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Frauen & Literatur

Männer schreiben, Frauen lesen?

  • Sophie Vorgrimler
    VonSophie Vorgrimler
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Das Festival „Stromern“ in Frankfurt beginnt mit einem Gespräch zu patriarchalen Strukturen im Literaturbetrieb

Wo sind sie, die Kinder und Männer, während des Auftakts des Literaturfestes „Stromern“? Verrichten die Männer zu Hause Fürsorgearbeit - oder haben die Anwesenden erst die Kinder ins Bett gebracht, um dann um 21 Uhr dem Podiumsgespräch zum „(un)sichtbaren Patriarchat“ zu folgen? Man wird es nicht erfahren. Aber nur weil im Frankfurter Haus am Dom zum allerallergrößten Teil Frauen anwesend sind, um über patriarchale Strukturen zu sprechen, geht es noch lange nicht um Hausarbeit, jedenfalls nicht nur: Es geht um Literatur, Literaturbetrieb, Literatur-Kritik, Leser und Leserinnen, den Deutschunterricht und Statistiken und Forschung – und zwischendurch doch etwas um Hausarbeit.

Das Gespräch leitet Sonja Eismann, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin, Mitherausgeberin der feministischen Frauenzeitschrift „Missy Magazine“. Eine von drei Podiumsteilnehmerinnen ist die Journalistin und Autorin Rebekka Endler, die sich mit „patriarchalem Design“ beschäftigt und in diesem Jahr ihr erstes Buch „Das Patriarchat der Dinge“ darüber veröffentlicht hat.

Dafür hat Endler Gegenstände gesammelt, die von Männern für Männer und Frauen gestaltet wurden, die aber nur auf Männer zugeschnitten sind. Die meisten sind „Alltagskram“, viele Designs sind für Frauen ärgerlich oder nervig - im medizinischen Bereich kann es sie das Leben kosten. Angefangen hat die Recherche für Endler, als sie von einer Frau erfahren hat, die über Toilettendesigns forscht. Weil sich Klos häufig an der Physiognomie von Männern orientieren, machen sie „gleichberechtigtes Pinkeln“ unmöglich. Ebenso gibt es viele Haushaltsgeräte, die für Männerhände gestaltet sind oder einseitig gedachte Lösungen im öffentlichen Raum oder im Sport. Manchen Gegenständen und Anekdoten mutet etwas Klischeehaftes oder zumindest Überholtes an, so wie das Beispiel von einer der ersten Profirennfahrerinnen, die sich zweimal einer Vulva-Operation unterziehen musste, weil es Sattel nur in „männlich orientiertem Design“ gab.

Nur ein männlicher Rezensent

Dass Endlers Buch bisher nur einmal von einem männlichen Rezensenten besprochen wurde, ist bei Büchern von Autorinnen nicht selten. Dass Schüler und Schülerinnen in Deutschland ein Abitur bestehen können, ohne ein einziges Buch einer Frau gelesen zu haben, ist ebenso aktuell.

Beides sind Beispiele, die Nicole Seifert, Autorin und Übersetzerin, in die Runde mitgebracht hat.

Sie beschäftigt sich auf einem ausgezeichneten Literaturblog mit Literatur von Frauen und wird in diesem Monat ihr Buch „Frauen Literatur – Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“ veröffentlichen. „Mädchen lernen, sich in männliche Protagonisten reinzudenken und es wird der Eindruck gefestigt, Bücher von Frauen seien nicht relevant“, kritisiert sie. Von ihren Recherchen weiß Seifert: Der Literaturkanon ist männerdominiert, meist sind in Übersichtswerken zur Literaturgeschichte nur zehn Prozent Autorinnen vertreten. Die Tendenz steigt – hauptsächlich wegen Wiederentdeckungen. Ein Missverhältnis besteht auch in der Literaturkritik: Nur gut ein Viertel aller Rezensionen behandeln Literatur von Frauen, obwohl Frauen ebenso viele Bücher publizieren wie Männer.

Zwischen Zorn und Gelächter liegt die Reaktion auf Rezensionen, die Seifert vorliest: Männliche Literaturkritiker, die eifrig bemüht darum sind, Autorinnen ihr literarisches Können abzusprechen und ihr Schreiben lächerlich zu machen. Trotzdem habe sich „echt viel getan“, sagt Seifert. Alle drei sind sich einig, aktuell auf einer unerwarteten, aber nicht unwillkommenen feministischen Hipness-Welle zu surfen. Dennoch findet Endler „machen wir vieles zu sehr unter uns aus.“

Das Gute am Ende einer Veranstaltung zu patriarchalen Strukturen im Literaturbetrieb ist immerhin, dass die Damen in der Schlange vor den Toiletten ganz ungeniert die freie Herrentoilette mitnutzen können.

Vielleicht liegt das Verhältnis auch nur daran, dass Frauen generell mehr Literatur lesen als Männer.

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