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Maggie Nelson: „Freiheit“ in Kunst, Sex, Drogen und Klimawandel

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Von: Michael C. Braun

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Die US-amerikanische Autorin Maggie Nelson. Foto: Harry Dodge
Die US-amerikanische Autorin Maggie Nelson. © Harry Dodge

Kühn und angreifbar: Die US-amerikanische Essayistin Maggie Nelson veröffentlicht vier Essays unter dem Titel: „On Freedom: Four Songs of Care and Constraint“.

Frankfurt - Es gehörte lange zu den selbstverständlichen Prämissen moderner Kunst, dass sie auf ihrem ureigenen Terrain eine schrankenlose Freiheit für sich in Anspruch nehmen kann. In den vergangenen Jahren ist nun diese „künstlerische Freiheit“ häufiger angefochten worden – und zwar nicht von konservativer Seite, mit den üblichen Hinweisen auf Verletzungen religiöser oder politischer Tabus, sondern von emanzipatorischen Bewegungen, die in einigen Inszenierungen prominenter Künstler eklatante Fälle von Rassismus oder subkutanem Kolonialismus erkennen wollten. Die „Freiheit“ auf dem Gebiet der Kunst – sie ist nicht mehr unter der individualistischen Perspektive eines schöpferischen „Ich“ zu betrachten, sondern muss ihre Legitimität im sozialen Kontext eines „Wir“ beweisen.

Diese These steht am Ausgangspunkt vier fulminanter Essays, die die US-amerikanische Schriftstellerin Maggie Nelson 2021 unter dem Titel „On Freedom: Four Songs of Care and Constraint“ in den USA publizierte und die nun in deutscher Übersetzung vorliegen. Seit einiger Zeit gilt Nelson, Jahrgang 1973, als eine der profiliertesten Essayistinnen ihres Landes, manche vergleichen sie schon mit dem einstigen intellektuellen Superstar Susan Sontag. 2017 wurde sie auch dem deutschen Publikum bekannt mit ihrem autofiktionalen Text „Die Argonauten“, der mittlerweile schon als ein Klassiker queeren Schreibens gilt. Darin geht es um Nelsons Zusammenleben mit dem Künstler Harry Dodge, ihrem Partner mit fluider Geschlechtsidentität.

Maggie Nelson: „On Freedom: Four Songs of Care and Constraint“

In „Freiheit“ räumt die Essayistin nun auf mit vorschnellen Gewissheiten rund um den strapazierten Begriff „Freiheit“. Auf vier völlig unterschiedlichen Feldern – Kunst, Sex, Drogen und Klimawandel – werden die Ambivalenzen von Freiheits-Idealen bloßgelegt.

Das Buch

Maggie Nelson: Freiheit. Vier Variationen über Zuwendung und Zwang. A. d. Eng. v. Cornelius Reiber. Hanser Berlin, 2022. 400 S., 26 Euro.

Bereits im ersten Essay macht Nelson klar, dass das traditionelle Konzept der Freiheit in den USA stets verbunden war mit der Anmaßung „weißer Vorherrschaft“ gegenüber den Ansprüchen einer Schwarzen Kultur und gegenüber anderen kulturellen Minoritäten. Daher plädiert Nelson nun für eine Ästhetik von Care and Repair, für „Zuwendung“ und „Wiedergutmachung“. Die Kategorie Care zielt dabei auf einen Begriff von Kunst, der sich durch „fortwährende Selbstreflexion und Rücksicht auf andere“ auszeichnet.

Maggie Nelson zitiert klassisch feministische und queer-feministische Thesen

Maggie Nelson zeigt das am Beispiel der erhitzten Debatte um die Skulptur „Scaffold“ von Sam Durant, bei der die Kunst in Konflikt geriet mit dem Selbstverständnis einer gesellschaftlichen Minderheit. 2017 kombinierte der Künstler sieben historische Galgen miteinander, darunter eine Nachbildung des Galgens, an dem 1862 achtunddreißig Angehörige des indigenen Volkes der Dakota gehängt wurden. Nach massivem Protest der betroffenen Dakota wurde damals die Skulptur aus dem Museumsgarten von Minneapolis entfernt und zerstört.

Noch dissidentischer als im Kapitel über Kunst präsentiert sich Nelson in ihrer „Ballade des sexuellen Optimismus“. Hier zitiert sie allerlei klassisch-feministische und queer-feministische Thesen zur sexuellen Freiheit, um mit der naiven Vorstellung aufzuräumen, dass eine erfüllte Sexualität frei sei von Machtverhältnissen: „Macht ist für manche Leute ein integraler Bestandteil ihrer Sexualität.“

Maggie Nelson macht sich angreifbar, bleibt aber kühn

Jede Form der Befreiung, so Nelson, auch die sexuelle, eröffne automatisch ein Feld für Machtbeziehungen, die einer Korrektur bedürfen. Wie das geschehen kann, lässt Nelson allerdings offen. Der Lust zur Transgression, zur Überschreitung aller normativen Grenzen, wird Legitimität zugesprochen – aber die Freiheit steht, wie auch beim Drogenkonsum, auf schwankendem Grund. In ihren Betrachtungen zu drogengestützten Rauschzuständen und erkenntnisträchtigen Formen der Drogenliteratur stellt sie am Beispiel besonders extremistischer „Suchtmemoirs“ dar, wie der „Wunsch, high zu sein“, aus einem großen Freiheitsverlangen hervorgeht: dem Wunsch, zumindest für kurze Zeit entlastet zu sein von der Last des Handlungszwangs, der Subjektivität, der Autonomie.

Kühn und angreifbar argumentiert die Protagonistin einer aktivistischen „Queerness“ auch im Essay über den Klimawandel, dessen Unabwendbarkeit nur noch „einen letzten Akt der Freiheit“ zulasse: nämlich „intensiv zu leben“ im Bewusstsein, dass der Planet verloren ist. Maggie Nelson ist aber zu sehr Hedonistin, um sich mit der Aussicht auf den Kollaps der Biosphäre abzufinden. Am Ende steht ein trotziges Bekenntnis zur Lebenslust: „Aber eine Freiheit, die in erster Linie ein Todestrieb ist, will ich nicht; das alles kommt noch früh genug. Bis dahin will ich dabei sein, ganz dabei: mit ganzem Herzen, ohne Ausweg.“ (Michael C. Braun)

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