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Nachruhm: Ludwig auf einer Postkarte, 1910.

Ludwig II.

Märchenhafte Parallelweltkarriere

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Schon wieder ein Ludwigsjahr: Vor 150 Jahren kam der Wittelsbacher mit 18 Jahren auf den Thron. Neue Bücher erzählen, wie er seine Alleinherrschaft auf die von ihm errichteten Traumwelten konzentrierte.

Schon wieder ein Ludwigsjahr: Vor 150 Jahren kam der Wittelsbacher mit 18 Jahren auf den Thron. Neue Bücher erzählen, wie er seine Alleinherrschaft auf die von ihm errichteten Traumwelten konzentrierte.

Bereits der Regierungsantritt im März 1864, wegen des plötzlichen Todes des Vaters einer von heute auf morgen, rief Beileid hervor. Der Großvater, Ludwig I., sah sich den Jungen an und bedauerte: „Armer Ludwig auch. Dessen Jugend hin ist, mit 18 Jahren schon auf den Thron kommt.“ So zitierte vor zwei Jahren Hermann Rumschöttel den Vorvorgänger Ludwigs II. auf dem Thron der Wittelsbacher, und das geschah auch deswegen, weil 2011 „Ludwigsjahr“ war, was sich mit vielerlei begründen ließ: Es erregte den König Richard Wagner, er war schreibselig, er war architekturselig. Als Regent, nun ja, war er saumselig.

Man könnte wohl noch so fortfahren, denn dass Ludwig beseelt war von seinen Träumen, selten nur gesegnet mit Realitätssinn, kann der Leser auch den Büchern von Christine Tauber und Oliver Hilmes entnehmen, zwei neuen Biografien, die darin übereinstimmen, dass Ludwig ausgestattet war mit einem Größenwahn, dass sich der bayerische Monarch die Ausstattung dieses Wahns Unsummen kosten ließ, die seine nähere Umgebung, die Berater, das Kabinett, in Ratlosigkeit oder gar Verzweiflung stürzten und schließlich eine böse Intrige gegen den Herrscher spinnen ließen. Es ging, weil es sich nicht mehr um die Königsschatulle, sondern die öffentlichen Kassen handelte, einer Koalition aus Politikern und Ärzten um so etwas wie eine Kostendämpfungsmaßnahme. Dabei wurde der König, bevor es zur Tragödie kam, seinem Tod im Starnberger See, zuvor noch zum Opfer einer „veritablen Operette“, wie Hilmes schreibt (zweifellos war auch die an feudale Voraussetzungen gebunden: erlauchte Exzesse, herrschaftliche Machenschaften).

22 Jahre zuvor, vom Tag des Regierungsantritts an, regierte Ludwig, so nicht nur Hilmes, an den Erfordernissen immer wieder pompös vorbei. Der König machte eine märchenhafte Parallelweltkarriere. Gewissenhafte Naturen (und nicht nur Streber und Pedanten) hat das entsetzt. Leichtfußnaturen fanden das ruhmvoll, Zeitgenossen, die sich genialische Züge attestieren, haben das geradezu biberhaft verteidigt: eben Ludwigs Weltferne, die die eigene Existenz zum Kunstwerk promovierte, die das Monarchentum zum „poetischen Gegenentwurf des Jetzt“ (Hilmes) erkor. Schnöde Realität, das war für ihn Bayern, und es beschränkte sich nicht nur auf dieses Land und seine Leute. Die strafte er nicht nur mit Verachtung.

Ludwig war bereits zu Lebzeiten eine umstrittene Figur des öffentlichen Lebens und Räsonnements, die Zeitungen huldigten ihm nicht nur, sie kommentierten sein Tun und sein Lassen kritisch. Diplomaten in seiner nächsten Umgebung sahen ihn skeptisch. Hilmes beruft sich (eingestandenermaßen) belustigt immer wieder auf Georg von Werthern, eine nicht unzwielichtige Person, und mit ihr, denn der Diplomat war parteiisch, auch auf die Preußenperspektive. Aus heutiger Sicht machen Hilmes und Tauber dem Leser klar, dass Ludwigs Herrschaft über das Land der Bayern byzantinische Züge hatte.

Damit ist kein monarchistischer Superlativ gemeint, sondern bloß ein selbstherrlicher Komparativ. Raumgreifend stand der König auf Bayerns Bühne, mit Einseinundneunzig gewiss stattlich, und nahm die Politik, immerhin Bismarcks „deutsche Lösung“, den Krieg Preußens gegen Österreich, den Krieg gegen Frankreich, die Reichsgründung, wie Störungen in den Kulissen wahr.

Hilmes betont, dass er eine „Lücke“ schließen möchte, indem er die „umfangreiche Biographie von der Wiege bis zur Bahre“ vorlege, die erste seit dem Zweiten Weltkrieg, was ein kühner Satz ist, von stattlicher Missachtung geprägt, denn wie viele Biographen haben bereits die Wiege des Thronfolgers am 25. August 1845 um 0.30 Uhr in Schloss Nymphenburg umstanden, um noch weiter auszuholen. Um zu erzählen, wie die Wittelsbacher bedeutend wurden durch Napoleon, wie sie das bis dahin eher kleine und unscheinbare München groß machten (und leuchten ließen), wie die Dynastie ihr Gottesgnadentum zelebrierte, weil sie, Ludwig II. genauso wie sein Großvater Ludwig I., zutiefst empfänglich war für den französischen Absolutismus.

Absolutismus, bereits das war ein Anachronismus. Schon dieses Faible machte Ludwig zu einem „unzeitgemäßen König“, und Hilmes wiederholt diesen Gedanken, denn er bezieht ihn auf Ludwigs Regierungsverständnis ebenso wie auf dessen Kunstverständnis, auf seine Homosexualität, auf dessen Märchenkönigtum.

Pompös beherrschte er Bayerns Bühne

Verhätschelt und zum Hochmut erzogen (Hilmes), wächst der Thronfolger in einem Ambiente aus vergangenheitsseligen Wandmalereien auf, wird erzogen in einer retrobesessenen Atmosphäre; es lebt bereits der Kronprinz die Weltabgeschiedenheit. Vom ersten Tag an betreibt der König seine Regierungsgeschäfte mit „pompösen Allüren“ und „theatralisch lächerlichen Marotten“ (Hilmes), konfrontiert werden Berater und Kabinett mit den Launen einer, Hilmes ist sich da sicher, narzissistischen und schizotypen Persönlichkeit: mit einer „übersteigerten Selbstbezogenheit“, einer „Unfähigkeit zu echten zwischenmenschlichen Beziehungen“, einem „Schwanken zwischen emotionaler Kälte und übertriebener Schwärmerei“, mit tiefem Misstrauen, hasserfüllten Ressentiments auf der einen Seite, wiederum exaltierter Begeisterungsfähigkeit andererseits. Wenn der König die von ihm geschaffenen Kreaturen, Günstlinge ebenso wie seine Liebhaber, fallen ließ, machte er seine Schöpfungen herunter als Crétins.

Bei Botschaftern und Gesandten hatte Ludwig wegen seiner durchexerzierten Theatralik rasch einen schlechten Ruf, Ludwig, beschäftigt mit Höherem, übersah seine nähere Umgebung, erst recht seitdem er Richard Wagner gegenübergetreten war. Die gegenseitigen Beteuerungen (in Briefen) greifen den Überschwang des 19. Jahrhunderts enthusiastisch auf, wobei Hilmes die Wagner-Verehrung, trotz aller offensichtlichen Verrücktheiten, zunächst ernst nimmt, während er Wagners „Liebesschwüre“ umgehend als die Reaktion eines Bankrotteurs erklärt, als Erwiderungen eines „raffinierten Demagogen“, der „augenblicklich seine Chance erkannte“.

Der Theatraliker auf dem Thron, als Monarch gesegnet mit einem veritablen Realitätsverlust, der sich nach dem Vorbild von Versailles einen Spiegelsaal bauen ließ, größer noch als Versailles, um die Verrücktheit im Schein von tausenden Kerzen einsam und allein einzuweihen: Der Verschwender und sich Verschwendende vibrierte vor Entzücken angesichts der verklärenden Enthaltsamkeitsexerzitien, die er in Wagners Opern vorfand, zunächst im „Lohengrin“, zumal im „Parsifal“: „Stark ist der Zauber des Begehrenden, doch stärker der des Entsagenden“, raunte der Meister, der seinen König gelegentlich als Parsifal ansprach. Wagner, so Tauber eiskalt, wurde dem König zugleich ein „Lieblingsspielzeug und Übervater“.

Oder spielte (dirigierte) Wagner? Der Komponist, der Ludwigs „unüberwindlichen Widerwillen gegen ernstliche Beschäftigung mit Staatsinteressen“ (Hilmes) durchschaute, nutzte, vor allem im Verbund mit Cosima (zusammen ein „Duo infernale“; Tauber), den König umsichtigst aus.

Wagner, der in seinen Kompositionen auch seinen König den Gral schauen und hören, der König, der seinem Komponisten in Bayreuth eine Gralsburg bauen ließ: Die Symbiose, mit bebenden Worten beschworen, dem Herzenskult des 19. Jahrhunderts frönend, dann, vorübergehend, gestört, erneut belebt, war schließlich zerrüttet. Wagner, auch als Scheusal eine Jahrhundertfigur, die sich schier verströmte, „mimte“, so Hilmes, gegenüber seinem König den „liebenden väterlichen Freund“.

Ludwig trug nicht minder theatralisch auf, so dass Hilmes zu dem Urteil kommt, und es ist ein vernichtendes, dass die Korrespondenz der „so ungleichen Männer von Anfang an etwas Gekünsteltes und Fassadenhaftes gehabt“ habe. „Was zum Vorschein kam war – Pappmaché.“

Bei Diagnosen des 19. Jahrhunderts geht es häufig um so etwas wie die Darstellung der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen, auch hier, und dabei trifft sich Hilmes, bei allen Differenzen, mit Christine Taubers Rekonstruktion des „phantastischen Lebens des Königs von Bayern“. Der war, so darf man Taubers Zuspitzungen zugespitzt verstehen, angesichts der nachrevolutionären Realitäten ein Auslaufmodell.

Überfordert, eine Diagnose, die uns so ungemein up to date erscheint, war auch Ludwig, die Regierungsumstände waren ja alles andere als unterkomplex. Einer der Geschichtslehrer am Hofe der Wittelsbacher meinte bereits 1829, dass die „heutige Welt leider allzu viel von den Königen“ erfordere, und das war ein Gedanke, der nicht nur Bedauern und Mitleid heischte. Schwierig das Berufsbild des Königs, so Tauber, umso ausgeprägter Ludwigs absolutistische Illusion.

Sie investierte in Stein. Scheiterte aber durchaus, etwa in München, mit dem Fehlschlag der Architekturgroßmacht Gottfried Semper für ein prunkendes „Festspielhaus der Zukunft“, einem nie zustande gekommenen zweiten Walhall. Ludwigs Architekturen türmten einen Augentrug auf, das Bombastische konnte nicht bombastuös genug sein, und wenn seine Scheinarchitekturen obendrein den neuesten Schrei der Technik bargen, Telefonanschluss und Tischlein-Deck-Dich-Hebemechanismus, dann sicherten er sich damit distanzschaffende Prothesen. Nur ja kein näherer Umgang mit den niederen Ständen! Dass seine Schlösser Linderhof, Neuschwanstein und Herrenchiemsee über Bayern viel zu weit verstreut und obendrein viel zu entlegen waren, als dass er von dort aus hätte regieren können, sollte vormachen, dass seine Metropolenferne von München mythisch legitimiert war. Weltferne, und zwar allerorten.

Für seine Venusgrotte ließ er das erste Elektrizitätswerk Bayerns in Dienst stellen, er war ein Fürst der geklonten Kulissen, ein Gebieter über den Schwulst, und ließ es sich nicht nehmen, als ein Graf Koks aufzutreten, denn er lebte den Hang zum Kitsch aus. Sein Eskapismus berief sich, so Tauber, auf drei Fluchtpunkte: die germanische Sagenwelt, die absolutistische Hofkunst Frankreichs und, Eskapismus und Eklektizismus hatten einen exquisiten Migrationshintergrund, einen orientalischen Exotismus.

Unzeitgemäß als Homosexueller und als Monarch

Ludwigs Ritterträume verleiteten ihn zu den bizarrsten Abstechern auch im politischen Alltag, er investierte Geld nicht nur in seine Paläste, Herrenhäuser und Jagdhütten, er beteiligte sich an politischen Luftschlössern, hegte Pläne für eine zwielichtige Staatengründung; all das ist nicht neu, ebensowenig das „Leiden“, wie der König seinem Tagebuch anvertraute.

Die ärztlichen Gutachten waren nie diskret. Abgesehen davon, dass sie ungemein unseriös waren, erklärten sie seinen Geisteszustand nicht zuletzt mit seinen Selbstbefriedigungsgelüsten, die den „Kini“, ein Kind des 19. Jahrhunderts, zutiefst verstörten und verzweifeln ließen, so dass er sich ärztlich verordneten Torturen unterzog, auch der Behandlung mit unverantwortlichen Medikamenten. Mit dem Kopf des Königs stellten sie weiteres Unheil an. Sich als die Inkarnation eines Gralsritters, als Herrscher einer Heilsgeschichte verstehend und Entsagung verordnend, ordinierte er sich die „königliche Selbstknechtung“.

Der sehr diskrete Biograph Rumschöttel hat Ludwig als einen Grenzgänger beschrieben, und die ständigen Übertritte „nach beiden Seiten“, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, betont. Vor allem im Vergleich mit blitzgescheiten Einsichten bei Tauber wirkt Hilmes’ (ungemein vollmundig angekündigtes) Buch eher brav, zumal wenn er das Vorwort für so etwas wie eine Entschuldigung bei „dem einen oder andern Zeitgenossen“ nutzt, dem die „Enthüllung delikater Trouvaillen“ aus Ludwigs Privatleben „nicht gefallen“ werde. Ist es die Aufgabe von Biographen „zu gefallen“?

Hilmes’ pointiertes Psycho-gramm zeigt einen Unzeitgemäßen, der es privat und öffentlich war, als Homosexueller und als Monarch. Christine Tauber, den zentralen Gedanken Ernst Kantorowiczs über Friedrich II., den Staufer, aufgreifend, spricht von den „beiden Körpern des Königs“: der Unterscheidung zwischen der natürlichen Funktion und der übernatürlichen Bestimmung eines Herrschers, seines sterblichen Körpers und seiner unsterblichen „Sendung“, zumal angesichts der weiterhin nicht geklärten Todesumstände im Starnberger See. Vieles, so ist man sich heute einig, spreche für Selbsttötung. In der Farce, die er selbst heraufbeschworen hatte, war es die Flucht des Königs in die Tragödie.

Mit der Zwei-Körper-Theorie über den König, die Tauber von Kantorowicz hat, raunt dessen Gedanke, man erinnert sich, vom „End- und Erfüllungskaiser der deutschen Träume“ aus den Kulissen. Diese Ultra-Adelung hätte Ludwig gefallen. Natürlich meint auch Tauber das nicht wirklich. Doch bei aller Impulsivität bringt sie eine mythische Facette in das aktuelle Ludwig-Bild, was nicht heißt, dass sie, ebenso wie Hilmes, einen Zweifel daran lässt, dass Ludwig ein Despot war, ein Mann der Weltverachtung und der Menschenverachtung, wagnerianisch schwer verzogen.

Ludwigs Misanthropie lebte das Maßlose aus, seine Visionen vom reinen Gesamtkunstwerk sprangen über und sehnten sich nach einer Abschaffung der „Nichtswürdigen“. Die dann zu Tausenden, bei der Inszenierung des Pompe-funèbre in Münchens Straßen, dennoch Spalier standen.

Nicht nur wegen der gebauten Träume vor den Kulissen der Alpen hinterließ der König seinem Land der Bayern einen Schuldenberg, wobei es sich ebenso gehört, darauf hinzuweisen, dass heute nichts lieber vergessen wird. Wie das nun mal mit Tatsachen so ist, so sind Verklärung und Sensationslust, Kitschgier und Devotionalienhandel heute „ein Wirtschaftsfaktor erster Ordnung“ (Rumschöttel).

Aber diese Faktengeschichte ist schon wieder eine andere Fluchtgeschichte.

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