihrer Träume – selbst wenn sie dafür einen Mann heiraten muss, von dem sie besser die Finger gelassen hätte. „Ich wusste, dass man den Horizont nie einholen kann, und habe ihn dennoch gejagt“, lautet eine ihrer letzten Eintragungen ins Logbuch. „Was ich getan habe, ist töricht, aber mir blieb keine Wahl.“ Und auch Hadley Baxter wächst nach dem Tod der Eltern bei einem Onkel auf. Mitch Baxter, ein drogenaffiner Regisseur von TV-Schmonzetten, lebt in Hollywood und macht aus der Nichte einen Kinderstar. „Nachdem er mich ein paar Monate hatte, forderte er einen Gefallen ein, um mich in einer Apfelmus-Werbung unterzubringen.“ 20 Jahre später ist Hadley der Star einer Fantasy-Serie – und fühlt sich so hohl wie ein Kürbis an Halloween. Vorsätzlich ruiniert sie ihr Image und fliegt wegen eines öffentlich gewordenen One-Night-Stands aus der Produktion.

Wie es weitergehen soll, weiß sie nicht. „Ich wollte verschwinden wie Marian; ich wollte berühmter denn je sein; ich wollte etwas Wichtiges über Mut und Freiheit sagen; ich wollte mutig und frei sein, wusste aber nicht, was das bedeutet – ich konnte nur so tun, als ob ich es wüsste, und genau das macht Schauspielerei wohl aus.“ Beide Frauen versuchen, sich freizumachen von den Erwartungen anderer und herauszufinden, wo die eigenen Stärken liegen. Maggie Shipstead ist mit „Kreiseziehen“ ein großartiges Erzählwerk über den Mut und die Kraft von Frauen gelungen – und wartet mit einem Ende auf, das so überraschend wie folgerichtig ist.

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