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Andrea Hirata „Der Träumer“

Ein Märchen von dieser Welt

Bildungswunder: Der 1979 geborene Autor Andrea Hirata, derzeit der meistgelesene Schriftsteller Indonesiens, erzählt in seinem autobiografischen Roman „Der Träumer“ von einem Jugendlichen, der raus will aus der Armut. Das funktioniert auch. Teilweise.

Von Susanne Lenz

Ost-Berliner Gymnasiallehrer kennen Schüler wie Ikal. Bei ihnen sind es die Kinder vietnamesischer Einwanderer, die glänzen. Ikal kommt zwar aus Indonesien – dem Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse –, doch auch in dieser Kultur ist Bildung das höchste Gut. „Nur Bildung führt weg vom Reisfeld“, heißt es in Südostasien. Das gibt Kraft, und so straft Ikals Geschichte deutsche Bildungsforscher Lügen. Sie wollen herausgefunden haben, dass schlechte Bildung soziale Ursachen hat. Wer aus einem armen Haushalt kommt, in dem keine Bücher im Regal stehen, versagt in der Schule.

Ikals Vater ist Analphabet, ein einfacher Arbeiter in einer Zinnmine auf der kleinen indonesischen Insel Belitung. Die Mutter kann dank einiger Monate Grundschule mühsam Briefe entziffern. Aber Ikal ist der zweitbeste in seiner Sekundarschule.

In Indonesien ein Bestseller

Ikal ist der Held in „Der Träumer“, dem zweiten ins Deutsche übersetzten Roman des indonesischen Schriftstellers Andrea Hirata, der wahrscheinlich 1975 geboren wurde. Mit dem Erstling „Die Regenbogentruppe“, die ebenfalls von Schülern und Lehrern handelte, wurde er zum meistgelesenen Schriftsteller Indonesiens. Mehr als fünf Millionen Mal hat sich das Buch seit Erscheinen 2005 verkauft.

In dem ebenfalls stark autobiografisch gefärbten „Der Träumer“ verlässt Ikal zusammen mit seinem Freund Arai sein Dorf, denn die weiterführende Schule der kleinen Insel liegt zwei Stunden (mit dem Fahrrad) entfernt. Auch hier trifft er wieder auf engagierte Lehrer, auf liebenswerte und bildungshungrige Klassenkameraden. Ikal will nichts lieber, als seinen vom Leben gebeutelten und gedemütigten Vater zufriedenstellen. Mustergültig! Man kann gar nicht anders, als sich an so einem guten Kind zu erfreuen. Selbst an den Missetaten ergötzt man sich. Einmal schleichen sich die pubertierenden Freunde – angelockt durch eine freizügig gekleidete Frau auf einem Filmplakat – verkleidet und unerlaubt ins Kino.

Es gibt auch eine wirkliche Krise, dafür können sie aber nichts. Der wirtschaftliche Abschwung zwingt den besten Schüler beinahe dazu, die Schule sein zu lassen und irgendwo Geld zu verdienen. Da scheint auch den anderen ihr Weg sinnlos, weil er keine Perspektive zu haben scheint. Wie viele Kinder in Indonesien mögen so denken. Auch Ikal ist kurz davor aufzugeben. Doch sein Freund Arai spornt ihn an: „Vielleicht werden wir nach der Oberschule nur einfache Arbeiter, aber wir werden doch unser späteres Schicksal nicht vorwegnehmen! Wir zeigen uns hier von unserer besten Seite.“ Und er hat recht: Ikal und Arai bekommen schließlich Stipendien für Europa und gehen nach Belgien.

Hier ist der deutsche Leser zu Hause und überrascht darüber, wie wenig er über den Kulturschock erfährt, den Hirata, den sein Stipendium an die Pariser Sorbonne und nach Großbritannien geführt hat, doch auch erlitten haben muss. Aber um psychologische Einzelheiten geht es dem Autor nicht. Er hat eine Art Märchen geschrieben, in dem es an Wundern nicht fehlt. Die indonesische Realität verschafft sich jedoch immer wieder ihr Recht, etwa als Ikal mit dem Diplom in der Tasche keinen Arbeitsplatz findet. Das macht den Roman so bewegend.

„Der Träumer“ ist eine Fortsetzungsgeschichte. Am Ende steigt die junge Frau aus einem Schiff im Hafen Belitungs, die Ikal seit seiner Grundschulzeit liebt und trotz der Affäre mit der blonden Katja drüben in Europa nie vergessen konnte. Ein fieser Cliffhanger. Auf Indonesisch gibt es das dritte Buch wohl schon.

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