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Die Welt von nebenan

Märchenhaft

Sudhir Venkatesh ist es gelungen, das Genre des Märchens aufs Wunderbarste wiederzubeleben. Diesmal ist der Held ein Soziologiestudent, der allerdings nicht in die weite Welt ziehen muss. Von Arno Widmann

Von xxawi

In den großen Geschichten der Menschheit, wir nennen sie Märchen, zieht der Bursche aus, besteht vielerlei Gefahren und bringt ein paar Menschen um. Danach heißt er ein Mann. Er kehrt nach Hause zurück, heiratet, und von da an hört man nichts mehr von ihm.

Sudhir Venkatesh ist es gelungen, dieses Genre aufs Wunderbarste wiederzubeleben. Diesmal ist der Held ein Soziologiestudent, der nicht in die weite Welt ziehen, sondern nur die Cottage Grove Avenue überqueren muss, um aus dem geschützten Freiraum des berühmten Soziologie-Seminars der Universität von Chicago in den lebensgefährlichen Dschungel des Lake Park Districts zu gelangen.

Hier möchte er - in Indien geboren, in den USA aufgewachsen - die Lebensbedingungen der schwarzen Unterschicht erforschen. Er geht mit einem Fragebogen bewaffnet in eines der Häuser, wird dort von einer Drogengang festgehalten, lernt deren Boss und durch ihn das Leben und die Ökonomie im US-amerikanischen Underground kennen. Das Objekt der Beobachtung verändert den Beobachter. Aus einem der Statistik verpflichteten Soziologen wird ein Ethnograph, ein teilnehmender Beobachter.

Venkateshs Buch ist ein Forschungsbericht aus einer Welt, in die wir nicht reisen müssen. Sie ist - oft im wörtlichen Sinne - nur einen Steinwurf von den Häusern, in denen wir leben, entfernt. Wir kennen sie dennoch nicht. Denn wir fliehen sie mindestens so sehr, wie sie uns flieht. Es ist eine exotische Geschichte von Crack und Heroin, von Prostitution, Aids und Gewalt. Wir lesen sie, wie wir als Kinder Märchen und Sagen nachts heimlich unter der Bettdecke lasen.

Wie in diesen Geschichten zittern auch wir Leser, während der Held das Fürchten offenbar noch nicht gelernt hat. Er ist von einer phlegmatischen Neugierde, eine kostbare Verbindung, von deren Existenz wir bis zur Lektüre dieses Buches nichts gewusst hatten. Doch natürlich. Wir hatten sie nur für eine Erfindung der Literaten gehalten, die uns Figuren wie Parzival bescherten.

Sudhir Venkatesh ist nach all den Abenteuern aufgenommen worden in die Gemeinschaft der Ritter der Tafelrunde. Er ist heute Professor für Soziologie und Afroamerikanische Studien an der Columbia University in New York. Bei ihm kann man Seminare belegen. Er hat sogar eine E-mail-Adresse und seine Heldenlieder schreibt er selbst.

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